«Beim Wandern muss man Psychodramen bestehen»
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 13.08.2009 10 Kommentare
Professioneller Wanderer: Thomas Widmer.
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Alle sprechen über den neuen Wanderboom. Bemerken Sie etwas davon?
Mir fällt vor allem die Generationenablösung auf. Ich gehöre mit meinen 47 Jahren inzwischen schon zu den älteren Wandern. Bei den jüngeren Wanderern fallen mir vor allem zwei neue Gruppen auf: das sind einerseits die jungen Deutschen, die das Wandern entdeckt haben und die jungen Frauen. Gerade die Frauen bringen auch einen neuen Stil mit. Sie pflegen weniger das Kampfwandern, sondern betreiben eine Mischung aus Wellness, Sport und Freundschaft. Das heisst, man steht nicht wahnsinnig früh auf, nimmt um acht das Postauto in Zürich, beginnt um zehn mit der Wanderung, isst irgendwo etwas, geht vielleicht baden unterwegs und ist zu Zeiten wieder zurück.
Worauf führen Sie den Boom zurück?
Eine Rolle spielen sicher Wandersendungen wie diejenige mit Nik Hartmann «Über Stock und Stein». Allgemein befinden wir uns aber auch in einer Zeit, da die Leute wieder nach Werten suchen, nach authentischen Erlebnissen, nach Gefühlen. Und in eine Landschaft, auf eine unberührte Alp zu gehen, entspricht diesem Bedürfnis. Es ist die Suche nach einer gewissen Einfachheit.
Was sind für Sie die schönsten Momente beim Wandern?
Ich verstehe Wandern als alpinen Buddhismus: Man löst sich vom normalen Schweizer Alltag, der verstädterten Mittellandschweiz, der eigenen Büroexistenz und entdeckt, dass es da ganz weit oben noch eine andere, sehr freie Schweiz gibt. Wichtig sind auch die Freundschaften. Beim Wandern kommt man sich sehr viel näher, als wenn man in der Stadt etwas unternimmt. Man muss schwierige Situationen, Psychodramen bestehen, das schweisst zusammen.
Zum Beispiel?
Es gibt die klassische Situation, wenn das Wetter unsicher ist und man sich nicht einig wird, ob man die Tour fortsetzen soll, oder nicht. Das sind Entscheidungsprozesse, die auch zu Streit führen können. Psychodrama kann aber auch bedeuten, dass man seit acht Stunden unterwegs und erschöpft ist, Blasen an den Füssen hat und dann erfährt, dass man noch zwei Stunden weiterwandern muss. Da kann man ganz andere körperliche Zustände erfahren, manchmal kommt sogar Euphorie auf.
Was war ihr dramatischstes Erlebnis beim Wandern?
Ein Mal verlief ich mich oberhalb des Lukmanierpasses, es begann einzunachten und ich fand den Weg durch die felsigen Abhänge nicht mehr. Zum Biwakieren war ich auch nicht ausgerüstet. Das war schwierig.
Wie haben Sie reagiert?
Ich lief zügig voran, dann hörte ich Kühe. Und wo es Kühe gibt, gibt es auch Menschen, beziehungsweise einen Weg zu den Menschen. Etwa eine Stunde lang suchte ich die Kühe, und folgte dann den Kuhstapfen. Schliesslich fand ich eine Passage in der Felswand, die mich nach unten führte.
Die meisten Kinder finden Wandern todlangweilig. Ab wann ist man reif zum Wandern?
Als Kind fand ich wandern auch das Letzte. An den Sonntagen wollte ich mich am liebsten mit meinen Detektivgeschichten unter der Bettdecke verkriechen, stattdessen musste ich ans Sonnenlicht. Das fand ich schrecklich. Erst als ich Ende zwanzig nach der Uni in einem Büro zu arbeiten begann, nahm ich es wieder auf und stellte fest, dass es den Kopf erfrischte. Möglicherweise braucht es einige Zeit, bis man Lust hat, die positiven Seiten der eigenen Kindheit auszugraben
Sie schreiben auch übers Wandern. Wer sind ihre Leser?
Die Wandercommunity ist ziemlich gross und weit verzweigt. Es gibt Wandersendungen am Radio, im Fernsehen, es gibt Websites wie Wandersite.ch, es gibt viele, viele Blogs, die sich ums Wandern drehen, es gibt Geopashing, eine Art Schnitzeljagd mit GPS. Meine Kolumne ist ein Teil dieser Community. Viele Leute schreiben mir, korrigieren mich vielleicht, ich bekomme Mails von Leuten, die nicht mehr wandern können aber durch die Kolumne mitwandern, es gibt sogar Nichtwanderer, die nach dem Lesen meiner Kolumne das Gefühl haben, sie hätten Sport gemacht.
Hat man in einem kleinen Land wie der Schweiz nicht irgendwann alles abgewandert?
Die Schweiz ist das Land der tausend oder eher zehntausend Täler. Der Kanton Wallis beispielsweise ist wie ein Baum, der Stamm ist die Rohne, von dem grosse Seitenäste abgehen und von da verzweigen sich immer weitere Äste. Meine Lebenszeit wäre nicht ausreichend, um nur schon den ganzen Kanton Bern abzuwandern. Es ist unendlich.
Welches ist Ihre Lieblingsstrecke?
Es gibt eine Strecke, die ich jeweils an meinem Geburtstag mache und zwar geht die auf den grossen Mythen. Das ist sozusagen das Matterhorn von uns Wanderern, ein charakteristischer Gipfel, den man mit den Mitteln des Wanderns erklimmen kann und nicht erklettern muss. Auch auf den Säntis versuche ich jedes Jahr einmal zu gehen und auf den Gäbris.
Gibt es Konflikte zwischen Wanderern anderen Sportlern wie Bikern oder Nordic-Walkern?
Mir fällt nur auf, dass Biker überaus freundlich sind und immer Angst haben, sie könnten die Wanderer stören. Was mich viel mehr stört ist, dass die Züge an den Wochenenden Jahr für Jahr voller werden. Manchmal macht dich die Hin- und Rückreise viel mehr fertig, als die Wanderung selbst.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.08.2009, 11:32 Uhr
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10 Kommentare
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