«Der Glanz der anderen ist erhebend, wenn er schattenfrei auf uns fällt»
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 29.03.2010 3 Kommentare
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Was motiviert die Menschen, Modeschauen, Oscar-Verleihungen und ähnliche Glamour-Events zu verfolgen? Macht das glücklich?
Derlei Ereignisse sind weltliche Rituale, die weniger durch ihren Neuigkeitswert faszinieren als vielmehr durch ihre Wiederholung. Wem das gefällt, dem gefällt es und den macht es auch glücklich. Bei mir ergibt die Wiederkehr des Ewiggleichen kein erhabenes Gefühl, sondern bestenfalls Desinteresse, häufiger aber eine Art depressiver Beklemmung. Darum mag ich auch selber keinerlei Rituale erfinden und praktizieren: Einmal zu Silvester Champagner schlürfen am Times Square ist ein tolles Gefühl; schon beim zweiten Mal hätte ich das Gefühl, auf immer und ewig für die langweiligste Nebenrolle in «Und täglich grüsst das Murmeltier II» nominiert zu sein.
Wieso fühlen sich denn die einen mieser, wenn sie vom Erfolg und Glück anderer vernehmen, während sich manche von fremdem Glanz und Wohlergehen inspirieren, ja befriedigen lassen?
Ich glaube nicht, dass sich jemand aus unseren Kreisen schlechter fühlt, wenn er hört, dass Kathryn Bigelow einen Oscar nicht nur für die beste Regie, sondern auch für den besten Film bekommen hat – ausser eben James Cameron, der direkte Konkurrent. Der Glanz der anderen ist erhebend, wenn er schattenfrei auf uns fallen kann. Sobald wir selber Ambitionen auf demselben Gebiet haben wie der Erfolgreiche, ist das naturgemäss weniger oft der Fall.
Glücks-Bestsellerautor Eckart von Hirschhausen rät davon ab, sich mit anderen zu vergleichen, und ruft zum positiven Denken auf. Verkauft sich prima, tönt wunderbar – klappt aber offenbar nicht, sonst hätten Leute wie Sie doch längst keine Patienten mehr.
Doch, das sind eben alles Leute, die entweder Eckart von Hirschhausen noch nicht kennen oder eine positive Denkblockade haben. Letztere ist leider immer noch nicht von der Weltgesundheitsorganisation und der Krankenkasse als Krankheit anerkannt, obwohl man sie mithilfe neuester bildgebender Verfahren als rote Tupfen im Gehirn längst eindeutig nachweisen kann.
Da ist wieder die schneidersche Ironie. Warum antworten Sie so oft und gerne ironisch? Beziehungsweise: Gibt es für Sie überhaupt unumstössliche Werte?
Ich leide geradezu physisch darunter, wenn ich lese, höre und sehe, wie die schlichtesten Plattitüden mit einem Bierernst verkündet werden, als seien sie von Gott persönlich auf dem Berge Sinai diktiert worden. Ironie verweigert sich diesen lächerlichen Jargons der Eigentlichkeit und weist auf die Uneindeutigkeit des angeblich Eindeutigen hin. Und was die «unumstösslichen Werte» angeht: Ich bin eben nicht Moses, sondern jemand, der statt Gebote und Werte zu verkünden, lieber nach deren Geschichte fragt, nach den Kräfteverhältnissen, die in ihnen zum Ausdruck kommen, und danach, wie sich diese Kräfteverhältnisse auch stetig ändern.
Sie sprechen die Uneindeutigkeit des angeblich Eindeutigen an; was sagen Sie zur derzeit oft geäusserten Meinung, das Zölibat begünstige sexuellen Missbrauch beziehungsweise Pädophilie?
