Bis 100 Anmeldungen täglich bei Sterbehilfe-Verein

Exit will sich stärker für den Altersfreitod engagieren. Das ist politisch umstritten.

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Das Bedürfnis nach Freitodbegleitungen steigt. Exit, die bekannte Vereinigung für Suizidbegleitung, hat im vergangenen Jahr 459 Sterbebegleitungen durchgeführt, 100 mehr als im Vorjahr. Die Mitgliederzahl, die sich lange bei rund 50'000 bewegte, ist in den letzten fünf Jahren auf 72'000 angestiegen. Vizepräsident Bernhard Sutter spricht im Interview von 60 bis 100 Anmeldungen, die Exit momentan pro Arbeitstag verzeichne. Prominente, die öffentlich über ihre Suizidpläne sprechen, dürften zu dieser Entwicklung beigetragen haben. In jüngerer Zeit waren das etwa der frühere Fussballspieler Timo Konietzka, der Theologe Hans Küng oder der ehemalige SVP-Ständerat This Jenny.

Einen anderen Grund für den Zuwachs sieht Sutter in der «Konsummentalität»: Menschen betrachteten Exit als Dienstleistung. «Dass man glaubt, bei einer schlimmen Krankheit einfach eine Freitodbegleitung anfordern zu können, war vor wenigen Jahren noch nicht in den Köpfen», sagt Sutter. Die Entwicklung stelle Exit vor Probleme. Nichtmitglieder, die kurzfristig eine Sterbebegleitung wünschten, seien die aufwendigsten Fälle. Exit müsse klarer informieren, «dass es nicht reicht, zu uns zu kommen, wenn es 5 vor 12 ist».

Umstrittenes Engagement

Trotzdem weitet Exit das Engagement aus. An der Generalversammlung vom 24. Mai plant der Verein die Ergänzung der Statuten um den Passus «Exit engagiert sich für den Altersfreitod». Der «wohlüberlegte Bilanzsuizid von Hochbetagten» sei ein steigendes Bedürfnis. Exit will verstärkt informieren und allenfalls politisch aktiv werden. Schon heute wendet der Verein jährlich über eine halbe Million Franken für Kommunikation auf.

Die Politik hatte sich vorübergehend von dem Thema verabschiedet. Bundesrat und Parlament haben 2011 beziehungsweise 2012 entschieden, die organisierte Suizidhilfe nicht ausdrücklich zu regeln. Nun haben National- und Ständerat kürzlich eine Motion der Winterthurer EVP-Nationalrätin Maja Ingold angenommen, die einen Aktionsplan zur Suizidprävention fordert. Die Suizidrate ist bei über 75-Jährigen am höchsten. «Ich anerkenne, dass man keinen Bogen um das Thema machen kann, dafür ist es gesamtgesellschaftlich zu wichtig», sagt Ingold. Man müsse aber auch die Diskussion über Lebenswert und -qualität im sozialen Kontext führen. «Die Menschen, die sich umbringen wollen, sind nicht allein.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.05.2014, 06:41 Uhr)

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