Das eigene Auto kommt aus der Mode

Der Besitz eines Personenwagens verliert bei jungen Menschen an Prestige, dafür florieren Carsharing-Dienste. Zukunftsforscher sagen ein baldiges Ende der Massenmotorisierung voraus.

Florierendes Geschäft: Auto vom Carsharing-Betreiber Mobility.

Florierendes Geschäft: Auto vom Carsharing-Betreiber Mobility.

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Die Faszination Auto ist – entgegen der Aussagen mancher sogenannter Experten – stark ausgeprägt, gerade auch bei jungen Menschen.» Für Matthias Wissmann, den Präsidenten des Verbandes der deutschen Autoindustrie, ist die mobile Welt immer noch in Ordnung. Die individuelle Mobilität, also das eigene Auto, bleibe ein wesentliches Grund bedürfnis individueller Freiheit, sagte er nach der Internationalen Automobilausstellung Frankfurt im Herbst.

Was er nicht sagte: Der Anteil der 18- bis 24-Jährigen, die ein Auto besitzen, hat sich im traditionell autofreundlichen Deutschland von 2001 bis 2007 von 31,6 Prozent auf 19,6 Prozent verringert. Während 2003 62 Prozent dieser Altersgruppe ein Personenwagen zur Verfügung stand, waren es 2008 nur noch 53 Prozent. Nutzten 2002 64 Prozent der 18- bis 29-Jährigen täglich das Auto, waren es 2008 nur noch 55 Prozent. Und waren 17 Prozent der Neuwagenkäufer im Jahr 1999 unter 30 Jahren, waren es 2008 nur noch 7 Prozent.

Heldensagen von Alfa Romeo

Obwohl Wissmann dem widerspricht, stammen die Zahlen aus durchaus seriösen Quellen. Massgebende Trendforscher nehmen sie ernst. So schreibt das Zukunftsinstitut von Matthias Horx: «Heute stehen wir vor dem Ende des Kulturmodells Massenmotorisierung.» Gefragt seien neue, nachhaltige und vernetzte Mobilitätskonzepte. «Es ist ein langfristiger Trend, dass der Eigentumswunsch beim Auto langsam, aber sicher zurückgeht», sagt Horx. Auch Karin Frick, Forschungsleiterin am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon, kennt diese Fakten. Vergleichswerte für die Schweiz gebe es nicht, Indizien seien aber die Wachstumsraten beim Carsharing-Dienst Mobility und beim öffentlichen Verkehr. «Da in Deutschland das Auto einen deutlich höheren Stellenwert hat als in der Schweiz, mag dort auch der Ansehensverlust markanter sein als hierzulande, wo man mehr die demonstrative Bescheidenheit pflegt.»

Dirk Bathen, Chef des Trendbüros Hamburg, sieht drei grosse Trends, die sich beim Thema neue Mobilität überschneiden: Urbanisierung, neues Statusdenken und Digitalisierung. Immer mehr Menschen wohnen in städtischen Regionen, da sei das eigene Auto nicht attraktiv. Für viele Junge seien heute Dinge, die zu Web 2.0 und Social Media zählen, wichtigere Statussymbole. Bathen meint: «Es ist ein Statussymbol, mobil zu sein – aber ich muss nicht unbedingt ein Auto besitzen.» Und der Autowirtschaftsexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sagte der Nachrichtenagentur DPA: «Facebook und virtuelle Welten prägen die Werte von jungen Menschen – und weniger die Heldensagen von Alfa Romeo, Ferrari, Porsche oder Lamborghini.»

«Demotorisierung» in Japan

Andreas Knie vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel spricht von einem Prozess der «Demotorisierung» und zitiert das Beispiel Japan. Während die Haushaltsausgaben für das eigene Auto stark sinken, wächst dort die Mietwagenbranche rapid. Sieht man Japan als Vorläufer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen an, wird sich auch in Europa das Verhältnis der Konsumenten zum eigenen Auto drastisch verändern. Dass die deutschen Autohersteller mit ihren Verkäufen derzeit ganz glücklich sind, widerspricht dem nicht, denn ihre Produktion geht zu mehr als der Hälfte in den Export. In Deutschland wurden 2010 fast ein Viertel weniger Neuwagen verkauft, das ist von den Rekordzahlen der frühen 90er-Jahre weit entfernt.

Der Trend weg vom Besitzen zum flexiblen Nutzen ist in der Industrie natürlich nicht unbemerkt geblieben. Praktisch alle grossen Autohersteller sind eifrig daran, eigene Carsharing-Unternehmen aufzubauen. Auch die Bahnen wollen diesen Zug nicht verpassen und bieten als Ergänzung «für die erste und die letzte Meile» Kurzzeitmietwagen an. «Die SBB sind ein Mobilitätspartner, nicht nur für die Fahrt von Stadt zu Stadt, sondern vom Start bis zum Ziel», sagt Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr bei den SBB. Die SBB haben sich mit der Genossenschaft Mobility zusammengetan, die als eine der in Europa erfolgreichsten Carsharing-Organisationen heute 100 000 Kunden und 2600 Fahrzeuge zählt. Die Deutsche Bahn hat unter der Marke Flinkster ein Carsharing-Angebot, das innert zehn Jahren von null auf 170 000 Kunden wuchs. Beim Start im November 2001 sei das Modell von Verkehrsexperten noch belächelt worden. Heute stehe es für die «wegweisende Verknüpfung von Schiene und Strasse», sagte Rüdiger Grube, der Vorstandschef der Deutschen Bahn, beim Flinkster-Jubiläum in Berlin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.11.2011, 14:48 Uhr

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