Darf man sich mit seinem Vergewaltiger versöhnen?

Thordis Elva schrieb mit ihrem Peiniger ein Buch, und sie standen gemeinsam auf der Bühne. Das ist mutig – und umstritten.

Tom Stranger und Thordis Elva treten gemeinsam öffentlich auf. Foto: Glenn Hunt (Getty Images)

Tom Stranger und Thordis Elva treten gemeinsam öffentlich auf. Foto: Glenn Hunt (Getty Images)

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Vergewaltigt zu werden, ist eine der schlimmsten Vorstellungen überhaupt. Wer es am eigenen Leib erlebt, kämpft oft ein Leben lang um Distanz zum Geschehenen. Entsprechend ungewöhnlich ist die Verarbeitungsstrategie von Thordis Elva. Nicht nur stellte sie sich ihrem Peiniger, sie setzt sich sogar mit ihm auf eine Bühne, um von der traumatischen Erfahrung zu erzählen. Zusammen mit ihrem Vergewaltiger hat sie nach 16 Jahren ein Buch geschrieben, «South of Forgiveness», das soeben erschienen ist.

Nicht alle finden das so prickelnd. Als die beiden Mitte März für die Buchpromotion in London auftraten, kam es vor der Royal Festival Hall zu Protesten. Einem Täter seine Sicht der Dinge zu erlauben, sei Verharmlosung, zudem bereichere er sich so an seiner Tat, lautete der Vorwurf. Aktivisten befürchten auch, andere Vergewaltiger könnten sich inspiriert fühlen und mit ihren Opfern Kontakt aufnehmen.

Gemeinsamer TED-Talk

Elva sieht es anders. Alles begann in Island, wo sich Elva in den australischen Austauschschüler Tom Stranger verliebte, sie 16, er 18. Nach einem Monat Beziehung betrank sie sich auf einer feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier so heftig, dass sie kaum mehr ansprechbar war. Stranger brachte sie nach Hause, aber anstatt sich um ihr Wohl zu kümmern, zog er sie aus und vergewaltigte sie über zwei Stunden lang. Elva, die sich kaum wehren konnte, zählte die Sekunden, es waren 7200, bis es vorbei war.

Kurz darauf machte Stranger Schluss und verliess Island, während Elva jahrelang mit Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen kämpfte – ohne sich über die Ursache klar zu werden. Dann begann sie zehn Jahre später aus einem Impuls, einen Brief an Stranger zu schreiben, und verlangte nach Klärung. Zu ihrem Erstaunen meldete er sich zurück, jahrelang schrieben sie hin und her, bis sie sich für eine Woche in Kapstadt trafen und alles aufarbeiteten. Vergangenen Oktober veröffentlichten Elva und Stranger ihre Geschichte in einem TED-Talk, der schon mehrere Millionen Mal geklickt wurde.

Nach seiner Abreise aus Island hatte Stranger lange gebraucht, bis er sich eingestand, dass das an jenem Abend nicht einfach Sex, sondern eine Vergewaltigung gewesen war. Er hielt sich mit Studium, Drogen, Freunden, Job beschäftigt und der permanenten Versicherung, dass er ein guter Typ sei, wie er im TED-Talk bekennt: «Es dauerte sehr lange, bis ich in diese dunkle Ecke meiner Persönlichkeit starrte und mir selber Fragen zu stellen begann.»

Man kann das als billige Masche abtun, Sühne und lebenslange Ächtung verlangen, aber damit vergibt man eine Chance. Auch deshalb, weil Vergewaltiger selten bis nie darüber Auskunft geben, warum sie so gehandelt haben, ob und welche Art von Gewissen sie dabei plagte und wie sie danach damit leben.

Nicht auf ewig beschädigt

Es versteht sich von selbst, dass das Thema mit viel Fingerspitzengefühl behandelt werden muss. Elva betont denn auch, sie wolle kein Modell sein für den Umgang mit diesem Trauma. Was sie will, ist Aufklärung. Sie will darüber sprechen, was ihren eigenen Heilungsprozess behinderte. Zum Beispiel unsere gesellschaftlichen Vorstellungen, was eine Vergewaltigung ist und was sie mit Betroffenen anrichtet. Zum Beispiel, dass Vergewaltiger in jedem Fall Monster, Opfer in jedem Fall für immer zerstört, beschädigt, entehrt sind. Ihr ging es darum, zu zeigen, dass Vergewaltiger nahestehende, freundliche Menschen sein können. Dass Opfer Hoffnung auf Heilung und Glück haben. Dass nicht das Opfer, sondern der Täter sich schämen muss. Für sie war zudem essenziell, ihrem Peiniger verzeihen zu können. Für den eigenen Seelenfrieden.

Der TED-Talk von Thordis Elva und Tom Stranger. Quelle: Youtube

Solche Worte können leicht missverstanden werden, entsprechend heftig kritisieren Aktivistinnen Elva. Dennoch hat sie recht, wenn sie die Dämonisierung der Täter ablehnt. Denn diese befördert die Mythen über Vergewaltigung und damit die Verzerrung der Wahrnehmung. Wer Tätern ausnahmslos jegliche Menschlichkeit abspricht, vergibt die Chance zu verstehen. Und bringt die Männer zum Verstummen. Aber es ist nicht die Aufgabe der Frauen, Vergewaltigungen zu reduzieren, sondern jene der Männer. Sie müssen herausfinden, warum sie geschehen und wie man das ändern kann. Erst dann wird sich die Lage bessern. Auch wenn es schmerzhaft ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2017, 19:58 Uhr

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