«Bedroht ist unsere persönliche Würde»

Yvonne Hofstetter entwickelt intelligente Systeme für Privatfirmen und fürs Militär. Jetzt warnt sie vor der wachsenden Macht jener, die unsere Daten sammeln und verwerten.

«Wenn keine Alternative zur Datenabschöpfung angeboten wird, ist das Erpressung», sagt Yvonne Hofstetter. Foto: Heimo Aga

«Wenn keine Alternative zur Datenabschöpfung angeboten wird, ist das Erpressung», sagt Yvonne Hofstetter. Foto: Heimo Aga

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Sie warnen in Ihrem soeben erschienenen Buch, dass neue Informationseliten uns schon bald beherrschen könnten. Ist die Lage wirklich so dramatisch?
Ja. Es findet eine Machtverschiebung vom Staat zu privaten Institutionen statt, die Daten über uns sammeln, um sie kommerziell auszuwerten.

Was ist daran so gefährlich?
Es geht um das, was wir mit dem unscharfen Begriff Big Data bezeichnen. Gemeint ist, dass Firmen viele Daten über uns sammeln, speichern und auswerten, um unser Verhalten und unsere Gefühle zu kontrollieren, ohne dass wir etwas davon bemerken. Früher gab der Staat im Militärbereich viel Geld für solche Programme aus. Heute sind Firmen wie Google und Facebook weit aktiver. Die Macht verschiebt sich dahin, wo die Daten und die Technologien vorhanden sind, diese Daten auszuwerten und für bestimmte Zwecke zu nutzen.

Sie schreiben, die Daten würden genutzt, um unser Verhalten und unsere Gefühle zu kontrollieren. Wie muss man sich diese Manipulationen konkret vorstellen?
Schon 2012 hat Facebook ein Psycho-Experiment durchgeführt. Man manipulierte die Chronologie von 600'000 Nutzern, indem die Postings neu angeordnet wurden. Die Frage war: Ist es möglich, die Stimmung der Nutzer zu manipulieren? Die Antwort war Ja. Das Beispiel belegt, dass hinter den Kulissen an Strategien getüftelt wird, mit denen man die Nutzer beeinflussen kann, ohne dass sie etwas davon bemerken.

Und das gefährdet die Demokratie?
Man muss sich fragen: Was passiert, wenn ein paar wenige Meinungsmacher im Internet nur ausgewählte Informationen zulassen und andere unterdrücken? Dann wird die öffentliche Meinung manipuliert. Für eine Demokratie aber ist die freie Meinungsbildung aufgrund von Fakten wesentlich.

Der Erfolg der sozialen Medien zeigt: Den Leuten ist es relativ egal, was mit ihren persönlichen Daten passiert. Wie erklären Sie sich diese Gleichgültigkeit?
Den Menschen ist nicht klar, was hinter dem Bildschirm passiert, während sie auf der schönen Benutzeroberfläche ihrer Selbstliebe nachhängen. Hinter dem Bildschirm bildet sich ein neues Ökosystem von intelligenten Maschinen, die Nutzerdaten sammeln und analysieren. Je mehr Daten diese Maschinen haben, desto vollständiger wird ihr Bild von uns. Man muss sich nur anschauen, was im Militär passiert, um die potenzielle Reichweite solcher Analysen zu erkennen. Beim Militär handelt es sich aber um eine staatlich kontrollierte Institution, während wir es bei der Kommerzialisierung mit privaten Firmen zu tun haben, die der Souverän nicht kontrolliert.

Wenn Amazon mir Bücher vorschlägt, die mir gefallen könnten, ist das doch harmlos.
Die Daten, die Sie hinterlassen, bleiben häufig nicht da, wo Sie sie eingegeben haben. Sie werden weiterverkauft, und es werden neue Informationen über Sie abgeleitet. Aus Ihren Daten kann man Rückschlüsse auf Ihre Familienverhältnisse ziehen, Ihre Freundschaften und wie Sie diese pflegen, Ihre Ausgehgewohnheiten und vieles mehr. Nun gibt es private Firmen, die diese Daten kaufen und daraufhin analysieren, ob Sie kreditwürdig sind, und zum Beispiel den Umstand, dass Sie Ihre Freunde oft wechseln, als Zeichen für Unzuverlässigkeit werten. Sie selbst wissen nichts von diesen Ergebnissen und können sie also auch nicht überprüfen. Doch wenn Sie plötzlich nicht mehr kreditwürdig sind und nicht einmal wissen, warum, beeinflusst das Ihr Leben und Ihre Zukunft sehr direkt.

