Bioresonanz: «Therapeutischer Unsinn»

Viele Naturheiler und etliche Ärzte schwören auf das Bioresonanz-Gerät, das Krankheiten heilen soll. Unsinn, sagen Experten. Trotzdem zahlen Krankenkassen dafür.

L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, erfand das Elektrometer, eine Art Bioresonanz-Gerät, und prüfte damit die Schmerzempfindlichkeit von Tomaten.

L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, erfand das Elektrometer, eine Art Bioresonanz-Gerät, und prüfte damit die Schmerzempfindlichkeit von Tomaten. Bild: Keystone

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Der fünfjährige Marc leidet seit Wochen unter Magen-Darm-Problemen und Schuppenflechten. Seine Mutter sucht mit ihm einen Naturheiler auf. Dieser tippt auf eine Milchallergie und schliesst Marc mit mehreren Elektroden an ein Bioresonanz-Gerät an. Die in den Körper von Marc geleiteten elektromagnetischen Schwingungen sollen die Allergie löschen.

Kann ein Bioresonanz-Gerät tatsächlich Allergien «löschen» - und was vermag es gegen akute, schwere Krankheiten? Diese Frage scheidet die Geister. Eine wachsende Zahl von Ärzten, Zahnärzten, Heilern und Patienten preisen Bioresonanz-Geräte als sanftes Therapie-Instrument der Alternativmedizin an. Hersteller propagieren es gar als «ganzheitliches energiemedizinisches Praxiskonzept in der Quantenmedizin im 21. Jahrhundert». Das Gerät spüre negative Energien auf und wandle sie in positive Schwingungen um.

«Therapeutischer Unsinn»

Die Schweizer Fachärzte für Allergologie haben allerdings grosse Vorbehalte gegenüber der Bioresonanz, die auch biophysikalische Informationstherapie (BIT) genannt wird. Sie sei ein «diagnostischer und therapeutischer Unsinn», erklären sie in einer Stellungnahme. Es sei zwar unbestritten, dass das zentrale oder periphere Nervensystem elektromagnetische Felder erzeuge, doch ein Unterschied krankhafter und gesunder Schwingungen könne nicht nachgewiesen werden.

Es sind vor allem gesundheitsbewusste, nach alternativen Heilmethoden suchende Patienten, die sich Linderung durch die Bioresonanz-Therapie erhoffen. Die Zürcher Naturarztpraxis «Gsund bliibe» schreibt, die Therapie habe sich bewährt bei Allergien, chronischen Krankheiten, Organ- und Stoffwechselerkrankungen, Autoimmunkrankheiten, Schmerzzuständen aller Art, hormonellen Störungen, Migräne, Knochenbrüchen, Herz- und Kreislauferkrankungen, begleitender Behandlung bei Krebs und Tumor, Gelenks- und Wirbelsäulenproblemen, Immunschwäche, viralen Erkrankungen und vielem mehr.

Bioresonanz gegen Krebs

Die deutsche Ärztin und Bioresonanz-Pionierin Theresia Altrock behauptet, Krebs schwinge mit 1,9222 Megahertz. «Dabei ist es völlig egal, wo dieser Krebs gewachsen ist.» Nach Altrock schwingt also ein Mamma-Karzinom gleich wie ein Hodenkrebs oder ein Baum mit Krebsgeschwüren. Deshalb könnten alle krankhaften Schwingungen durch Bioresonanz in harmonische umgewandelt werden. Noch weiter geht die Praxisklinik Bonn. Da nahezu alle Krankheiten von krankmachenden Schwingungen ausgelöst würden, seien fast alle körperlichen Leiden mit Bioresonanz behandelbar.

