Studen

Der 80-Jährige, der mit Panzern spielt

Samuel Heuer besitzt den wohl grössten Spielplatz der Schweiz: Im ehemaligen Kieswerk kurvt er mit seinen fünf Panzern herum und führt Gäste durch sein privates Militärmuseum.

<b>Heuer und sein Ungeheuer:</b> Armeefreak Samuel Heuer beim ehemaligen Kieswerk Petinesca in Studen, wo er seine Panzer lagert und ein kleines Militärmuseum führt.

Heuer und sein Ungeheuer: Armeefreak Samuel Heuer beim ehemaligen Kieswerk Petinesca in Studen, wo er seine Panzer lagert und ein kleines Militärmuseum führt. Bild: Urs Baumann

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Früher spielten Kinder mit Zinnsoldaten. Wenn Samuel Heuer Spass will, fährt er seine eigenen Panzer aus der Garage. «Diese Wucht, diese Masse, das haut mich immer wieder um.» Die Augen des 80-jährigen Seeländers leuchten wie die eines kleinen Jungen.

Wenn sich 50 Tonnen gehärteter Stahl in Bewegung setzen und trotz dieses Gewichts um die 40 Stundenkilometer unter die Raupen bringen, ist das schon eindrücklich. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Bei jedem Schalten gibt es einen starken Ruck. Und wenn sich die tarnfarbenen Giganten auf dem Schauplatz in Studen den Hang emporquälen, erinnert das an Krieg.

100'00 für den ersten Panzer

Doch von Krieg will Samuel Heuer nichts wissen. «Ich bin auch kein Militärkopf», sagt er. Er sei einfach von der Technik und Dynamik der Fahrzeuge fasziniert. «Und Panzer vermitteln ein Gefühl von Sicherheit.»

Der ehemalige Oberst – er hat «stolze» 1700 Diensttage geleistet – holt sich seine Leidenschaft vor die Haustür: 1992 schaffte er sich den ersten Panzer an, einen Centurion. 10000 Franken hat er für das Kriegsgefährt mit eingebautem Teekocher bezahlt, Türöffner für diesen Kauf war ein ehemaliger Kommandant. Doch ein Panzer war dem Gründer der Petinesca-Kieswerke nicht genug. «Pro Jahr leistete ich mir so ein, zwei Anschaffungen», sagt der rüstige Rentner schmunzelnd. Die Ausgaben musste er vor seiner Frau und den drei Kindern rechtfertigen.

Heute umfasst Samuel Heuers Wagenpark auf dem Petinesca-Areal in Studen fünf Panzer, drei ausrangierte Kampfjets Typ Vampire, Mirage und Hunter, einen Alouette-Helikopter, diverse Töffs und Oldtimerfahrzeuge. Alle in gepflegtem Zustand. Gross expandieren will Heuer nun nicht mehr – bis auf einen Tiger-Kampfjet, sein letzter grosser Wunsch. Im Raum neben der riesigen Lagerhalle hat Heuer ein kleines Militärmuseum eingerichtet: Die Wände sind übersät mit historischen Fotos, Auszeichnungen und Dankesbriefen von ranghohen Armeevertretern wie dem ehemaligen Generalstabschef Arthur Liener. Auch wer nicht aus der Szene ist, merkt: Samuel Heuer hat sich über die Jahre eine Sammlung von beachtlichem Wert angelegt. Doch über Geld mag er nicht sprechen. «Ich habe alles aus eigenem Sack bezahlt und bei der Steuerbehörde deklariert.» Pro Jahr macht er im Schnitt 30 Führungen durchs Museum inklusive Panzerfahrt für Unternehmen oder Militärdelegationen aus der ganzen Welt.

Der gute Schweizer

Samuel Heuer sieht weder aus wie ein 80-Jähriger, noch wirkt er so. Vielmehr ist er ein jung gebliebener und engagierter Tausendsassa, der dem Tag am liebsten noch ein paar Stunden anhängen würde, um all seine Vorhaben unter einen Hut zu bringen. Viel Zeit investiert der gut vernetzte Ex-Unternehmer in zahlreiche Ehrenämter.

Heuer ist ein Patron der alten Schule, ein FDPler, der mit seinem Kieswerk mit eigenen Händen ein kleines Imperium erschaffen hat. Er ist dreifacher Vater und seit über 50 Jahren «glücklicher» Ehemann. Heuer ist ein Bastler, der schon als kleiner Bauernjunge in Aegerten lieber am Traktor rumgeschraubt hat, als Kartoffeln zu ernten. Und obwohl er als 12-Jähriger seinen Vater durch einen Militärunfall verloren hatte – dieser war 1942 im Aktivdienst vom Pferd gestürzt und erlitt eine Hirnblutung –, wuchs Heuers Begeisterung für die Armee. Seine Werte und Leitplanken fürs Leben holte er sich aus dem Militär.

«Ich bin sicher ein guter Schweizer», sagt er, so einer, der sich für sein Land einsetzt, sich in der Gemeinde engagiert und in Vereinen schiesst, turnt oder Musik macht. Die Schweizer Armee vergleicht Heuer mit einem dahinschmelzenden Schneemann. «Zuerst ist die Rübe weg, dann die Augen, dann sackt das ganze Konstrukt in sich zusammen.» Mit dem über Jahre andauernden Armeeabbau ist für Heuer definitiv am falschen Ort gespart. «Wir brauchen in unserer Eidgenossenschaft ein sicheres Element, das in der Not Hilfe leistet.»

Geschenk ans Museum

Rübe, Augen und vieles, was vom schmelzenden Armee-Schneemann übrig bleibt, landet in Heuers Sammlung. Seit einem Jahr ist diese offiziell als Museum deklariert. Obwohl er ein unerschütterlicher Optimist und jung geblieben ist, setzt sich Samuel Heuer nicht nur mit dem Sterben der Armee, sondern auch mit seinem eigenen Tod auseinander. So ist geregelt, dass in diesem Fall die ganze Sammlung ans Verkehrsmuseum Schweiz übergeht, mit dem der Pänzeler heute eng zusammenarbeitet.

Doch dieser Moment scheint in weiter Ferne zu liegen. Und jetzt gibt es viel zu tun. Die Panzer für den Frühling rüsten, zum Beispiel. Oder gegen die Waffen-Initiative stimmen. «Sonst wäre ich ein schlechter Eidgenosse.» Er selber besitzt keine Waffen, wie er betont. Und seine Panzer seien zwar fahrtüchtig, können aber nicht mehr schiessen. «Die müsste ich also sicher nicht abgeben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.02.2011, 18:49 Uhr

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