Unlängst wurde bekannt, dass die staatliche Postfinance die Daten ihrer Kunden abschöpfen und weiterverkaufen möchte. Wer nicht mitmachen will, muss kündigen. Was sagen Sie dazu?
Gerade bei einer Monopolstellung ist der Aufwand für Kunden sehr hoch, das Finanzinstitut zu wechseln, weil man bei diesem Institut häufig mehrere Produkte wie Versicherung und Sparkonto hat. Wenn ein solches Institut keine Alternative zur Datenabschöpfung anbietet, sondern sagt, wer nicht mitmachen wolle, solle gehen, ist das Erpressung.

Ist es nicht das Recht jeder Firma, Kundendaten weiterzuverwenden, sofern dies transparent geschieht?
Europäische Rechtsordnungen verbieten es grundsätzlich, persönliche Daten zu erheben und weiterzuverwenden, es sei denn, der Betroffene stimmt der Datenverwertung ausdrücklich zu. Viele Geschäftsmodelle rund um die Datenverwertung kommen aber aus den USA, wo man eine andere Rechtsauf­fassung hat.

Inwiefern?
Die europäischen Rechtsordnungen gründen letztlich in der Idee der Menschenwürde, während in den USA die Idee der Freiheit vorherrscht. Geschäftsmodelle aus den USA nutzen diese Freiheit, um für den finanziellen Erfolg alles zu tun. Diese amerikanischen Geschäftspraktiken sind in Europa aber oft nur halb legal. Deshalb gibt es zahllose rechtliche Konflikte mit datenbasierten Geschäftsmodellen aus den USA.

Sie vergleichen die Situation heute mit der Industrialisierung, als die menschliche Arbeit Warencharakter bekam. Das veränderte die Gesellschaft tiefgreifend. Inwiefern kann man denn persönliche Daten mit Arbeit vergleichen?
Die Arbeit hat – wie die persönlichen Daten – einen ethischen Wert, weil sie so eng mit unserer Existenz verbunden ist: Für die Arbeit bekommt man Lohn, mit dem man sein Leben finanziert und sich eine gesellschaftliche Stellung sichert. Das ist existenziell wichtig für den Menschen. Mit der digitalen Revolution ist ein neues Gut hinzugekommen, mit dem der Mensch am wirtschaftlichen Leben teilhat: seine persönlichen Daten.

Und wieso sollen diese Daten eine eigene Würde haben?
Es handelt sich eben um mehr als simple Informationen über Zivilstand und Bankkonto. Dazu gehören die sozialen Beziehungen, die täglichen Aktivitäten, die körperliche und geistige Verfassung, Denken, Tun und Wünschen. Diesen Daten wohnt etwas von der besonderen Stellung des Menschen inne. Das gibt ­ihnen einen ethischen Wert.

In den sozialen Medien ist es mit dem Bewusstsein für die Würde des Einzelnen nicht weit her.
Das mag sein, aber es geht hier nicht um das Verhalten einzelner, sondern um ethische Grundfragen. Die persönliche Würde gehört zu dem Menschenbild, das europäischen Verfassungen zugrunde liegt. Wenn man nun sieht, was mit den persönlichen Daten alles gemacht werden kann und welchen Einfluss dies auf unser Leben haben kann, bedroht dies unsere persönliche Würde. Es macht die Frage, wer persönliche Daten in welcher Form verwenden darf, sehr dringlich.

