Barbie schneidet Kindergespräche mit

War es das jetzt mit der unbeschwerten Kindheit? Die neue Barbie hat ein Mikrofon im Kopf. Der Spielzeughersteller Mattel schickt den Eltern jede Woche eine Audiodatei.

Seit die Hello Barbie in New York präsentiert wurde, sehen um Datenschutz und Kindeswohl besorgte Initiativen schwarz. Foto: Ann-Kathrin Müller («Die Welt»)

Seit die Hello Barbie in New York präsentiert wurde, sehen um Datenschutz und Kindeswohl besorgte Initiativen schwarz. Foto: Ann-Kathrin Müller («Die Welt»)

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Mattel weiss, wovon Kinder träumen: «Immer wieder haben wir zu hören ­bekommen, wie gerne sich Mädchen mit ihrer Barbie unterhalten würden.» ­Deswegen bringt das Unternehmen im Herbst, rechtzeitig zum Weihnachts­geschäft, in den USA die Hello Barbie auf den Markt. Alles, was man in ihr Mikrofon spricht, wird per WLAN auf eine ­Datenbank in der Cloud geladen. Eine vom Start-up-Unternehmen Toytalk ent­wickelte Spracherkennungs- und Konversationssoftware lässt die Antworten der Puppe wirken, als gingen sie tatsächlich auf das Kind ein, das mit ihr spielt. Wenn es Barbie erzählt hat, dass es gerne auf der Bühne stehe, und später fragt, was es einmal werden solle, sagt sie: «Vielleicht Tänzerin. Oder Politi­kerin. Oder eine tanzende Politikerin. Ich sage immer: Alles ist möglich.»

Das stimmt. Weil elterliche Kontrolle wichtiger ist als die kindliche Illusion, Freundinnen würden einen nicht verpetzen, dürfen die Eltern erfahren, was der Puppe anvertraut wird: Mattel schickt wöchentlich Links zu den Audiofiles, die das Kind besprochen hat. Bei modernen Eltern sind Geheimnisse schliesslich gut aufgehoben. Sie könnten ihrem Kind zum Beispiel einen kleinen Hund schenken, wenn es Barbie erzählt hat, wie gerne es ein Pony hätte. Oder sie erführen, wenn ein von Zucker und TV aufgeputschtes Kind im Kinder­garten austickt, und könnten sich die Erzieherinnen zur Brust nehmen. Vor allem würden sie endlich wissen, wie es ihm wirklich geht, wenn es alleine ist.

Eine geheimnislose Zukunft

Also werden sie die Hello Barbie kaufen, selbst wenn sie Barbie wegen ihrer kranken Körpermasse und fragwürdigen Geschlechterrollen-Klischees bisher nicht mochten. Aber die Hello Barbie ist anders, Lernspielzeug auf der Höhe der Zeit, die das Storytelling stimuliert, zudem sehr lehrreich für die Eltern. Das Geplapper lässt sich ja auch analysieren. Ob das Lispeln besser wird zum Beispiel, vielleicht sollte man doch den Logo­päden darauf ansetzen. Kann auch sein, dass etwas gesagt wird, das mit Papa zu tun hat und der Psychoanalytiker einmal brauchen wird bei der Forensik ­dessen, was schiefgelaufen ist. Oder das Gericht, falls es, Gott behüte, mal um das Sorgerecht gehen sollte.

«Mattel ist Datensicherheit wichtig, und die Hello Barbie genügt allen einschlägigen gesetzlichen Vorschriften wie dem Children’s Online Privacy ­Protection Act», antwortet die Sprecherin des Unternehmens auf Einwände, die Puppe sei kein Spielzeug, sondern ein Spitzel im Kinderzimmer. Seit die Hello Barbie im Frühjahr bei der New Yorker Spielzeugmesse präsentiert wurde, malen sich alle möglichen um Kindeswohl und Datenschutz besorgten Initiativen unschöne Szenarien aus, erst  am Freitagabend wurde die Mattel-Innovation vom rührigen Bielefelder Verein Digitalcourage mit einem Big ­Brother Award bedacht.

Es könne doch sein, sagen die Skep­tiker, dass die neue Barbie subtil Werbung mache. Und wenn alles, was ihr von Kindern anvertraut wird, in einer Serverfarm landet, kommen möglicherweise ja auch Hacker ran. Auch Menschen, die sich nie mit Datensicherheit und den Konse­quenzen von Big Data befasst haben, fällt es leicht, sich auszumalen, was man mit dem Zeug alles anstellen kann. In Zukunft wird Mattel jedenfalls sehr viel ­genauer als bisher wissen, wie man ­Kinder erfolgreich anspricht.

Niemand müsse sich Sorgen machen, versichert Mattel. Die Daten müssten nur deswegen auf eine Cloud geladen werden, damit Spracherkennung und Konversationserlebnis optimiert werden können. Was auf den Servern lande, werde bloss zwei Jahre lang gespeichert. Ausserdem kann man mit der Hello ­Barbie nur spielen, wenn die Eltern zuvor ihr Einverständnis erklärt haben.

