Den Nachwuchs auf dem Datenhighway begleiten
Von Nina Scheu. Aktualisiert am 13.02.2009
Keiner würde einen Erstklässler auf die Autobahn schicken. Nur auf dem virtuellen Highway lassen viele ihr Kind allein. (Bild: Keystone)
Wo Eltern Hilfe finden
Eltern, die Ihr Kind nicht schrankenlos im Internet surfen lassen wollen, können im Netz Filterprogramme herunterladen, die sich leicht auf jedem Computer installieren lassen. Einige Beispiele aus der grossen Auswahl: www.safetykid.de, www.trendmicro.de; www.fosi.org
Im Internet Explorer kann man bereits einige Voreinstellungen aktivieren. Klicken Sie unter «Extras» auf «Internetoptionen», dann «Inhalte» -> «Inhaltsratgeber» aktivieren -> «Filter»
Auch Zeitlimits sind bereits integriert (in Windows Vista). Die Anleitung dazu findet man im Netz unter: www.microsoft.com/germany/athome/security/einstellung/jugendschutz/zeitlimits-festlegen.mspx
Eine Kindersicherung mit integriertem Zeitlimit zum Download: www.salfeld.de/software/kindersicherung/index.html
Im Netz findet man auch die wichtigsten Verhaltensregeln: www.security4kids.ch (Tipps für Eltern, Kinder und Lehrpersonen); www.schaugenau.ch (Aufklärungskampagne der Stadt Zürich); www.setz-eine-grenze.ch (Beratung und Onlinetest zur Internetsucht).
Hier meldet man Verdächtiges:
www.melani.admin.ch (Melde und Analysestelle des Bundes); http://www.kobik.ch Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität.
Literatur
«Sicher! Gesund!» Ordner für Pädagogen, herausgegeben vom Amt für Volksschule St. Gallen. Gesundheitsförderung, Prävention und Sicherheit; «Klicken, lesen und spielend lernen. Interaktive Spielgeschichten für Kinder». Verlag Pestalozzianum, Zürich, 2004; «Kids im Netz - Handy, Internet, TV & Co.» Ratgeber der Stiftung für Konsumentenschutz.
Meine Tochter fragte nach unserer Postleitzahl. Ohne von der Arbeit aufzusehen, gab ich Antwort. Erst als es auch die Telefonnummer eintippen wollte, wurde ich stutzig. Wir schrieben das Jahr 1995 und meine Achtjährige war gerade dabei, sich im Internet ihr eigenes «Haus» einzurichten. Lange bevor man bei Myspace, Netlog, Facebook und wie die Web-2.0-Communities heute alle heissen, ein Profil eröffnen konnte, unterhielt das deutsche Kindernetz.de (der Internet-Ableger des Kinderprogramms der ARD) eine hübsch gestaltete Seite für Kinder, auf der die kleinen Surfer miteinander Kontakt aufnehmen konnten. Mittlerweile weiss man aus zahlreichen Untersuchungen, dass es im Durchschnitt keine drei Minuten dauert, bis Kinder oder Jugendliche im Netz sexuell belästigt werden. Damals, 1995, dauerte es etwa zehn Minuten, bis «Anja (11)» von meiner Tochter nicht nur Adresse und Telefonnummer in Erfahrung bringen wollte, sondern auch fragte: «Hast du denn schon einen Busen?»
Gemeinsam das Netz erobern
Wir erziehen unsere Kinder zur Ehrlichkeit, doch im Internet gelten andere Regeln: Gib deine Adresse nicht preis, beantworte nicht jede Frage, verweigere Kontakte und verrate deine Freunde, denn sie könnten deine Feinde sein! Es kann fatale Folgen haben, wenn arglose Schüler ihre privatesten Daten an die globale Internet-Glocke hängen - deren Klang auch Missgünstige und Kriminelle erreicht.
Nahezu alle Kinder und Jugendlichen in der Schweiz haben Zugang zum weltweiten Netz. Zugleich gibt es zahlreiche Eltern, die glauben, ihrem Kind bei der Erforschung der virtuellen Welt nicht helfen zu können. Dabei käme wohl niemand auf die Idee, einen Erstklässler auf der Autobahn spazieren zu schicken. Nur auf dem Datenhighway lassen viele ihren Nachwuchs allein. Statt um technische Aspekte - die buchstäblich ein Kinderspiel geworden sind - geht es um jene Portion Lebenserfahrung, die alle Erwachsenen ihren Kindern voraus haben. Die erste, wichtigste und einfachste Regel für Eltern ohne Internet-Knowhow lautet entsprechend: Haben Sie keine Angst, sondern erobern Sie sich das weltweite Netz spielerisch - gemeinsam mit ihren Kindern.
