Leben

Castingshows: Ich trete auf, also bin ich

Von Dario Venutti. Aktualisiert am 13.11.2010

Die Botschaft lautet: Nicht Geduld, Bildung und Zurückhaltung führen zum Erfolg, sondern Selbstdarstellung.

Der Starbetrieb frisst sich weiter fröhlich durchs Land. Diese Woche hat er Edita Abdieski hervorgebracht. Die singende 25-Jährige aus Bern-Bümpliz hat die Castingshow «X-Factor» des deutschen Privatsenders Vox gewonnen. Edita Abdieski ist jetzt dazu da, dass über sie berichtet wird. Will heissen: Sie ist zunächst einmal einfach bekannt für ihre Bekanntheit.

Man mag sich die Augen reiben darüber, dass Castingshows noch immer funktionieren. Ihr Glücksversprechen auf eine Karriere wird nämlich in den wenigsten Fällen eingelöst. Und eigentlich verstossen sie gegen ein ökonomisches Gesetz, das besagt, dass Knappheit den Wert eines Gutes erhöht.In Sachen Castingshows ist aber das Gegenteil der Fall: Sie erzeugen eine Unmenge an Sternchen, und das Interesse an den Sendungen reisst trotzdem nicht ab.

Allein in Deutschland laufen jährlich mehrere Shows gleichzeitig, in denen Supermodels, Tänzer oder eben Sänger auftreten. In der Schweiz findet derzeit der «Kampf der Chöre» statt. Im Dezember wird ein Eurovisionskandidat gesucht und nächstes Jahr ein Nachfolger für den alternden Moderator Bernard Thurnheer rekrutiert.

Vorwand für Melodrama

Die Fernsehstationen verdienen Milliarden mit den Castingshows. Wo liegen die Gründe für den Erfolg? Die Suche nach Talenten ist Nebensache. Das Auswahlverfahren ist vielmehr ein Vorwand für ein Melodrama, in dem bestimmte, immer wiederkehrende Rollen besetzt werden: die Zicke, der Streber, die Peinliche.

Oder, wie im Fall von Edita Abdieski, die Nestbeschmutzerin: Ihre Aussage, sie sei in einer «Scheissgegend» aufgewachsen, entwickelte sich zum Skandälchen, das Onlineportale und Boulevardmedien genüsslich ausschlachteten. Vom Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät über den SVP-Politiker Thomas Fuchs bis zum ehemaligen Boxer Enrico Scacchia wurde alles aufgeboten, was irgendeinen Bezug zu Bern-Bümpliz hat. Das Resultat: eine fiebrige Debatte über die Lebensqualität des Berner Stadtteils Bümpliz.

Diese Inszenierungslust ist keine unbekannte Erscheinung. Und es ist auch nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen den Medien anbiedern. Neu ist hingegen, dass die Selbstdarstellung und der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit allgegenwärtig sind. Youtube ist ebenso eine globale Castingshow wie Flickr oder Facebook: All diese Plattformen befriedigen den Wunsch nach öffentlicher Präsenz, die scheinbar zum Kern der eigenen Existenz geworden ist.

Alles ist Kommunikation

Jugendliche, welche die Mehrheit der Zuschauer von Casting-Sendungen stellen, leiten aus den Shows offenbar Informationen für ihr späteres Berufsleben ab. Eine deutsche Studie hat herausgefunden, dass die Jungen den Ratschlägen eines Dieter Bohlen oder einer Heidi Klum glauben: «Deine Persönlichkeit und dein Selbstvertrauen müssen noch wachsen», lautet etwa ein wiederkehrender Tipp an Ausgeschiedene. Hier schwingt die Botschaft mit: Unsicherheit ist ein Karrierehindernis, wenn nicht sogar ein Charakterfehler.

Man muss diese Studie wohl ernst nehmen. Für Jugendliche stellen Castingshows die Welt der Erwachsenen als ein einziges Assessment-Center dar. Die Jugendlichen sehen: Nicht unbedingt die klassischen Faktoren wie Geduld, Bildung und Zurückhaltung führen zum Erfolg, sondern Selbstdarstellung und Eindruckschinden. Es gibt nichts Unpersönliches, und alles ist Kommunikation.

Edita Abdieski scheint begriffen zu haben, wie das Spiel funktioniert. Die Aufregung über ihre Aussage quittierte sie lakonisch: «Scheissgegend» habe sie umgangssprachlich geäussert, im Sinne von Provinz, aus der sie plötzlich in den Starhimmel katapultiert worden ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2010, 21:40 Uhr


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