Der Flex-Appeal

Was törnt Frauen an? Mehr als diese selber denken – oder Männer wahrhaben wollen. Die Hingezogenheit der Frau zum gleichen Geschlecht soll gar eine historische Konstante sein – das sagen neue Studien.

Melanie Lynskey und Kate Winslet im Film «Heavenly Creatures» (1994).

Melanie Lynskey und Kate Winslet im Film «Heavenly Creatures» (1994).

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Die anekdotische Überprüfung der neuen Sexhypothese ist einfach: Lesen Sie eine Weile lang Celebrity-News oder Klatschmagazine, und schon erscheint das weibliche Balzverhalten auffällig genderblind: Anne Heche war drei Jahre lang die Freundin von Ellen DeGeneres, bevor sie sie für einen Kameramann verliess. Katy Perry singt ganz öffentlich davon, wie schön es ist, ein Mädchen zu küssen. Lindsay Lohan möchte nach etlichen gescheiterten Männer-Beziehungen ihre On-off-Freundin Samantha Ronson ehelichen, und auch «Sex and the City»-Star Cynthia Nixon und ihre Lebensgefährtin haben die Hochzeitstorte im Mai dieses Jahres angeschnitten. Die erste teilte sie mit einem Mann. (Lesen Sie auch: «Ein Seitensprung nach vorn»)

Was bloss ist mit diesen Frauen los? Gar nichts. Jedenfalls nichts Ausserordentliches. Im Gegenteil: Sowohl im wirklichen Leben wie auch im Labor zeigen Frauen eine grössere sexuelle Flexibilität als Männer. Das behaupten gleich mehrere Studien. Aktuell die Untersuchung von Robert Snowden und Nicola Gray von der University of Cardiff. In ihrem jetzt veröffentlichten Artikel für die «Archives of Sexual Behavior» rapportieren die beiden US-Forscher, dass Frauen, auch heterosexuelle, anders als Männer sich von beiden Geschlechtern erotisch angezogen fühlen – zumindest in ihrem Unbewussten. «Es ist nicht so, dass heterosexuelle Frauen eigentlich bisexuell wären», sagt Snowden, «aber das, was sie als lustvoll und erotisch empfinden, entspricht nicht immer der angegebenen sexuellen Ausrichtung.» (Lesen Sie auch: «Flexisexy»)

Die beiden Forscher haben Probanden beider Geschlechter mit allen sexuellen Vorlieben im Labor Bilder von Frauen und Männern mit erotischem Wortkontext vorgeführt – es hat sich gezeigt, dass homosexuelle Männer am schnellsten und klarsten auf die Männerbilder reagierten. Überraschender aber war, dass heterosexuelle Frauen nicht die erwartete Vorliebe für Männer zeigten und durchaus auch Frauenbilder als erotisch durchgehen liessen. Ganz im Gegensatz zu heterosexuellen Männern, die sich zumindest im Labor klar und eindeutig an die Frauen halten. Die Forscher sehen damit nicht nur die bekannte Tatsache bestätigt, dass das weibliche Begehren vieldimensional ist und auf mehr sexuelle Stimuli reagiert als das männliche. Sondern auch den Fakt, dass das weibliche Begehren genderflexibel ist.

Jetzt fragt sich natürlich, warum das so ist. Eine Erklärung haben die beiden Wissenschafter nicht. Damit schliessen sie sich einer Reihe von prominenten Sexualforschern an, die sich seit längerem an der Frage nach dem Warum des weiblichen «Flex-Appeals» die Zähne ausbeissen. Roy Baumeister, Psychologe an der Florida State University und das Aushängeschild in der Gilde, vermutet, dass die Erregbarkeit durch viele Stimuli es den Frauen möglich machte, sich besser den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen – etwa wenn nach Kriegen die Fortpflanzungspartner rar waren. Meredith Chivers von der Universität von Toronto ist überzeugt, dass es jahrhundertelang die Männer waren, welche in der Paarung die Führung übernahmen, und dass sich daraus die klaren männlichen Vorlieben in Sachen Erotik herausgebildet hätten. Warum sich die Mehrheit der Frauen allerdings eine heterosexuelle Identität zulegt und diese auch lebt, obwohl viele von ihnen durchaus auch vom gleichen Geschlecht angezogen werden, ist für Chivers noch immer ein ungelöstes Rätsel.

Flexibilität als historische Konstante

Ein Rätsel übrigens, das eine einmalige historische Konstanz zeigt. Die einzigartige weibliche Flexibilität in Sachen Sex-Appeal hat sich bei genauerem Hinsehen in fast allen Studien seit dem grossen Kinsey-Report 1940 gezeigt. 1994 hat Soziologe Edward O. Laumann zum Beispiel herausgefunden, dass heterosexuelle Frauen sich signifikant öfter auf ein gleichgeschlechtliches Abenteuer einliessen als heterosexuelle Männer. 2003 bestätigte Nigel Dickson in seiner Studie den Befund: Rund ein Viertel aller Probandinnen gab an, eine romantische Anziehung zum gleichen Geschlecht ausgelebt oder zumindest empfunden zu haben. Bei den Männern waren es bloss 10 Prozent. Und 2005 schliesslich zeigte sich in einer Untersuchung von Chivers, dass heterosexuelle Frauen körperliche Erregung zeigen, egal ob sie lesbische, schwule oder Hetero-Pornos schauten. (Lesen Sie auch: «Die Pornografinnen»)

Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob letztlich vielleicht einfach die männliche Homophobie und ihre gesellschaftliche Implementierung bereits in der Schule die Genderdifferenz in Sachen sexuelle Flexibilität erklären kann. Nicht ganz, da sind sich die Wissenschafter ziemlich einig. Oder in den Worten von Meredith Chivers: «Sich irgendwie von beiden Geschlechtern angezogen zu fühlen, scheint nicht die Abweichung, sondern vielmehr die weibliche Norm zu sein. Es ist anzunehmen, dass die sexuelle Flexibilität zur typisch weiblichen Paarungspsychologie gehört.» (Lesen Sie dazu auch: «Herr Doktor, bitte einen Orgasmus!»)

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.10.2012, 20:04 Uhr)

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