Braucht es die Expertise eines Meteorologen, um zu begründen, warum man bei Regen nass wird? Man muss nicht Psychoanalytiker sein, um zum naheliegenden Schluss zu kommen, dass ein Verein, dessen mittleres bis oberes Kader sich sexueller Enthaltsamkeit verschreibt, ein gemachtes Nest für eine bestimmte Sorte komischer Vögel darstellt. Der Anti-Zölibats-Diskurs leidet meines Erachtens daran, dass er auf einer ziemlich naturalistischen Auffassung von Sexualität beruht: Es gibt gesunde, das heisst sogenannt natürliche, und es gibt kranke, widernatürliche Sexualität. Eigentlich eine sehr katholische Unterscheidung. Jede Stärkung der kranken Sexualität schwächt die gesunde; Prävention bedeutet somit sexuelle Gesundheitsförderung. Zur natürlichen Sexualität gehört inzwischen auch die Homosexualität (Beweis: schwule Pinguine und Flamingos) sowie alles, womit alle Beteiligten einverstanden sind. Wenn aber so vieles innerhalb von wenigen Jahrzehnten «ganz natürlich» wird, braucht es – geradezu ebenso natürlich – umso dringender einen unverrückbaren Orientierungspunkt des Unnatürlichen, Krankhaften, Bösen: Das ist die Pädophilie. Wie manche Vertreter der katholischen Kirche aber zu Recht betonen, ist sie keineswegs eine auf Zölibatäre beschränkte Unsitte. Schliesslich lebt ein anderer Missbrauchsdiskurs gerade davon, immer wieder zu behaupten, dass es nicht fremde böse Onkel sind, die unsere Kinder bedrohen, sondern die eigenen Väter – dass also die Familie der Missbrauchsort par excellence ist. Josef Fritzl war immerhin verheiratet.
Wollen Sie damit sagen, mit pädophilen Handlungen oder sexuellem Missbrauch müsse man sowohl in katholischen Kreisen wie auch in Familien einfach rechnen? Ist das nicht zynisch angesichts von Ausmass und Tragik, die mit den aufgedeckten Missbräuchen einhergehen?
Sie verwechseln die Analyse der Verhältnisse mit deren Rechtfertigung. Ich plädiere weder für eine Rekriminalisierung der Homosexualität noch für eine Entkriminalisierung der Pädophile, sondern weise lediglich auf eine bedeutsame Verschiebung hin, welche in den gesellschaftlichen Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata der Sexualität stattgefunden hat. Homosexualität heilen oder gesundbeten zu wollen, gilt als Skandal; Pädophilie hingegen ist ein Gegenstand nicht nur von Verboten, sondern auch von Therapien. Dass Priester schwul werden, weil sie nicht heiraten dürfen, ist ein politisch unkorrekter Satz; dass sie wegen des Zölibats zu Pädophilie neigen reformkatholischer Commonsense. Zu meiner Jugendzeit wäre es undenkbar gewesen, dass man als 12-Jähriger im Rahmen eines Präventionsprogramms «Spass nach Mass» ein kindgerechtes Kondom in die Hand gedrückt bekommen hätte. Heute gelten die Kritiker solcher fortschrittlicher Aktionen als Moralapostel und die einst progressiven Sexualpädagogen der 70er-Jahre wie Helmut Kentler als Wegbereiter des Kindsmissbrauchs. Man macht sich über sexuelle Missbräuche in «totalen Institutionen» wie Internaten Sorgen, findet aber, schon 12-Jährige müssten wie Erwachsene eingesperrt werden können. Wenn Sie finden, das sei zynische Relativiererei, dann müssen Sie diesen Vorwurf nicht mir, sondern dem Lauf der Geschichte machen.
Mit Peter Schneider mailte Katrin Hafner
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.03.2010, 04:00 Uhr
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3 Kommentare
Ich frage mich wirklich, in welchem kranken Gehirn das Zölibat entstanden ist, eine völlige Abnormität. Selbst Päpste konnten ja früher heiraten. Also was soll das. Ich bin als Protestantin in einer total schwarzkatholischen Umgebung aufgewachsen. Bezüglich Misshandlung in der Schule (Ende 1940, anfangs 1950) könnte ich auch einiges erzählen. Jedoch schon verjährt. Antworten
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