«Depressionen vermitteln häufig eine Botschaft»
Interview: Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 05.11.2011 18 Kommentare
«Ich bin dagegen, dass man jedes Leiden für krank erklärt», sagt Daniel Hell. (Foto: Doris Fanconi)
Zürcher Psychiater
Daniel Hell war bis 2009 Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Ordentlicher Professor für Klinische Psychiatrie der Universität Zürich. Heute leitet er das Kompetenzzentrum «Depression und Angst» an der Privatklinik Hohenegg in Meilen. Er hat sich wissenschaftlich vor allem mit Depressionen und anderen emotionalen Problemen beschäftigt. Diese lassen sich seiner Erfahrung nach nur verstehen, wenn therapeutische Erfahrung und neurowissenschaftliche Erkenntnisse gleichermassen genutzt werden.
Im Dezember erscheint Daniel Hells neustes Buch: Depression als Störung des Gleichgewichts. Kohlhammer, Stuttgart 2011. 200 S., ca. 53 Fr.
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Die Nächte werden länger, die Tage kälter. Warum reagieren Menschen darauf schwermütig?
Aus Mangel an Licht. Sonne und Wärme sind Kraftspender, man sieht das bei den Pflanzen und Tieren. Auch beim Menschen verlangsamt sich im Winter der Organismus, die Stimmung wird ruhiger, bei gewissen Menschen wird sie auch dunkler. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden an saisonalen Depressionen, die im November einsetzen und mit dem Frühling ausklingen. Sie treffen mehr Frauen als Männer.
Was raten Sie ihnen?
Spazieren, Sport treiben; so viel Sonne oder Licht aufnehmen wie möglich, wenn nötig auch mit Speziallampen.
Werden Menschen im Norden häufiger depressiv als im Süden?
Die Resultate sind nicht einheitlich. In den USA trifft das zu, in Europa weniger. Das hängt damit zusammen, dass es viele Formen der Depression gibt und dass psychische Krankheiten viel mit der Gesellschaft zu tun haben, in der sie auftreten.
Einen melancholischen Regisseur wie Kaurismäki kann man sich in Italien ebenso wenig vorstellen wie einen schwedischen Fellini.
Das mag sein, aber die umgangssprachliche Melancholie ist keine Depression. Ich würde sie als eine Art traurige Besinnlichkeit bezeichnen. Der Melancholiker ist nicht depressiv, denn er spürt ja seine Traurigkeit. Melancholie ist eine Stimmung, ein Lebensgefühl; Depression ist eine Störung.
Eine schwere Depression, sagen Sie, sei eine nicht zugelassene Traurigkeit.
Das mag überraschen, weil man Depression gemeinhin mit Trauer in Verbindung bringt. Aber schwer depressive Menschen können keine Traurigkeit mehr fühlen, sie leiden am Fehlen von Gefühlen: Sie erstarren. Trauer dagegen ist ein emotionaler Prozess, die Verarbeitung eines Verlusts. Eine Depression entsteht oft dann, wenn Menschen ihre Trauer nicht zulassen und damit auch nicht überwinden können. Depressiv zu sein heisst: keine Freude zu empfinden, keinen Antrieb mehr zu haben, keinerlei Kraft. Eine Depression fühlt sich an wie ein Winter ohne Frühling. Glücklicherweise geht bei vielen Patienten der Winter einmal zu Ende.
Depression heisst also: einen Verlust nicht zu akzeptieren.
Ja, ein misslungener Trauerprozess kann eine Depression auslösen.
Sigmund Freud glaubte, Depression sei nach innen gekehrte Wut.
Ich würde eher von Schuldgefühlen reden, wobei diese Gefühle mittlerweile seltener vorkommen; Depressive empfinden heute eher Scham als Schuld.
Warum?
Schuld hat mit Vorstellungen von Gut und Böse zu tun, mit dem Zuwiderhandeln gegen Gewissen und Moral. In der heutigen Gesellschaft steht das Individuum im Zentrum, die Selbstverwirklichung wird zum Gebot. Jeder versucht, sich zu verwirklichen. Wer das nicht schafft, empfindet sich als Versager. Das löst eine Kränkung aus und dann das Gefühl von Scham.
Stimmt es, dass es immer mehr depressive Menschen gibt?
Es werden immer mehr Menschen wegen Depressionen behandelt. Das hat damit zu tun, dass wir immer älter werden und alte Menschen oft vereinsamen. Es hängt auch damit zusammen, dass man diese psychische Erkrankung heute eher akzeptiert als früher. Trotzdem wird von depressiven Menschen erwartet, baldmöglichst wieder in der Familie und bei der Arbeit zu funktionieren. Damit steigt der Behandlungsdruck weiter.
Die Globalisierung verlangt nach flexiblen Bürgern. Flexibel heisst, sich an wechselnde Anforderungen rasch anzupassen. Das geht nicht mehr ohne Chemie: Kinder bekommen Ritalin, Studenten dopen sich, der Verkauf von Schlafmitteln explodiert, in den USA spricht man von Prozac-Gesellschaft.
