«Das Essen ist heute so gefährlich wie früher der Sex»

Znünigesetze, Impfdebatten, Präventionskampagnen. Krankt unsere Gesellschaft am Gesundheitswahn? Psychoanalytiker Peter Schneider über den Askeseboom.

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Einst war Gesundheit ein Geschenk des Himmels, heute ist sie eine Lebenshaltung. Was ist passiert?
Dass Gesundheit erst seit neuem eine Lebenshaltung darstellt, kann man nicht gerade behaupten. Die griechische Antike etwa mit ihrem Körperkult ist in hohem Masse «gesundheitsbewusst». Aber natürlich unter ganz anderen ideologischen Voraussetzungen. Und damit kommen wir zur Gegenwart: Vor kurzem hat eine Studie enthüllt, dass Rauchen der Gesundheit doch stärker schadet als Armut. Das ist natürlich ein Trost, denn mit Rauchen kann man leichter aufhören als mit dem Armsein. Solche Studien scheinen mir symptomatisch für den Stellenwert, den Gesundheitspolitik - als Teil dessen, was Foucault Biopolitik genannt hat - inzwischen innehat. Auf das, was einmal «soziale Frage» hiess, gibt man mehr und mehr gesundheitspolitische Antworten. Die Präventionsmedizin zum Beispiel hat sich zu einem Volkserziehungsinstrument entwickelt.

Aber warum sind die Debatten ums Rauchen, um Alkohol oder gesunde Ernährung derart ideologisch aufgeladen? Warum kann die Volksgesundheit die Gemüter derart erhitzen?
Weil den Leuten die steigenden Kosten für das Gesundheitswesen in Gestalt steigender Krankenkassenprämien im Nacken sitzen. Das ist gewissermassen die Peitsche, welche die Leute bereitwillig das süsse Gift all der antiliberalen Staatseingriffe in das Privatleben unter dem Vorzeichen von Prävention, Aufklärung, Sensibilisierung, Anreiz-Malus-Systemen uns so weiter schlucken lässt.

Steckt hinter dem gesellschaftlichen Imperativ zur Gesundheit tatsächlich die Angst vor zu hohen Gesundheitskosten? Wenn Menschen früher sterben, sparen sie doch auch Kosten.
Das Argument ist zu zynisch, als dass man ernsthaft damit Politik machen könnte. Ausserdem geht es natürlich nicht einfach nur darum, Geld zu sparen. Sondern darum, Einschränkungen der Freiheit, einer Erweiterung der staatlichen Verfügungsmacht über die Individuen, die Gestalt von Fürsorge zu geben.

Gesundheit ist zur persönlichen Verpflichtung geworden. Wer keinen Sport treibt, hat zwangsläufig ein schlechtes Gewissen.
Es ist tatsächlich schwierig, sich der Beherrschung durch einen totalitären Diskurs zu widersetzen, weil man dabei allzu leicht in die idiotische, aber auch hilflose Position gerät, nunmehr das Ungesunde zu glorifizieren - nach dem Motto: An meinen Körper lasse ich nur Fett, Alkohol und Nikotin. Mit einem solchen Lob des Ungesunden bleibt man aber in jener Normativität gefangen, in der es nur noch die Kategorien von gesund und krank gibt. Es gilt aber, diese Normativität selbst und deren Herrschaftsanspruch infrage zu stellen.

Heisst das nun, dass wir Sport treiben sollten oder nicht?
Manche Menschen fühlen sich wohler, wenn sie Sport treiben; für andere hat der Sport halt nicht diese Bedeutung. Da gibt es nichts zu verteufeln, aber auch nichts zu verherrlichen. Dass die Welt am Sport gesundet (auch in moralischer Hinsicht, wie uns Adolf Ogi und Sepp Blatter unermüdlich weismachen wollen), ist jedenfalls blosse Propaganda.

Besonders im Trend liegen sogenannt ganzheitliche Sportarten wie Yoga. Warum wollen wir Körper und Seele so dringend in Einklang bringen?
Weil wir im Grunde unseres Herzens eben doch einem sehr konventionellen Bild von einem seelenlosen Körper und einer körperlosen Seele nachhängen. Und dann ist es kein Wunder, dass man auf die Idee verfällt, diese beiden so unterschiedlichen Dinge zur wahren Vervollständigung des Selbst erst zusammenbringen zu müssen.

Was halten Sie von der Impfdebatte?
Sie erweckt den Eindruck, als ginge es hier nicht um das Abwägen gewisser Vor- und Nachteile, sondern um einen «Zusammenstoss der Kulturen»: gute Wissenschaftler gegen esoterische Hinterwäldler beziehungsweise böse Pharmamultis gegen unbestechliche Impfkritiker.

Die Schweiz wird international gerügt wegen ihrer Masernepidemie, ein Impfobligatorium wird diskutiert.
Man muss aufpassen, dass man bei der Kritik des «Präventionismus» das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet. Ich halte Masernimpfungen durchaus für sinnvoll - auch im Rahmen eines Impfobligatoriums. Die Risiken einer Masernerkrankung - insbesondere in Drittweltländern - sind in der Tat beträchtlich, die Risiken einer Impfung eher klein.

Ein aktueller Esskulturtrend sei Raw Food: Dabei darf man kein Nahrungsmittel über 46 Grad erhitzen und muss den Produkten mit Liebe und Dankbarkeit begegnen.
Es gibt wahrscheinlich keine fixe Idee, die es nicht gibt. Aber dank der Massenmedien, die nach Skurrilitäten nur so lechzen, werden all diese Bizarrerien natürlich viel sichtbarer und können zu modischen Trends werden, die, jeder für sich genommen, ziemlich bedeutungslos sind.

