Das wahre Gesicht von Facebook

Es zeigt sich je länger, je mehr: Facebook steht im Dienst ganz bestimmter Interessen.

Man ist nicht paranoid, wenn man eine globale Medienmacht sieht: Facebook-Logo in Cannes. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Man ist nicht paranoid, wenn man eine globale Medienmacht sieht: Facebook-Logo in Cannes. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

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Regelmässig ist der Vorwurf zu hören, Facebook übe Zensur aus. Dabei geht es nicht um Rassismus oder Aufrufe zur Gewalt. Sondern um blockierte Profile von Personen, die Kritik am Islam oder an der Einwanderungspolitik üben. Oder um gewisse visuelle Inhalte, etwa um Körper, die in «extrem unerwünschter» Weise abgebildet werden: So begründete Facebook im Mai 2016 das Löschen eines Fotos mit dem übergewichtigen US-Model Tess Holliday, das für Bikinis in Übergrösse geworben hatte.

Facebook als ästhetische Erziehungspolizei? Das soziale Netzwerk als Maschine, die unsere Wahrnehmung steuert, programmiert von Sozialingenieuren mit Verbindungen in die Elite unserer Länder? Man ist nicht paranoid, wenn man Facebook als globale Medienmacht sieht – bei ihren 1,6 Milliarden Nutzern. Was diese Plattform erlaubt oder nicht, hat demokratie- und kulturpolitische Relevanz.

Der Fall David Berger

Algorithmen prägen längst unsere Wahrnehmung, und wenn das Blockieren gewisser Ansichten oder ästhetischer Abweichungen dazukommt, ist Wachsamkeit geboten. Ob es um einen Cartoon des «New Yorker» geht, der 2012 zensiert wurde, weil die Brustwarzen einer Frau zu sehen waren. Oder um ein russisches Foto mit küssenden Homosexuellen, das ebenso verschwinden musste wie eine türkische Seite, die nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» Bilder des Propheten Mohammed zeigte.

Oder das neueste Beispiel aus Deutschland: Der katholische Theologe und Islamkritiker David Berger äusserte sich nach dem Attentat von Orlando kritisch über den Islam, woraufhin seine Seite gesperrt wurde. Berger erklärte gegenüber einem christlichen Medienmagazin: «In Orlando richtet ein fanatischer Islamist ein Blutbad unter Schwulen an, und Facebook sperrt Nutzer, die Kritik am Islamismus üben.» Und weiter: «Die Inquisition war im Vergleich zu Facebook ein Hort der Fairness und Gerechtigkeit.»

Bergers Reaktion ist verständlich, aber übertrieben. Bisher gibt es keine Scheiterhaufen für unbequeme User. Auch kann man Facebook keine Homophobie oder Pro-Islam-Politik vorwerfen. Vielmehr scheint es so, als würde je nach Land einfach ein gewisser Mainstream bevorzugt. In den USA und in Europa begünstigt Facebook integrationsgläubige Ansichten, die keine Spaltung unter den Muslimen im Westen provozieren wollen, egal wie viele Tote der letzte Anschlag gekostet hat. Man bevorzugt Darstellungen, die für eine produktive Volksgesundheit und gegen Fettleibigkeit sprechen. Und natürlich begünstigt Facebook «pro choice» und «pro gay», inklusive der knapp 100 Geschlechtervarianten, die uns das Netzwerk genderkonform anbietet.

Eigentlich logisch, dass alles, was hier stört, von der Plattform verschwindet.

Nein, das ist keine Verschwörung. Facebook zeigt sein wahres Gesicht, ironischerweise gegen die anfängliche Vision. Mark Zuckerberg strebte eine Plattform an, auf der Menschen ihr Gesicht zeigen. Er wollte das «Face» unserer Lebenswelt, um rund um den Globus Hoffnungen, Über­zeugungen oder Sorgen zu teilen. Jetzt wird klar: Auf Facebook soll der Mensch nicht sein wahres Gesicht zeigen, denn es geht am Ende nicht um die Menschen, sondern um Träger und Projektionsflächen ganz bestimmter Ideen und Interessen.

Das macht Facebook zum Spiegelbild der heutigen Gesellschaft, die uns laufend motiviert, korrigiert und optimiert. Das Ideal der Gegenwart: die freiwillige Selbstausbeutung. Die produktive Psyche im Kreativteam der Gesellschaft. Eigentlich logisch, dass alles, was hier stört – zu persönlich, zu sperrig, zu integrationskritisch –, von der Plattform verschwindet. Und zwar nicht nur von Facebook. Dort fällt es uns einfach noch auf, zumindest vorläufig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2016, 19:28 Uhr

Giuseppe Gracia ist Informationsbeauftragter des Bistums Chur und freier Autor.

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