Die Schwingungs- und Energietheorie der Bioresonanz klingt nach Esoterik. So soll es um und im menschlichen Körper elektromagnetische Felder geben, welche die biochemischen Vorgänge steuern. Nach dieser Theorie schwingt jedes Organ in einem bestimmten Spektrum. Störende oder pathologische Schwingungen schädigen danach Zellverbände oder Organe. Das Bioresonanz-Gerät ortet angeblich die elektromagnetischen Wellen und identifiziert die Störfelder. Diese sollen bei jedem Menschen ein typisches Muster bilden, das sich aus harmonischen und kranken Anteilen zusammensetzt. Somit dient das Gerät auch als Diagnoseinstrument.

Harmonisierte Wellen in den Körper

Bei der Therapie soll das Instrument die krankmachenden Schwingungen umformen und die harmonisierten Wellen in den Körper zurück zu den kranken Organen führen. Dabei könnten die harmonischen Wellen mit Schwingungen angereichert werden, die von Medikamenten, Eigenblut, Speichel, beruhigenden Farben, Heilsteinen oder andern Utensilien stammen. Im übertragenen Sinn findet also ein feinstofflicher Informationstransfer statt.

Das Bioresonanz-Gerät wandle nicht nur kranke Schwingungen um, heisst es, sondern rege auch Selbstheilungskräfte an, was «in den allermeisten Fällen zur Genesung führt», wie das Gesundheitszentrum Vita-Prax in Langenthal schreibt.

Wie aber funktionieren Bioresonanz-Geräte? Sicher ist, dass ein schwach gepulster Gleichstrom über die meist an mehreren Orten angebrachten Elektroden in den Körper fliesst. Dem Therapeuten stehen verschiedene Schwingungsmuster zur Verfügung, die er am Gerät einstellen und auf seinen Klienten anpassen kann.

In einem zweitägigen Kurs können sich Ärzte und Heiler in die Geheimnisse der Bioresonanz einweihen lassen und das Gerät anschliessend verwenden. Sie brauchen keine Kenntnisse der Anatomie oder von Körperfunktionen und Krankheiten, da das Bioresonanz-Gerät die Störfelder ja angeblich selbst ausfindig macht.

Physiker und Ingenieure erklären indessen, die physikalischen Grundlagen der Bioresonanz seien falsch. Das bestätigt auch die Fachkommission der Schweizerischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (SGAI). Klinische Studien in mehreren Ländern ergäben, dass sich Bioresonanz weder zur Diagnose noch zur Therapie eigne. Patienten, die nach einer Bioresonanz-Therapie als geheilt erklärt worden seien, hätten hinterher wieder die alten Symptome gezeigt.

Die Fachleute aus der Schulmedizin geben weiter zu bedenken, dass Heiler manchmal Allergien bei Patienten diagnostizierten, die völlig gesund seien. Manche würden auf Milch verzichten, obwohl dies nicht nötig wäre. Bei gravierenden Allergien könne eine ausschliessliche Therapie mit Bioresonanz gefährlich sein.

Nicht nachzuweisen

Brunello Wüthrich, Professor für Allergologie, erklärt, körpereigene Info- und Störschwingungen könnten selbst mit empfindlichen Spezialantennen und -verstärkern nicht nachgewiesen werden. Auch die deutsche Stiftung Warentest geht auf Distanz: Das Verfahren halte einer naturwissenschaftlichen Analyse nicht stand, schreibt sie. Selbst die Hersteller der bis zu 20'000 Franken teuren Instrumente können die Wirkungsweise ihrer Geräte nicht wirklich erklären. Sie wollen nicht verraten, wie ihre Instrumente pathologische Schwingungen erkennen und in harmonisierende Wellen umwandeln können. Als Grund geben sie in erster Linie das Geschäftsgeheimnis an.

SCIO-Medical, eine führende Firma im Bereich Bioresonanz, räumt ein, es handle sich um Erfahrungsheilkunde, deren Wirksamkeit wissenschaftlich und fachlich umstritten sei: «Es fehlen schulmedizinisch anerkannte Wirksamkeitsbelege.» Fachleute vermuten, dass Bioresonanz-Geräte den Hautwiderstand messen und ähnlich wie Lügendetektoren arbeiten.

