Leben

Das Wallis – ein Tal der Schurken?

Von Dario Venutti. Aktualisiert am 04.02.2012 17 Kommentare

Christian Constantin, der Präsident des FC Sion, bestätigt mit seinem Kampf mit der Fifa das Bild des widerborstigen Wallisers. Diese pflegen umsichtig ihre Tradition als Gesetzlose.

«Eine Variation des Wilderers»: FC-Sion-Präsident Christian Constantin.

«Eine Variation des Wilderers»: FC-Sion-Präsident Christian Constantin.
Bild: Reuters

Hungerstreikender und Hanfproduzent: Bernard Rappaz. (Bild: Reuters )

Volksheld und Falschmünzer: Joseph-Samuel Farinet. (Bild: PD)

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Das Wallis? Eigentlich gibt es für Walliser wie für Nichtwalliser hier nur drei Dinge, die zählen: monumentale Berge, monumentale Köpfe und monumentalen Ärger.

Das Alltägliche interessiert keinen: Mit dem Bau der Neat schrumpfte die Distanz zwischen Brig und Bern auf eine Stunde. Die Röhre durch den Lötschberg liess deshalb einen neuen Pendlerstrom entstehen: Täglich verlassen am Morgen Hunderte Oberwalliser ihr Tal mit dem Zug und kehren am Abend wieder zurück, so müde wie unauffällig.

Der Archetyp des Walliser Outlaw

Trotzdem gilt der enge Landstrich zwischen Simplon und Lac Léman immer noch als exotischster Teil der Schweiz. Dazu beigetragen haben viele Aussenseiter, halb als Gesetzesbrecher geächtet, halb als Freiheitshelden gefeiert. Kürzlich etwa der inhaftierte Hanfbauer Bernard Rappaz. Für seinen Sympathisanten ist er ein «Alpen-Ghandi», der für seine Überzeugung schon mehrmals im Hungerstreik bis an die Grenze des Todes ging. Für die Justiz ist er ein Mann, der Drogenanbau in grossem Stil betrieb und den Staat durch seine Nahtoderpressungen Hunderttausende Franken kostete.

Der Archetyp des Walliser Outlaw ist der Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet. Der Legende nach half er mit seinem Falschgeld den Armen. Dafür wurde er vom Staat verfolgt. 1880 erschossen ihn Landjäger in einer Schlucht ob Saillon im Unterwallis. Seinem Andenken ist ein kleiner Rebberg gewidmet.

Das Schulhaus nach Constantin benennen

Ist Christian Constantin, der Präsident des FC Sion, ebenfalls ein zeitgenössischer Farinet? Der Architekt aus Martigny will sich nicht dem Willen des Weltfussballverbands Fifa beugen, der ihm ein Transferverbot auferlegte. Weil Constantin trotzdem neue Spieler gekauft und eingesetzt hatte, zog ihm der Schweizerische Fussballverband (SFV) auf Druck der Fifa 36 Punkte ab. Am Samstag startet der FC Sion deshalb mit fünf Minuspunkten als Tabellenletzter in die Rückrunde der Meisterschaft.

Doch Constantin gibt nicht auf. Er rüstet seine Mannschaft auf, als würde der FC Sion um den Titel spielen. Dazu hat er die Fifa wegen Nötigung eingeklagt und den Entscheid des SFV vor einem zivilen Gericht angefochten. Rund 800 Fans unterstützten ihn kürzlich auf der Place de la Planta in Sitten an einer Demonstration. Gleichzeitig verlangt eine Bürgerinitiative in Visp, das dortige Schulhaus umzubenennen. Es trägt den Namen des Walliser Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, dem Widersacher Constantins.

Ein Hang zu Masslosigkeit

Verkörpert Constantin das Grundmuster des Wallisers, der sich auflehnt und für Gerechtigkeit kämpft? Oder ist auch er ein Outlaw auf einem Selbstzerstörungstrip?

Die Autorin Susanne Perren porträtiert im Buch «Diese Walliser!» (Limmat-Verlag) 12 Menschen, welche für Eigenarten ihrer Landsleute stehen. So unterschiedlich der Architekt und Künstler Heinz Julen aus Zermatt, der Züchter von Eringer Kühen Oswald Andres aus Obermatten oder der Wilderer Alfons Blumenthal aus St. Niklaus sind – ihre Gemeinsamkeiten sind Eigensinn und Leidenschaft. Mit dem Wilderer Blumenthal verbindet Constantin laut Perren überdies eine Mischung aus Schurkentum und Unschuld. «Beide kämen nicht auf die Idee, dass sie Unrechtes tun», sagt Perren.