Möglicherweise ist das das grösste Problem. Denn selbst wenn Mattel ein Einsehen hätte und die Spitzel-Barbie nicht auf den Markt brächte, zeigt allein der Umstand, dass sich jemand so eine Puppe ausgedacht hat, wohin die Reise geht. Die Kindheit der Zukunft wird so geheimnislos sein, wie sie sich Edward Snowden in seiner Weihnachtsbotschaft ausmalte: «Kinder, die heute geboren werden, werden nie erfahren, was es ­bedeutet, private Augenblicke nur für sich selbst, undokumentierte und unanalysierte Gedanken zu haben.»

Entdeckt: Spermaflecken

Das liegt auch daran, dass man mittlerweile mit genügend Eltern rechnen kann, deren Neugierde aus Fürsorge souverän Diskretionsschranken ignoriert. Schliesslich kann ja so ungeheuer viel schiefgehen: Der Typ, der auf dem Spielplatz neben einem auf der Bank sitzt, ist möglicherweise kein Papa in den Ferien, sondern Politiker mit einem Faible für Knaben. Babysitter, die ihre Aufsichtspflichten vergessen, lebens­gefährliche Piratenschiffe auf Abenteuerspielplätzen, Dealer vor der Schule, Salafisten im Internet: eine Sekunde nicht aufgepasst, und alles ist verloren. Es wäre fahrlässig, nicht ständig achtzugeben, dass diese eine Sekunde nicht eintritt. Deswegen werden heutige Kinder nicht mehr sich selbst überlassen.

Die Selbstberuhigung, dass schon nichts passieren werde, gilt nicht mehr in einer Welt, in der man ständig zu hören bekommt, wie viel passiert, und in der es so viele Geräte gibt, mit denen sich verhindern lässt, dass etwas passiert. So stimmten in einer amerikanischen Umfrage 68 Prozent der Aussage zu, es sollte Kindern unter neun Jahren gesetzlich verboten werden, unbeaufsichtigt im Park zu spielen.

Längst gebiert das Zusammentreffen von elterlichem Möglichkeitssinn und technologischem Fortschritt eine Kontrolle, die sich kein Erwachsener gefallen liesse. Der Schlaf von Säuglingen wird von Sensoren überwacht, die bei Veränderung der Atemfrequenz Alarm schlagen. In manchen dänischen Kindertagesstätten kann man per Web­kamera nachsehen, ob es den Kleinen gut geht, während man im Büro sitzt. Das vernetzte Heim erlaubt es, die Babysitterin zu kontrollieren. GPS-Armbänder geben nach Hause durch, sobald sich das Kind über jene Grenzen hinausbewegt, die man zuvor festgelegt hat. Es gibt auch Peilsender für Schulranzen, Kuscheltiere, deren Augen Kameraobjektive sind, Drogentestsets und Chemikalien, mit denen sich Spermaflecken auf Unterwäsche sichtbar machen lassen. Falls man der Tochter nicht glaubt, dass mit den Jungs noch nichts läuft.

Mit der realen Gefahrenlage hat das alles nichts zu tun. Viele Untersuchungen in westlichen Gesellschaften belegen, dass Kinder heute nicht anders ­aufwachsen als vor 20 oder 30 Jahren – Entführungen, tödliche Unfälle auf dem Spielplatz, sadistische Babysitter und dergleichen kommen immer noch kaum je vor. Allerdings werden die Bedrohungen der Kindheit von den Medien häufiger beschworen und die Debatten über richtige Erziehung so viel erbitterter als noch vor zwei Generationen geführt, dass die Angst, man könnte etwas falsch machen, stets gegenwärtig bleibt.

Verwandelt Eltern in Eltern!

Die idyllischen Geschichten, wie Kindheit einmal gewesen ist – im Sommer aufs Bike, Rumtoben am See, Schlangenbrot am Lagerfeuer –, können einem ja nur jene Erwachsenen erzählen, die überlebt haben. Die Kinder, die in Pools gefallen oder von Irren verschleppt worden sind, hätten etwas anderes zu berichten. Mag sein, dass sie für die Statistik nur tragische Einzelfälle sind. Doch wieso sollte man sein Kind dem Risiko aussetzen, zu einem tragischen Einzelfall zu werden?

Dazu kommt, dass Erwachsene sich längst beigebracht haben, mit ständiger Überwachung zu leben. Sie kaufen sich ja dauernd Geräte, die ihren Fitnessstatus oder ihre Aufenthaltsorte an Google schicken. Wenn sich die NSA so etwas erlaubt, ist es eine Schweinerei, keine Frage. Aber was sollte verwerflich daran sein, es selbst zu machen? Man möchte doch nur reagieren können, frühzeitig.

Vielleicht sollte ein hoch begabtes Kind eine App erfinden, die Eltern in Einhörner verwandelt. Oder in Eltern.

Copyright «Die Welt» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.05.2015, 23:20 Uhr)

Video

Der Weg zum Barbie-Look. Quelle: Youtube

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