Das Glück der Babyboomer

Die Generation, die jetzt in Rente geht, hat von ausserordentlichen Umständen profitiert. Die nächsten Generationen werden es schwerer haben. Und ihr Verhalten markant ändern.

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Wer zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende der 1960er-Jahre geboren wurde, hat das grosse Los gezogen. Sie oder er konnte schon als Kind von der Konsumneigung einer rasch wohlhabend werdenden Gesellschaft profitieren, erhielt eine sehr gute Ausbildung, hatte nach der Schule kein Problem, einen Job zu bekommen, und profitierte von steigenden Löhnen und sinkenden Arbeitszeiten. Die Gesellschaft, in der sie oder er lebte, wurde zunehmend toleranter und wegen der Pille auch sexuell offener. Dank dem medizinischen Fortschritt kann sie oder er sich jetzt noch auf ein drittes Alter in bester Gesundheit und mit einer sicheren Rente freuen. Was will man mehr?

Für alle, die in den 1970er-Jahren und später geboren wurden, sieht es weit weniger rosig aus. Der Leistungsdruck von Schule und Eltern hat massiv zugenommen, jede Abweichung von der Norm wird sofort korrigiert. An den Hochschulen herrscht Bologna-Regime mit permanentem Prüfungsstress. Selbst wer einen guten Abschluss vorweisen kann, muss sich oft jahrelang mit schlecht bezahlten Praktika durchschlagen, bevor er mit Glück eine Festanstellung erhält. Von regelmässigen Lohnerhöhungen wie in den Zeiten der «goldenen Ära» ist keine Spur mehr, stattdessen drohen Sparrunden und Lohnkürzungen. Angesichts der Entwicklung der Immobilienpreise kann sich nur noch Wohneigentum leisten, wer erbt oder im Lotto gewonnen hat.

Bewusstsein der Menschen verändert sich

Für die Babyboomer galt es als selbstverständlich, dass alles immer besser wird, ein gigantischer Irrtum. «Dieser Lebensstil war eine historische Ausnahme», schreibt Janan Ganesh in der «Financial Times». «Er war das Produkt von beinahe mirakulös wohlwollenden Umständen, die sich nicht wiederholen werden.» Entscheidend war dabei, dass der Westen bis zum Ende des Kalten Krieges von der wirtschaftlichen Konkurrenz durch den Osten verschont war. «Es war nicht besonders schwierig, ständig steigende Löhne zu versprechen, solange die bevölkerungsreichsten Länder nicht Teil des globalen Arbeitsmarktes waren», stellt Ganesh fest.

Nun ist der internationale Standortwettbewerb Tatsache und er beginnt, das Bewusstsein der Menschen zu verändern. Die grösste gesellschaftspolitische Errungenschaft der Nachkriegszeit, der Sozialstaat, gerät in Bedrängnis. «Anders als die Babyboomer sind die Menschen, die nach 1979 geboren wurden, feindselig eingestellt gegen höhere Steuern und den Wohlfahrtsstaat», stellt Ganesh fest. «Sie wollen weniger Schulden, sind weniger interessiert an einem staatlichen Gesundheitswesen und generell misstrauischer gegenüber dem Staat.»

Von der Hand in den Mund

Eine noch düsterere Prognose stellt der US-Ökonom Taylor Cowen in seinem Buch «Average is Over» (Mittelmass ist vorbei). Er geht davon aus, dass eine globalisierte Wirtschaft und technischer Fortschritt dazu führen werden, dass bald rund 80 Prozent aller Erwerbstätigen in prekären Verhältnissen leben werden, will heissen: Keinen geregelten Job haben und von der Hand in den Mund leben. «Die Ungleichheiten werden auf allen Ebenen zunehmen, stellt Cowen fest. «Die Welt wird sehr viel ungerechter und weniger fair erscheinen – und sie wird es auch sein.»

Trotzdem prophezeit auch Cowen, dass die Menschen nicht rebellischer, sondern im Gegenteil konservativer werden. Sie werden dorthin ziehen, wo die Lebenskosten noch halbwegs erträglich sind und vermehrt versuchen, sich in lokalen Gemeinschaften gegen die Launen des Schicksals zu wappnen. Bisher ist man allgemein davon ausgegangen, dass die Entwicklungsländer sich immer mehr den hoch entwickelten Staaten angleichen werden. Cowen stellt diese Annahme auf den Kopf: Die zunehmende Ungleichheit wird dazu führen, dass die modernen Staaten zu Drittweltstaaten werden. «Wir werden in weiten Teilen der Vereinigten Staaten Zustände haben, wie wir sie von Mexiko oder Brasilien kennen», schreibt er.

(Erstellt: 09.01.2014, 23:24 Uhr)

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