Betäubt von Schuldgefühlen

K.-o.-Tropfen werden seltener in Drinks gemischt als angenommen.

Beliebte Partydroge: Ampullen mit GHB. Foto: Regina Kühne (Keystone)

Beliebte Partydroge: Ampullen mit GHB. Foto: Regina Kühne (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wurden ihr K.-o.-Tropfen verabreicht oder nicht? Die Affäre um eine Zuger Kantonsrätin hält die Schweiz in Atem. In Blut und Urin konnten keine narkotisierenden Stoffe nachgewiesen werden. Nun hat auch die Haarprobe, die Betäubungsmittel in der Regel sicher feststellen kann, keine Hinweise auf K.-o.-Tropfen ergeben.

Was zwischen der Politikerin und dem SVP-Kantonsrat, den sie indirekt des Missbrauchs bezichtigte, passierte, wird man wohl nie erfahren. Doch der Fall beleuchtet die seltsame Wahrnehmung von K.-o.-Tropfen, die in der Bevölkerung und den Medien vorherrscht. «Sie gehen gern aus? Prima – solange Sie achtgeben, was Sie trinken», schrieb der «Cosmopolitan». Auch in anderen Titeln wird die Angst vor Vergewaltigungsdrogen geschürt.

Dabei trügt bereits die Bezeichnung «K.-o.-Tropfen». Darunter fallen zahlreiche Wirkstoffe – davon sind nur GHB und GBL in liquider Form im Umlauf. Zu den «Tropfen» gehören auch Ketamin oder Medikamente wie die weitverbreiteten Beruhigungsmittel der Benzodiazepine, etwa Temesta oder Xanax. Die Polizei spricht denn auch von «K.-o.-Mitteln».

Ihre Ermittlungen gestalten sich schwierig: Jemand, der Beruhigungspillen nimmt und dann zu viel Alkohol trinkt, hat genauso einen Filmriss wie jemand, dem heimlich Benzodiazepine verabreicht wurden. Weil es sich bei GHB und GBL um Partydrogen handelt, könnten sich die Opfer durchaus selbst ausgeschaltet haben.

Bei der Staatsanwaltschaft Zürich wird die vermutete oder tatsächliche Verabreichung von K.-o.-Tropfen, die, für sich genommen, schon den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung erfüllt, nicht erfasst. Laut der Kantonspolizei bewegt sich die Anzahl Anzeigen «im niedrigen Bereich, Tendenz leicht steigend».

Internationale Studien sprechen gegen den weitverbreiteten Gebrauch von K.-o.-Tropfen. Das «British Journal of Criminology» bezeichnete diese gar als «Urban Legend». In einer Studie wurden 200 Mädchen untersucht, die nachts in die Notaufnahme kamen und behaupteten, jemand habe etwas in ihren Drink getan und sie vergewaltigt. Keine Urinprobe enthielt Vergewaltigungsdrogen, aber in 94 Prozent der Fälle wurde ein deutlich überhöhter Blutalkohol nachgewiesen.

Auch eine australische Studie kommt zum Schluss, dass keiner der 97 Patienten, die in einem Krankenhaus in Perth wegen vermeintlichen Konsums von K.-o.-Tropfen eingeliefert wurden, diesen tatsächlich ausgesetzt waren. Und im «Deutschen Ärzteblatt» stand: Die häufigste Substanz, die im Zusammenhang mit Sexualdelikten nachgewiesen werde, sei zu 40 bis 60 Prozent Alkohol, gefolgt von Drogen wie Cannabis oder Kokain.

Natürlich gibt es auch eindeutige Fälle. Kürzlich wurde im Aargau ein Mann angeklagt, der in einer Wohnung angeblich Feuchtigkeitsmessungen vornahm. Dabei schüttete er der Bewohnerin K.-o.-Tropfen in den Kaffee, um sie zu vergewaltigen.

Dass Männer im Ausgang heimlich GHB in Drinks mischen, entspricht allerdings kaum der Realität. Die Lippenstifte, die den Konsum solcher vergifteten Getränke anzeigen, zeugen eher von Paranoia.

Heikle Vorwürfe an Frauen

In Männerforen gelten Vergewaltigungen mittels K.-o.-Tropfen denn auch als feministische Erfindung, um Männer zu verunglimpfen. Das ist Schwachsinn. Einleuchtender klingt die Erklärung im «British Journal of Criminology»: Viele junge Frauen trinken heute deutlich mehr Alkohol als früher und verlagern ihre Ängste über die Folgen exzessiven Trinkens auf die vermeintliche Gefahr von gepanschten Drinks. Will heissen: Hauen sie über die Stränge, glauben sie aufrichtig, dass ihnen Drogen verabreicht wurden. Umso mehr, wenn es tatsächlich zu einem ungewollten sexuellen Übergriff kam.

Den Frauen dies vorzuwerfen, ist heikel. In einer Gesellschaft, die alkoholisierten Vergewaltigungsopfern oft eine Mitschuld unterstellt, ist ihr Verhalten nachvollziehbar. Das Narrativ der K.-o.-Tropfen befreit sie von Schuldgefühlen – die sie gar nicht haben müssten. Denn Vergewaltigungen entstehen nicht durch Alkohol, sondern durch Vergewaltiger.

Was aber wenn der Mann ebenfalls betrunken war? Dann ist man beim Fall Spiess-Hegglin und um eine klare Antwort verlegen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.03.2015, 23:13 Uhr)

Artikel zum Thema

Spiess-Hegglin ist «nicht überrascht»

Die Haaranalyse bei Jolanda Spiess-Hegglin hat keinen Nachweis für K.-o.-Tropfen erbracht. Die Zuger Lokalpolitikerin hat mit diesem Ergebnis gerechnet. Mehr...

«Er hat mir bestätigt, dass es zu Geschlechtsverkehr gekommen sei»

Interview Trotz des negativen Tests glaubt Jolanda Spiess-Hegglin, dass K.-o.-Tropfen im Spiel waren. Im Interview sagt die Zuger Kantonsrätin, was am Tag nach der Landammannfeier geschah. Mehr...

Auch Hürlimann kann sich nicht erinnern

Trotz des negativen Tests ist die Zuger Kantonsrätin Spiess-Hegglin überzeugt, dass an der Landammannfeier K.o.-Tropfen im Spiel waren. Auch der Zuger SVP-Präsident Markus Hürlimann nimmt Stellung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Werbung

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Reptilien in Not: An der Grenze zwischen Paraguay und Argentinien tummeln sich Kaimane auf der Suche nach Wasser in einem Tümpel, da der Fluss Pilcomayo kaum noch Wasser führt. (25. Juni 2016)
(Bild: Jorge Adorno) Mehr...