An Zürcher Schulen lief kürzlich ein Projekt namens Moving Lifestyle: Die Schüler mussten Buch führen über ihre sportlichen Aktivitäten zu Hause. Was dazu führte, dass sie den Quartierbummel unter «40 Minuten Wandern mit den Eltern» aufführten. Was halten Sie von solchen Massnahmen?
Es freut mich, dass die Kinder diesen Blödsinn so kreativ unterlaufen. Ich staune anderseits aber darüber, wie bereitwillig offenbar die Eltern die Erziehung ihrer Kinder zu «informellen Mitarbeitern» der Präventionsmedizin hinnehmen, als hätte es nie eine Debatte über den Schnüffelstaat gegeben.

Das Bildungswesen ist generell rührig: Ernährungspyramiden werden gelehrt, Znüniregeln erlassen. Hat ein Kindergartenkind doch mal einen Pfefferminzsirup dabei, wird es von seinen kleinen Kollegen gemassregelt.
Die Prävention schon bei den Kleinsten erlaubt es den Goofen immerhin, dem unter Kindern verbreiteten Mobbing eine sozial akzeptierte Form zu geben.

Kinder lieben nun mal Süsses. Müssen Eltern sie tatsächlich zum Spinatessen erziehen und die wöchentlichen Gummibärchen abzählen, damit sie gross, stark und vernünftig werden?
Gerade in der Erziehung entsteht durch die Gesundheitskampagnen ein totalitärer Druck, der nicht zu unterschätzen ist. Es ist vielleicht kein Wunder, dass Essstörungen von einer eher seltenen Pathologie in den Fünfzigerjahren zu einer sehr verbreiteten Erkrankungsform geworden sind. Das Essen ist heute so gefährlich und problematisch wie der Sex vor fünfzig Jahren. Und Übergewicht zu vermeiden, ist eine kompliziertere Angelegenheit, als eine unerwünschte Schwangerschaft zu verhüten.

Sogar in Mc Donald’s-Lokalen hängen seit einiger Zeit Plakate mit Tipps für eine gesunde Ernährung, und Philipp Morris setzt sich für strengeren Jugendschutz beim Rauchen ein. Kommt das daher, dass gesund und ungesund heute für Gut und Böse stehen?
Die Moralisierung der Gesundheit ist unübersehbar. Zum Sozialhilfebetrüger gesellt sich der rauchende, fettleibige Krankenkassenabzocker. Da spielt so etwas wie Klassenkampf von oben.

Ein sagenhaft erfolgreicher Kreuzzug gegen ein Volkslaster ist die Antirauchbewegung.
So sagenhaft ist der Erfolg nicht. Er ist Endpunkt einer langen Entwicklung, innerhalb derer die Schweiz eher das Schlusslicht als die Avantgarde darstellt. Bevor die Antiraucherkampagnen Erfolg hatten, musste das Rauchen seiner Bedeutung als weltmännischem Ritual entkleidet und zu einem Unterschichtlaster erklärt werden. Die Raucher durften nicht mehr nur als sich selbst schädigende, schwache Mitmenschen dastehen, sondern als gemeingefährliche Täter, denen jährlich Hunderte von Passivrauchern zum Opfer fallen. Es brauchte eine ganze Reihe erst mit der Zeit wirksamer Umdeutungen des Rauchens.

Aber warum ist die Antirauchbewegung viel vehementer als die Antifeinstaubbewegung?
Weil sie konkrete Objekte des Abscheus bieten kann - wie sonst allenfalls die Offroader. Einerseits wird ein gutmenschliches Gesundheitsbewusstsein gepredigt, anderseits werfen wir Ritalin ein, wenn wir gesellschaftlich nicht funktionieren.

Wie passt das zusammen?
Wenn Gesundheit nicht pragmatisch als Abwesenheit von Krankheit verstanden wird, sondern ein immer «ganzheitlicheres» - und das heisst eben auch: totalitäreres - Konzept wird, wird das Netz aus Normierung und Pathologisierung umso dichter. Die Katze beisst sich fortwährend in den Schwanz: Je gesünder wir sein wollen, desto kränker müssen wir uns empfinden.

Gesundheit wird gerne als Genuss gepredigt, Verzicht als Lust dargestellt.
Und Entmündigung als Aufklärung - solche Umdeutungen sind derart zum Mainstream geworden, dass man vielfach gar nicht mehr verstanden wird, wenn man Kritik daran übt. Man bekommt dann nur zu hören: Aber finden Sie es wirklich besser, wenn man krank wird?

Ist die Askese gar eine neue Sucht?
Man sollte, um dem Gefängnis des Gesundheitsdiskurses zu entkommen, besser nicht gerade schon wieder neue Pathologien kreieren, die es zu bekämpfen gilt. Andererseits ist es sicher richtig, dass auch die Bekämpfung der Leidenschaften selber eine Leidenschaft werden kann. Die Kirchenväter, die ja nicht gerade als besonders leibfreundlich gelten, warnten vor dem Laster übertriebener Askese.

Wie gesund leben Sie persönlich? Und wie halten Sie es mit dem schlechten Gewissen?
Ersteres geht niemanden ausser mich etwas an; und Letzteres kann gar nicht erst aufkommen, da für mich gesunde Ernährung und Sport keine moralischen Grössen sind.

Was steht armen Gesundheitsmuffeln noch alles bevor?
Vielleicht zwei Kategorien von Pflegeheimen. Eines für die, die nichts für ihren Zustand können, und eines, die selber dran schuld sind. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.03.2009, 09:21 Uhr)

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