Der Präsident des FC Sion sei auf seinem Gebiet eine Variation des Wilderers, der sich um Jagdgesetze schere. «Constantin passt sehr gut ins Berlusconi-Zeitalter», sagt Perren. Das sieht auch Luzius Theler so, Redaktor beim «Walliser Boten» in Brig. Bei einem Teil der Walliser gehöre Masslosigkeit zum Charakter wie die fünfzig Viertausender zum Landschaftsbild. Constantin brüste sich damit, jedes Jahr einen neuen Ferrari zu kaufen. Doch nicht nur das: Weil das Auto nur in Rot geliefert wird, lässt er es für mehrere Zehntausend Franken demontieren, mit einer andern Farbe spritzen und wieder zusammensetzen.

Ein neues Stadion für Sion

Schon der Vorgänger Constantins an der Spitze des FC Sion, André Luisier, war nicht bescheiden. Der verstorbene Verleger des «Nouvelliste» aus Sitten war der Königsmacher in der kantonalen CVP. Seine Macht reichte so weit, dass selbst die Walliser Regierung vor ihm kuschte. Mit dem Bau eines neuen Druckzentrums für 60 Millionen Franken ruinierte er sich allerdings zu Beginn der 90er Jahre.

Luisiers Ziel war es, aus dem FC Sion ein Schweizer Spitzenteam zu machen, das im Wallis verankert ist. Zu diesem Zweck achtete er selbst beim Kauf ausländischer Fussballer auf deren Walliser Wurzeln: Der argentinische Stürmer Nestor Clausen wurde verpflichtet, weil er ein Nachkomme von Walliser Auswanderern nach Südamerika war.

Constantins Ziel hingegen ist Europa. Er will den FC Sion in die Champions League bringen. Dazu braucht er ein neues Stadion. Regelmässig stellt Constantin ein Projekt vor: mal auf dem jetzigen Stadiongelände in Sitten, mal in Martigny, in Crans-Montana und selbst in Vevey am Lac Léman. Über das Planungsstadium ist noch keines hinausgekommen. Legendär sind hingegen seine Trainerwechsel. Deren Zahl ist mehr als dreimal so gross wie seine Jahre als Sion-Präsident.

Die Walliser Erbmasse

«Fighting spirit» nennt der Journalist Theler die wichtigste Eigenschaft des Wallisers. Die Armut der Väter und die Mühsal der Mütter steckten den Nachgeborenen bis heute in den Knochen. Der Hunger früherer Tage sowie Felsstürze und Überschwemmungen bis in die Gegenwart hinein hätten die Walliser kämpfen gelehrt. Hinzu kämen kollektive Erfahrungen, welche eine Skepsis entstehen liessen gegenüber fremden Herrschern: Im Gedächtnis der älteren Generation sei die Zeit Napoleons weiterhin präsent. Der französische Kaiser hatte den Simplonpass mit Walliser Zwangsarbeitern ausgebaut, um seine Artillerie nach Italien zu bringen. Mit Napoleon ging die alte, von den Wallisern unterstützte feudale Ordnung unter.

Das wirkte nach. Die Walliser lehnten sowohl 1848 als auch 1874 die liberalen Verfassungen des Bundes ab. Theler spricht vom «Traum einer eigenen Republik», der auch heute nicht ganz ausgeträumt sei. «Im Wallis werden Bundesgesetze nicht allzu heftig angewendet», sagt er verschmitzt. Zum Beispiel in der Raumplanung. Oder beim Tierschutz. Wenn ein Wolf erlegt wird, jault die Restschweiz auf und mokiert sich über unzivilisierte Walliser.

Das Klischee, das die Hotels füllt

Von solchen Diagnosen hält Werner Bellwald allerdings wenig. Der Ethnologe, der als Kurator in Sitten arbeitet, sieht im sogenannten Walliser Volkscharakter hauptsächlich eine Erfindung der Restschweiz. «Der Städter hat ein Bedürfnis nach dem Wilden. Er glaubt, ihn im Wallis zu finden», sagt Bellwald. Man könne ja im Hochsommer einmal 20 Krokodile auf der Landiwiese in Zürich aussetzen. Das wäre eine gute Übungsanlage, um den Jagdinstinkt und den Volkscharakter der Zürcher zu untersuchen.

Bellwald wählt den Vergleich bewusst ironisch. Er betont, dass stets Nichtwalliser gesagt hätten, wie die Walliser seien. Damit angefangen hätten Edeltouristen im 19. Jahrhundert: Sie beschrieben das Tal und seine Menschen als schön und temperamentvoll, aber auch als wild und widerborstig. Auch der Schriftsteller Rilke arbeitete an demselben Bild. In Zeiten des Massentourismus entwickelte es sich schliesslich zu einem beliebten Klischee, mit dem sich Hotels füllen liessen.

