Der Bluff im Büro

Gereiztheit, Frustration, Depression: Mit scheinbarer Aktivität getarnte Unterforderung und Langeweile am Arbeitsplatz kann krank machen. Kennen Sie das Bore-out-Phänomen?

Krank machende Langeweile: Bürokraft. (PD)

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Wenn Ihr Arbeitstag so ähnlich aussieht und Privates zunehmend bei der Arbeit erledigt wird, dann erfüllen Sie schon mindestens ein Kriterium für einen Bore-out. Das ist der kleine Bruder vom viel zitierten Burn-out. Doch im Gegensatz zur Überforderung (Burn-out) wird über Unterforderung (Bore-out) nur wenig gesprochen. Viel eher vertuschen Betroffene die Langeweile mit So-tun-als-ob-Strategien und simulieren totale Ausgelastetheit. Auf die Dauer kann das die Gesundheit schädigen: Gereiztheit, Schlafstörungen, chronische Müdigkeit und Frustration bis hin zu einer Depression können die Folgen sein. Zudem melden sich betroffene Mitarbeiter häufiger krank.

Grundzutaten: Pendenzenliste und Computer

Das Marktforschungsinstitut GfK Schweiz hat letztes Jahr für eine internationale Arbeitnehmer-Studie mehr als 30'000 Personen in 29 Ländern befragt, darunter auch Schweizer Angestellte. Knapp ein Drittel der jungen Arbeitnehmer in der Schweiz gaben an, eine wenig interessante Arbeit zu verrichten, bei der sie ihre Fähigkeiten und Kenntnisse nicht voll einsetzen könnten. Für Ursula Gut-Suzler, Vicario Consulting Bern, ist das Thema ein Tabu: «Der Bore-out ist sicher eine weiter verbreitete Realität, als dies allgemein eingestanden wird.» Aber wer erzähle in unserer hyperaktiven Selbstdarstellungs- und Leistungsgesellschaft schon gerne, dass er sich krank langweile? «Ein Computer und eine Pendenzenliste», sagt Buchautor und Unternehmensberater Peter R. Werder, «das sind die zwei Grundbedingungen für ein Bore-out.» (Lesen Sie auch: «Das Büro als erogene Zone»)

Auf Langeweile reagiere dann jeder anders. Werder unterscheidet fünf verschiedene Bore-out-Typen. Besonders anfällig seien Berufe im Bankwesen, auf Versicherungen und Verwaltungen. Prädestiniert sei auch, wer nach «Präsenzzeiten» arbeite, wo jederzeit ein Kunde anrufen oder vorbeikommen könne. In den häufig unterbrochenen Wartezeiten werde dann keine sinnvolle Arbeit angepackt. Auch wer nur einen kleinen, sehr repetitiven Teil eines Prozesses bearbeite, welcher keine eigenen Entscheidungen oder Kreativität zulasse, laufe Gefahr auszulaugen. (Lesen Sie auch: «Die wirtschaftliche Pipipause»)

Das tägliche «Absitzen» der Arbeitszeit wird zur psychischen Belastung. Um die Situation erträglicher zu gestalten, suchen sich Betroffene Strategien zur Ablenkung. Hier gebe es laut Werder verschiedene Möglichkeiten. Die einen verteilten die Arbeit auf eine längere Zeitspanne. Die anderen erledigten die Aufgaben möglichst schnell und «verplemperten» dann die Zeit bis zur Abgabe.

Familie hilft Frauen, sich abzulenken

Ist der Bore-out weiblich? «Nein», sagt Gut-Sulzer. Frauen seien nicht häufiger betroffen. Spannend sei aber, dass sie mit Unterforderung anders umgehen als Männer. Dies, weil sie andere Interessen wie Familie, Hobbys oder Beziehungen stärker gewichteten. Wer sich nicht nur mit dem Beruf identifiziere, halte eine schwierige Jobsituation länger aus. Generell vermutet Gut-Suzler aber: «Das Phänomen ist heute aktueller als früher, weil wir vom Beruf mehr als nur ein Einkommen erwarten, sondern auch persönliche Erfüllung.» Aus dem Thema per se eine Frauenangelegenheit machen, das möchte Werder nicht, eher hänge es mit dem Grad der Anstellung zusammen und der genossenen Ausbildung. Grundsätzlich gelte: Je mehr sich Bildungsabschluss und Stellenprofil unterscheiden, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit für Probleme. Deshalb sei es wichtig, dass die Stellenanzeige Transparenz schaffe. Es bringe nichts, wenn man für eine Assistenzstelle eine Nobelpreisträgerin anstelle. Genauso unsinnig sei es, jemanden in Vollzeit anzustellen, wenn unter dem Strich nur Arbeit für eine 50-Prozent-Stelle vorhanden sei.

Stellenwechsel als letzter Ausweg

Carla Weber, Psychologin beim kaufmännischen Verband Schweiz, kennt die Thematik. Sie rät Hilfesuchenden, dringend das Gespräch mit dem Vorgesetzten zu suchen. «Manchmal ist eine Ausweitung der Aufgaben oder eine Veränderung der Arbeit intern möglich», sagt Weber. Bessere sich die Situation nicht, müsse ein Stellenwechsel her. Wichtig sei aber, sich vorgängig auf einer Laufbahnberatung zu informieren und eine Standortbestimmung zu machen. (Lesen Sie auch: «Die Neudefinition der Work-Life-Balance»)

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann lesen Sie auch: «Chic im Beruf: 10 wirklich gute Tipps» auf Clack.ch – Ihrem Online-Magazin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.11.2012, 06:29 Uhr)

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