Das Naturwunder
«Die geborene Naturwissenschaftlerin»: Carina Lämmle ist hauptberuflich eigentlich noch Abiturientin. (Bild: Pestalozzi Gymnasium Biberach)
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Ein «klein wenig unfair», sagt Carina Lämmle, sei das alles ja schon. Dass sie jetzt zwar ganz offiziell Dozentin ist an der Hochschule für Bauwesen und Wirtschaft im süddeutschen Biberach. Dass sie aber, im Gegensatz zu ihren Studenten, noch nicht mit dem Auto zur Vorlesung fahren darf. Oder nachher in die Disco gehen.
Auf den Fluren der Hochschule Biberach wird sie ab und an für eine Studentin gehalten. Das könnte daran liegen, schätzt sie, dass sie ein bisschen älter aussieht, als sie ist. In Wahrheit ist Carina Lämmle 16 Jahre jung, und sie hat noch eine Art Hauptberuf: Schülerin am Biberacher Pestalozzi-Gymnasium, 11. Klasse, eineinhalb Jahre bis zum Abitur.
«Sie kann sich durchsetzen»
Als sie ihre erste Vorlesung hielt, war der Hörsaal voll. Da waren die Studenten, die natürlich kommen mussten: siebtes Semester Pharmazeutische Biotechnologie, kurz vor dem Bachelor. Da waren aber auch viele andere Lehrbeauftragte, die sich die neue Kollegin einmal aus der Nähe anschauen wollten. Und die noch nicht ganz glauben konnten, was ihnen die Professorin Chrystelle Mavoungou über die neue Mitarbeiterin erzählt hatte: Die junge Dame sei eine «geborene Naturwissenschaftlerin», nicht nur «fachlich geeignet, sondern auch pädagogisch». Genau so, sagt Mavoungou heute, habe sich das ja auch alles bestätigt: «Frau Lämmle ist jemand, der sich auch mal durchsetzen kann bei unruhigen Studenten.»
Frau Lämmle aus Oberschwaben hat sich also durchgesetzt, sie ist jetzt die wahrscheinlich jüngste Hochschuldozentin in ganz Deutschland. Schon in den ersten Jahren am Gymnasium hatte sie sich für Biologie, Physik und Chemie erwärmt – ohne dafür, das ist ihr wichtig, Turnen, Tennis und Klavier zu vernachlässigen.
Sie gewann Preise bei Wissenschaftswettbewerben und bekam einen Förderplatz am Schülerforschungszentrum im nahen Bad Saulgau. Und dort entdeckte sie schliesslich ihre Leidenschaft für eine Disziplin, die andere nicht einmal unfallfrei aussprechen können: die Massenspektrometrie.
Den Dekan der Hochschule belehrt
Wer wirklich noch Zweifel haben sollte an den didaktischen Qualitäten der Carina Lämmle, sollte sich ein Massenspektrometer einfach mal von ihr erklären lassen: «Im Endeffekt ist das eine grosse Kiste, die mächtig Lärm macht, wenn sie an ist», sagt sie. Mithilfe der Kiste könne man chemische Substanzen in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, «sehr vereinfacht gesagt».
Bei einer Führung durch die Hochschule Biberach fiel ihr auf, dass die grosse Kiste dort überhaupt keinen Lärm machte. «Eine längere Abschaltung tut den Vakuumpumpen gar nicht gut», liess sie hernach den Dekan wissen, und «ganz generell» könne man doch ein 500'000 Euro teueres Gerät nicht einfach so verstauben lassen. Der Dekan erklärte ihr, dass der zuständige Mitarbeiter die Hochschule leider verlassen habe – und man seit Monaten vergeblich nach qualifiziertem Ersatz suche. Beim ersten Gespräch mit der unverhofften Interessentin, erzählt Professorin Mavoungou, habe sie fast nur zugehört und doch die ganze Zeit den Mund offen gehabt.
Bis zum Abitur will Carina Lämmle nun an Chrystelle Mavoungous Lehrstuhl arbeiten: «Was ich dann studiere, weiss ich aber noch nicht. Ich kann mich für einiges begeistern.» Mavoungou sagt: «Ich werde mit allen Kräften um Frau Lämmle werben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.01.2012, 17:04 Uhr
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