Das letzte Tabu

Zoophile Menschen haben sexuelle Beziehungen mit Tieren. Das kommt häufiger vor, als man denkt – nicht nur auf der Alp, auch in der Stadt.

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Eine Szene aus Woody Allens gleichnamigem Film.

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Eine Szene aus Woody Allens gleichnamigem Film. Bild: Cinetext Bildarchiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Hörsaal war brechend voll, als an der Uni Zürich eine Tagung zum Thema «Psychologische Aspekte zum Tier im Recht» stattfand. Nebst dem Kriminologen Martin Killias, der ein Referat hielt über den Zusammenhang von Tierquälerei und Delinquenz, sprach auch Gieri Bolliger, Geschäftsleiter der Stiftung «Für das Tier im Recht». Der Titel seines Vortrags: «Sexualität mit Tieren (Zoophilie) in Psychologie und Recht».

Das Publikum lauschte seinen Schilderungen mit einer Mischung aus Belustigung, Abscheu und jenem gruseligen Schaudern, das einen zum Zuhören oder -sehen zwingt, obschon man eigentlich gar nicht möchte. Nachdem Bolliger geendet hatte, entstand eine rege Diskussion, bis sich zwei Männer zu Wort meldeten, die ganz hinten im Hörsaal standen. Sie seien, teilten sie der Menge mit, zwei derjenigen, von denen da die Rede sei: Zoophile. Also Menschen, die sexuelle Beziehungen mit Tieren pflegten. Die Atmosphäre, sagt Bolliger heute, eineinhalb Jahre später, sei innert Sekunden eisig geworden.

Die Zoophilie heisst nicht mehr Sodomie, weil dieser Begriff in einigen Ländern für Homosexualität verwendet wird. Ein Tabu ist sie trotz des politisch korrekten Namens immer noch, das letzte vielleicht, man redet nicht darüber. Es herrscht die Meinung vor, es handle sich um Einzelfälle, man denkt an Hirten auf der Alp, an Bauern auf abgelegenen Höfen, an Perverse und Verwirrte.

275'000 Zoophile schweizweit

Das Gegenteil ist wahr. Die Zoophilie ist weitaus verbreiteter als gemeinhin angenommen. In Dänemark, Italien, Spanien und Ungarn etwa ist tierpornografisches Material legal erhältlich. Und wer im Netz sucht, findet ein Angebot, das einen schier erschlägt; das Googeln von «animal» und «sex» ergibt 27 Millionen Treffer, bei «zoo» und «sex» sind es 9 Millionen. Man sieht dabei alles, jede Konstellation zwischen Tier und Mensch ist für den User, egal welchen Alters, uneingeschränkt einsehbar.

Als Albert Kinsey in den Fünfzigerjahren seinen Report verfasste, für den er mit 20'000 Interviews das Sexualverhalten der Amerikanerinnen und Amerikaner untersuchte, gaben 8 Prozent der Männer und 3,5 Prozent der Frauen an, schon mindestens einmal sexuellen Kontakt mit Tieren gehabt zu haben. Weil damals solche Taten hart bestraft wurden, ging man davon aus, dass die Angaben einigermassen stimmten. Mitte der Siebzigerjahre wurden die Zahlen dann aufgrund neuerer – wenn auch nur weniger – Untersuchungen etwas nach unten korrigiert: Man schätzt heute, dass 5 Prozent der männlichen und 2 Prozent der weiblichen Bevölkerung irgendwann einmal sexuell mit einem Tier verkehren, meist in Form von oral-genitalen Kontakten oder der Masturbation des Tieres.

Auf die Schweiz hochgerechnet heisst das: Es gibt hier rund 275'000 Zoophile. Wobei es sich keineswegs um ein ländliches Phänomen handelt – angesichts von Hunderttausenden von Haustieren in den Städten ist die Verfügbarkeit auch da gewährleistet. Und: Zoophile sind mitnichten Randständige oder Retardierte, sondern, wie man mittlerweile weiss, zum übergrossen Teil gebildet.