Compi nicht ins Kinderzimmer
Ein Computer, auf dem Kinder im Primarschulalter spielen können oder Internetzugang haben, gehört nicht hinter verschlossene Türen oder gar ins Kinderzimmer, sondern in einen Gemeinschaftsraum, wo Eltern oder ältere Geschwister jederzeit einen Blick auf den Bildschirm werfen können, und wo die kleinen Computercracks auch Fragen stellen oder erzählen können, wenn ihnen etwas Unheimliches oder Verstörendes begegnet. Und natürlich sollte das Gerät mit einem Passwort geschützt sein, sodass es nur dann benutzt werden kann, wenn eine - berechtigte - Aufsichtsperson anwesend ist.
Für jüngere Kinder sind Chat und E-Mail in der Regel noch nicht sonderlich interessant. Hier geht es eher darum, sie vor verstörenden Inhalten zu schützen. Wenn beispielsweise ein Fan des «Kleinen Vampirs» diesen Begriff bei Google eingibt, verweisen schon die ersten Fundstellen auf blutige Bilder und gruselige Seiten. Sie können, genauso wie Sexanzeigen und Pornosites, mittels Filterprogrammen eliminiert werden, die sich einfach und rasch auf jedem Heimcomputer einrichten lassen.
Wichtiger als diese technischen Einschränkungen ist es aber, den Kindern beizubringen, woran man solche Seiten erkennt bevor man sie anklickt, dass man sie gegebenenfalls auch einfach wieder schliessen und vor allem über die Eindrücke, die sie hinterlassen, reden kann, falls man sie, beispielsweise an einem weniger geschützten Computer, doch einmal zu Gesicht bekommt. Das Kinderhilfswerk Unicef listet bereits 14 Millionen Websites mit pornografischen Inhalten auf - wir alle müssen lernen, diese Eindrücke zu verarbeiten.
Ein «Medienkonto» einrichten
Von Anfang an sollte auch die Zeit, die im Internet verloren geht, ein Thema in der Familie sein. Wer einen Wecker neben den Computer stellt, macht deutlich, wie schnell die Minuten verfliegen, wenn man sich von Link zu Link klickt oder in einem Game verliert. Gemäss einer Studie gelten bereits 2,3 Prozent der Bevölkerung als Computer- oder online-süchtig, weitere 3,7 Prozent als suchtgefährdet. Immer mehr Menschen geraten in eine fatale Abhängigkeit von der virtuellen Welt.
Schon Kinder sollten deshalb lernen, genaue Zeitlimiten einzuhalten: Beispielsweise mit Hilfe eines «Medienkontos», über dessen Einteilung selbst die Jüngsten frei verfügen können. Zwei Stunden Mediennutzung pro Woche gelten bei Unterstufenkindern als Richtwert. Ob diese Zeit mit gamen, surfen, fernsehen oder bereits mailen verbracht wird, muss das Kind selbst entscheiden. So lernt es, die Oberhand zu behalten - die wohl wichtigste Fähigkeit, die man angesichts des verführerischen Sogs der neuen Webapplikationen entwickeln muss. Wer bereits am Wochenende seine Medienzeit verpulvert hat, muss sich dann halt eine Woche lang in Geduld üben, bis der Kontostand wieder ins Plus gehoben wird.
Jugendliche begleitet man nicht mehr auf dem Schulweg, und genauso sollten sie auch im Internet allmählich eigene Wege gehen. Für die Hausaufgaben, Verabredungen und nicht zuletzt, um auszuprobieren, was bei den Kollegen und Kolleginnen ankommt, nutzt heute fast jeder Teenager Community-Websites wie Netlog oder Facebook, und wer nicht über Chatsysteme wie MSN oder Skype erreichbar ist, gehört zu den grossen Ausnahmen. Auch wenn die Verhaltensregeln im Netz bei Kindern in diesem Alter sicherlich schon oft ein Thema waren, sollten die Eltern immer wieder nachfragen oder - besser noch - eigene Benutzerkonten eröffnen und auf diese Weise selbst erfahren, was in den Communities und Chatforen gerade diskutiert wird.
Spätestens, wenn die 13-jährige Tochter ein Netlog-Profil unter dem Pseudonym «Scheues Reh» eröffnet, oder gar laszive Fotos ins Netz stellt, ist es höchste Zeit, ihr deutlich zu machen, wen sie damit auf ihre Seite lockt. Wie wärs stattdessen mit «Grimmiger Geier» und einer Comic-Figur? Selbst drastische Ausdrücke sind angesichts der Gefahren gerechtfertigt: «Willst du, dass sich da einer einen runterholt, wenn er dein Profil besucht?»
Das ist so unwahrscheinlich nämlich nicht: Allein in der Stadt Zürich werden jährlich über 40 Personen wegen sexuellen Handlungen mit Kindern, Kindsmissbrauch, Besitz und Herstellen von Kinderpornografie und Kindsmisshandlungen verhaftet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.02.2009, 11:54 Uhr
Leben
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