Obwohl der Glaube an Körperschwingungen und Meridiane aus dem fernöstlichen Gesundheitsverständnis und den alternativen Heilmethoden stammt, beharren die Verfechter der Bioresonanz meist auf technischen und wissenschaftlichen Erklärungen. Das SCIO-Quantum-Xrroid-Consciousness-Interface-Gerät sei ein computergesteuertes Quanten-Biofeedback- und Bioresonanz-System, schreibt SCIO-Medical. Ihr Instrument stütze sich auf Elektrizität, biologische Geschwindigkeit, Bio- und Quantenphysik, morphogenetische Felder, Trivektor, Biofeedback, Komplementärmedizin und Active-Aging-Konzepte. Mit zwölf Elektroden würden 220'000 Frequenzimpuls-Informationen im Körpersystem gemessen.

Starker Placeboeffekt

Viele Patienten sind von der besonderen Theorie und Praxis der Bioresonanz-Therapie angetan. Die Definition von Krankheit als energetische Störung und die Behandlung mit wissenschaftlichen Methoden und Geräten sind eine attraktive Mischung und bewirken deshalb einen starken Placeboeffekt.

In der Schweiz wenden immer mehr Ärzte und Heiler Bioresonanz an. Indikator des Aufschwungs ist das Erfahrungsmedizinische Register EMR, das Heiler und Therapeuten registriert, die mit Krankenkassen abrechnen dürfen. Heute wenden 346 registrierte Ärzte und Naturheiler Bioresonanz an.

Die Aufstellung zeigt zudem, dass die meisten Bioresonanz-Therapeuten auch verschiedene naturheilkundliche Praktiken wie ausleitende Verfahren, Diätetik und Hydrotherapie anwenden. Beliebt ist Bioresonanz weiter bei Therapeuten, die Massagetechniken anwenden.

Am meisten Anwender finden sich im Bereich der Alternativmedizin und Naturheilkunde. Schulmediziner sind klar in der Minderheit; viele Ärzte begegnen der Bioresonanz skeptisch.

Wirksamkeit nicht nötig

Heiler, die beim EMR registriert sind, können Bioresonanz-Therapien mit den Krankenkassen abrechnen, sofern die Patienten eine Zusatzversicherung abgeschlossen haben. Wieso zahlen diese die umstrittenen Therapien, wenn doch Wirksamkeit und Wirkungsweise nicht nachgewiesen sind?

Die Nachfrage nach Bioresonanz-Therapien sei sehr gross, sagt Philipp Lutz, Sprecher der Krankenkasse Swica. Bei den Zusatzversicherungen müsse kein Nachweis der Wirksamkeit erbracht werden. Vor allem Familien mit Kindern nähmen bei Allergien häufig Bioresonanz in Anspruch. In der Komplementärmedizin sei diese ähnlich gut etabliert wie die Homöopathie. Die Patienten seien von der Wirksamkeit überzeugt. «Wenn es ihnen nützt, dann zahlen wir», sagt Lutz.

Damit ist die Fachkommission der Ärzte für Allergologie nicht einverstanden. Sie schreibt: «Die Krankenkassen sollten von der Übernahme solcher Leistungen durch Zusatzversicherungen Abstand nehmen!» Wie in der Schulmedizin müsste bei Bioresonanz ein Ausweis der Effektivität erbracht werden; auch die klinische Überprüfung habe keine therapeutische Wirksamkeit ergeben.

Die Schweizerische Ärztegesellschaft für Biophysikalische Informationstherapie (Sabit), die eine zweijährige Ausbildung anbietet, widerspricht. Sowohl auf der wissenschaftlichen wie auf der klinischen Ebene sei die Wirksamkeit hinlänglich nachgewiesen worden.

Die Auseinandersetzung um die Bioresonanz trägt Züge eines Glaubensstreits. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.06.2009, 12:20 Uhr)

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