Zum Beispiel Michael K., einer der beiden Männer, die sich an der Unitagung zu ihrer Zoophilie bekannten. K. ist 50, Bibliothekar und lebt seit seiner Scheidung zusammen mit einer Schäferhündin und zwei Katzen irgendwo im Grünen in Süddeutschland. Er betreibt zwei einschlägige Websites und setzt sich vehement dafür ein, dass Zoophile nicht als krank oder abartig abgetan werden: «Es wird uns vorgeworfen, wir würden den Tieren Schaden zufügen. Das stimmt nicht, denn es passiert alles freiwillig. Rüden beispielsweise bespringen einen von selbst, und alle Hunde mögen den Geruch von menschlichen Geschlechtsteilen, weshalb sie da ja immer schnuppern. Wir lassen sie einfach gewähren.»

Einvernehmlich oder nicht?

K. ist überzeugt, dass Zoophile die wahren Tierfreunde sind; zum einen würden sie Tiere nie zu etwas zwingen, was diese nicht wollten, zum anderen würden sie ihnen das zugestehen, was ihnen in der Regel genommen werde: ihre Sexualität. Einen Hund zu kastrieren, sagt K., sei Tierquälerei.

Gieri Bolliger, Anwalt und Tierschutzrechtsspezialist, dessen Buch zum Thema im Herbst erscheinen wird, widerspricht: «Hunde, die sexuelle Kontakte mit Menschen haben, wurden darauf dressiert.» Bolliger ist kein Eiferer. Er vertritt bloss dezidiert die Meinung, dass die Anerkennung ihrer sexuellen Integrität die Tiere nicht nur vor gewaltsamen Übergriffen schütze, sondern auch davor, als vermeintlich gleichberechtigte Intimpartner vermenschlicht zu werden. Weil das Tier ja nicht gefragt werden könne, sei es unmöglich, von Einvernehmlichkeit zu sprechen.

K. sieht das genau umgekehrt. Für ihn steht der Mensch nicht über dem Tier; er habe mit seiner Hündin, die er als Lebensgefährtin bezeichnet, eine Beziehung auf Augenhöhe. Dass die Allgemeinheit die sexuelle Beziehung zwischen Mensch und Tier irritierend findet, kann er nachvollziehen, nicht aber die heftigen Reaktionen von Ablehnung und Hass – oder die Drohungen, ihm die Tiere wegzunehmen und ihn zu erschlagen. K. fühlt sich unverstanden.

Kaum geahndetes Delikt

Rechtlich gesehen ist die Sachlage klar: In der Schweiz ist Zoophilie, im Unterschied zu Deutschland, verboten, auch wenn keine Gewalt angewendet und das Tier nicht verletzt wird. Es genügt seit Einführung des neuen Tierschutzgesetzes 2008 eine sexuell motivierte Handlung des Menschen, um die Tat als Missachtung der Tierwürde und somit als Tierquälerei zu qualifizieren. Zudem verbietet das Schweizer Strafgesetzbuch den Erwerb und den Besitz von Zoopornografie – nicht aber den Konsum.

Zoophilie ist heute ein Offizialdelikt. Es werde aber kaum geahndet, sagt Bolliger, es fehle das Bewusstsein, selbst bei Tierärzten. Dabei zeigen Untersuchungen, dass das Interesse an Tierpornografie häufig mit demjenigen an Kinderpornografie korrespondiert. Besonders dann, wenn Sadismus mit im Spiel ist, sollten die Taten aus präventiven Gründen gemeldet und registriert werden: Die «Karrieren» schwerer Sexual- und Gewaltstraftäter haben oft mit Tierquälereien angefangen, der Zusammenhang gilt längst als erwiesen.

«Sexualität mit Tieren (Zoophilie) in Psychologie und Recht» von Gieri Bolliger erscheint im Herbst bei der Stiftung «Für das Tier im Recht»: www.tierimrecht.org.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.06.2011, 11:25 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Haben Sie sexuelle Probleme?»

In Italien sorgen indiskrete Fragen eines Bauunternehmens an seine Stellenbewerber für Diskussionen. Welche Fragen dürfen Arbeitgeber in der Schweiz stellen und welche nicht? Die Antworten. Mehr...

Ein Plädoyer für natürlichen Sex

Dass der Geschlechtsverkehr durch Rollenspiele oder Hilfsmittel besser wird, ist ein Mythos. Mehr...

Sponsored Content

Reinen Wein einschenken

Immer mehr prämierte Spitzenweine stammen von einem Schweizer Bio-Rebberg.

Werbung

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und weitere Politiker greifen beim Ise-Jingu Schrein in Japan zur Schaufel und pflanzen Bäumchen (26. Mai 2016).
(Bild: Carolyn Kaster) Mehr...