«Die Einheimischen haben die Fremdzuschreibungen übernommen und glauben heute selber daran», sagt Bellwald. Das zeige sich auf Schulwandbildern, in Kostümen bei Umzügen, auf Tourismusprospekten: Das Wallis verkauft sich als Tal grenzenloser Freiheit und als Lebensraum von edlen Wilden.

«Ich bin für die Guerilla»

Die Realität aber sei eine andere: Auch das Wallis ist urbanisiert. Die Mehrheit der 300'000 Einwohner arbeitet in der Industrie oder im Dienstleistungssektor. Ihr Alltag und ihre politische Haltung unterscheiden sich kaum von den Menschen in anderen konservativen Regionen der Schweiz. «Das Leben im Wallis ist weniger exotisch und weniger kriminell als im Zürcher Kreis 4», sagt Bellwald.

Der Ethnologe vermutet, dass Constantin nach aussen bewusst das Bild des widerborstigen Wallisers zelebriert, um permanent im Gespräch zu sein. Etwa, wenn der Präsident des FC Sion gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen» sagt: «Ich bin für die Guerilla, die bis zum Ende kämpft, um ihre Rechte zu verteidigen.» Der «Nouvelliste» liess in diesen Tagen einen Psychologen seine Persönlichkeit beurteilen. Der Befund: Das Wallis braucht mehr Constantins.

Wer Constantin gut kennt, sieht seinen Kampf gegen die Fifa von einem starken Geltungsdrang motiviert: «Er ist ein Neureicher. Und Neureiche foutieren sich um alle und alles», sagt der Journalist Theler.

Die Rückkehr des Präsidenten

Doch Constantin hat etwas wieder gut-zumachen. Als er 1997 als Präsident des FC Sion zurücktrat, drückten den Verein 13 Millionen Franken Schulden. Constantin hatte Träume verkauft und Trümmer hinterlassen. Die juristischen Verfahren gegen ihn wegen illegaler Bereicherung wurden zwar mangels Beweisen eingestellt. Aber die Gläubiger verloren im Konkursverfahren viel Geld.

Fünf Jahre später war der Verein in die Nationalliga B abgestiegen. Die Zahl der Saisonkartenbesitzer lag unter 200, und die Liga verweigerte die Lizenz wegen ungenügender Sicherheiten. Es war die Spätfolge von Constantins Hochrisikopolitik, mit der er in die Champions League wollte.

Bei seiner Rückkehr 2003 sprach der alt-neue Präsident sofort wieder von der Champions League. Dabei hatte die Meisterschaft ohne den FC Sion begonnen, weil der Verband den Klub eigentlich schon in den Amateurfussball relegiert hatte. Constantin bemühte vier Anwälte, bestritt sieben Prozesse und gewann schliesslich auf zivilem Weg: Der Verein konnte mit 12 Spielen Rückstand in die Meisterschaft starten. Und schaffte doch noch den Klassenerhalt.

2006 stieg Sion in die Super League auf. Vor dem Punkteabzug lag der Klub auf Rang 3 und war so erfolgreich wie noch nie in der zweiten Amtszeit Constantins. Im Kampf gegen die Fifa will er bis vor den Europäischen Gerichtshof gehen.

Also bis zum Ende. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2012, 12:23 Uhr

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17 Kommentare

Georg Tanner

05.02.2012, 15:55 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Kein Wolf, kein Bär, kein WWF, kein Rauchverbot, keine Gay-Parde, keine Ausländer, kein Recht im Fall Mongelli, dafür Subventionen für Siedlungen in Lawinengebieten, Subventionen für Schafe und Ziegen, Wildraubbau für neue Skilifte und Pisten in Naturschutzgebieten. Andersdenkende sind nicht erwünscht, nur wenn man daraus eigen Profit schlagen kann. Filz im VS ist legal, Hinterwälder-denken auch! Antworten


Reto Stadelman

04.02.2012, 16:03 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Hundertausende Menschen haben das heutige System mitbestimmt über Jahrhunderte hinweg. Für mich macht es keinen Unterschied ob gierige Banker dieses nicht perfekte System nutzen um sich zu bereichern oder "Rebellen" wie Constantin dagegen "ankämpfen" um ihre "Rechte" zu wahren. Für mich sind beides nur egozentrische Typen die glauben etwas besseres zu sein und mit solchen kann ich nichts anfangen. Antworten




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