Das Ganze geschieht vor allem in den USA. Sind da die Möglichkeiten, in Europa etwas dagegen zu tun, nicht beschränkt?
Der Staat sollte Mathematiker und Physiker anstellen, das ganze digitale System als Modell zu konzipieren. Die Frage ist doch, mit welchen Werkzeugen wir das System am effektivsten nach unseren Wünschen beeinflussen, also welche Variablen man wie beeinflussen muss. Der deutsche Innenminister hat den Vorschlag gebracht, eine ganze Reihe von Verboten aufzustellen – aber vielleicht sind Verbote nicht in jedem Fall effektiv. Ein System, das auf Gewinn ausgerichtet ist, lässt sich am besten über Geld steuern, und deshalb wäre eine Steuer vielleicht effektiver als ein Verbot.

Ist denkbar, dass Europa eigene Systeme baut wie China?
Die Chinesen sind völlig unabhängig, die haben ihr eigenes Google, ihr eigenes Twitter und Facebook. Als sie das bauten, wurden sie kritisiert, es gehe ihnen nur um totalitäre Kontrolle. Tatsache ist, dass die eigene Infrastruktur sie unabhängig von den Technologien anderer Staaten macht.

Hat Europa noch eine Chance auf technologische Autonomie?
Technologisch wäre das ohne weiteres machbar, es gibt sehr viele gute Technologen in Europa. Es mangelt aber an ­Risikobereitschaft und darum auch am nötigen Risikokapital. Es fehlt schlicht am Geld, entsprechende Start-ups zu finanzieren. Die EU hat zwar Fördermittel, aber da die Union eine so schwerfällige Bürokratie hat, dauert es viel zu lange, bis sie gesprochen werden.

Die nächste Entwicklung, die sich abzeichnet, sind Sensoren im öffentlichen Raum, die unsere Bewegungen aufzeichnen. Gibt es da Bemühungen, die Verwendung dieser Daten zu regeln?
Das ist qualitativ eine neue Herausforderung. Wenn Sensoren unsere Bewegungen aufzeichnen, werden diese Daten nämlich nicht von einem Konzern erhoben wie bei Google oder Facebook. Nehmen wir zum Beispiel die Google-Brille, mit der wir herumlaufen, Mitmenschen filmen und diese Filme auf Facebook stellen können. Wer das tut, verstösst in der Schweiz gegen zahlreiche Rechtsvorschriften. Aber was, wenn die halbe Schweiz mit dieser Brille rumläuft? Kann man die Regeln dann überhaupt noch durchsetzen?

Aber das Problem ist erkannt, oder?
Es herrscht immer noch eine grosse Sorglosigkeit, weil die Leute davon ausgehen, dass man sich mit entsprechendem Verhalten schützen kann, etwa indem man einfach wenig Daten preisgibt. Aber die Entwicklung mit den Sensoren zeigt, dass das nicht genügt. Unsere Behörden sind deshalb gefordert: Sie müssen diese Fragen schnell angehen und klären. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.10.2014, 18:18 Uhr)

Yvonne Hofstetter

Datenanalystin

Der 48-jährige Juristin führt ein IT-Unter­nehmen in der Nähe von München, das auf die Auswertung grosser Datenmengen spezialisiert ist. Gerade ist ihr erstes Buch erschienen:

Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. Bertelsmann, München 2014. 352 S., ca. 28 Fr.

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Big Data ist zur Schlüsseltechnologie geworden und zwingt KMUs wie Konzerne, bestehende Prozesse und Strategien zu überdenken. Mit einer Vielzahl an aussagekräftigen Business Cases und Diskussionsrunden widmet sich das Tages-Anzeiger Forum «Algorithmus 2014 – Big-Data-Strategien für das Unternehmen von morgen» vom 5. November 2014 den Fragen, wie Unternehmen aus Big Data Wert schöpfen können, welche Tools Big Data für Führungspersönlichkeiten bereit hält und welche juristischen Aspekte es im Zusammenhang mit der Datennutzung zu beachten gilt. Wir verlosen 5 Gastkarten für das hochkarätige Forum in Zürich. Am Wettbewerb beteiligen können Sie sich hier. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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