Die Arbeit bringt zwar mehr Abwechslung als früher, man kann im Ausland studieren und arbeiten, das Internet vernetzt uns, auch das Reisen beschleunigt sich. Das klingt zunächst einmal aufregend. Nur steigen damit die Anforderungen, jederzeit für alles bereit zu sein. Die einen nehmen Pillen, andere erleiden eine Depression, wieder andere arbeiten bis zur Erschöpfung, vor allem Männer. Sie alle können mit den Erwartungen, die sie an sich selber stellen, schlecht umgehen.
Der Druck kommt also nicht nur von aussen.
Er ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Trend zur Selbstverwirklichung, die zugleich eine Forderung ist: noch besser zu arbeiten, noch toller auszusehen, noch mehr Freunde zu haben und so weiter. Wer diesem Druck nicht widerstehen kann, wird sich bald überfordert fühlen. Für Depressive ist die heutige Gesellschaft besonders schwer zu ertragen. Sie fühlen sich grau und leer, während um sie herum alles bunt wirkt, schnell und laut. Das ist auch der Grund, warum manche Depressive im Frühling oder in den Ferien besonders bedrückt wirken. Weil ihre Niedergeschlagenheit so gar nicht in die Umgebung passt. Die Depression fühlt sich an wie ein dauerndes Gebremstsein; man möchte vorankommen, aber alles ist verlangsamt, wie in Zeitlupe.
Von allen Berufsgruppen leiden Künstlerinnen und Künstler am häufigsten unter Depressionen: Schauspieler, Regisseure, Maler, Schriftsteller sowieso und ganz besonders Komiker. Wie lässt sich das erklären?
Schwarzer Humor inspiriert sich an schwarzen Gedanken, macht diese aber auch erträglicher. Ausserdem sind kreative Menschen besonders sensibel, weil sie sich immer wieder neu finden müssen. Wer aussergewöhnlich lebt, geht über ein sehr hoch gespanntes Seil. Gerät er aus dem Gleichgewicht, fällt er entsprechend tief.
Warum gibt es keine glückliche Kunst? Warum sind Selige so schwer zu ertragen?
Weil das Leiden das grössere spezifische Gewicht hat. Das Leiden ist ein Aufschrei, der nach einer Reaktion verlangt. Wer leidet, wird zum Suchenden. Das Leiden ist ein Prozess, das Glück ein Zustand. Sich danach zu sehnen, ist in der Beschreibung viel interessanter, als es zu erleben.
Depression sei eine Wohlstandskrankheit, hört man: Arme Menschen kämen gar nicht dazu, sich niedergeschlagen zu fühlen.
Das stimmt nicht und entwertet sowohl die Krankheit, wie es die Folgen der Armut verharmlost. Menschen in sehr armen oder kriegsversehrten Ländern leiden besonders häufig an Depressionen. Eine gross angelegte Studie der Weltgesundheitsorganisation kam zum Schluss, dass Zimbabwe das Land ist, in dem am meisten depressive Menschen leben. In einer Diktatur also, in der Hunger und Arbeitslosigkeit herrschen und es keine Hoffnung gibt.
Hat die Depression auch eine positive Seite?
Depressionen vermitteln häufig eine Botschaft. Sie machen klar, dass es so nicht weitergehen kann, dass jemand überfordert ist oder nicht loslassen kann. Je schlimmer die Depression, desto drängender ihre Botschaft. Viele meiner Patientinnen und Patienten haben mir später gesagt, die Depression habe ihnen geholfen, ihr Leben zu ändern.
Nun ist die Depression auch ein Geschäft.
Dass sie als psychische Krankheit anerkannt wird, hat tatsächlich einiges mit der Pharmaindustrie zu tun. Denn dadurch vergrössert sich der Absatzmarkt für deren Medikamente. Die neuen Antidepressiva wirken spezifischer, aber auch sie haben Nebenwirkungen. Am besten wirken sie bei schweren Depressionen. Mich stört, dass sie in leichteren Fällen zu oft angewandt werden, bei denen eine Psychotherapie nachhaltiger wirkt. Je grösser der Druck wird, Menschen wieder arbeitsfähig zu machen, desto schneller kommen Medikamente zum Einsatz.
Als die klassische Psychotherapie in die Kritik geriet, setzte man auf Verhaltenstherapie und die Ergebnisse der Hirnforschung. Stimmt der Eindruck, dass der Trend wieder etwas zurückgeht?
Die Einsicht hat sich durchgesetzt, dass sich eine schwere Depression nicht mit Anleitungen zum positiven Denken behandeln lässt. Es braucht eine therapeutische Beziehung. Nur wer mich liebt, hat Max Frisch einmal gesagt, darf mich beurteilen. Wer einem Patienten nicht das Gefühl vermitteln kann, ihn mit seiner Depression anzunehmen, wird wenig ausrichten können.
Man spricht oft vom hilflosen Helfer. Sind Ärzte und Therapeuten besonders depressionsgefährdet?
Manche kennen depressive Verstimmungen aus eigener Erfahrung. Ich halte das aber nicht für etwas Schlechtes.
C. G. Jung sagte einmal, ein Therapeut sollte so gesund wie nötig und so krank wie möglich sein.
Ein Arzt muss etwas von Medizin verstehen, aber vor allem muss er menschlich sein und sich einfühlen können.
Kann man sich vor allem Leiden schützen?
Die WHO definiert Gesundheit als das völlige körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden. Ich bin dagegen, dass man jedes Leiden für krank erklärt.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.11.2011, 08:51 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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