Leben

Der Härtetest für Frauen

Ein neuer Trend macht sich in den USA breit: Frauen kaufen ein Jahr lang keine Kleider. Ein Entzug vom Kaufrausch ist gar nicht so einfach.

Die Konsumwelt und ihre Opfer: Ein Fashion-Victim nach der erfolgreichen Shoppingtour.

Die Konsumwelt und ihre Opfer: Ein Fashion-Victim nach der erfolgreichen Shoppingtour.
Bild: Keystone

Stichworte

Die 46-jährige Sally Bjornson ist immer auf der Suche nach dem letzten Modeschrei. Neben ihrer Leidenschaft – dem Shopping – ist sie Mutter, Autorin, Bloggerin und Gründerin des erfolgreichen Portals «The Great American Apparel Diet».

Was als Experiment im September 2009 begann, hat bis heute Hunderte von Frauen begeistert. Die Idee, ein Jahr lang keine Kleider zu kaufen, scheint viele von ihrem Shoppingwahn zu befreien. Anklang gefunden hat die Aktion nicht nur in vielen amerikanischen Staaten, sondern auch in Europa: Frauen aus Dänemark, Deutschland, Kroatien und England haben sich dem Entzug schon angeschlossen und hoffen auf die endgültige Katharsis.

Seelenstriptease

Die Gründe für das Mitmachen sind so zahlreich wie die Anhängerschaft. Doch vielen ist der Wunsch gemein, sich von der Konsumwelt loszusagen. «Plötzlich habe ich viel mehr Zeit. Anstatt dass ich irgendwelche Geschäfte aufsuche und Schnäppchen jage, gehe ich ins Yoga oder spaziere im Park», meint die 42-jährige Chung Chang, die seit November dazugehört. Die Marketing-Frau Kerrie Foss hat keine Probleme mit dem Entzug. Schliesslich kann man sich auch beim Essen und Trinken ausprobieren. Und im Frühling geht’s dafür nach Mexiko. Das Geld, dass nicht für Kleider ausgegeben wird, soll ja gut investiert sein. Doch neben den weniger schlimmen Fällen von Kaufsucht gibt es auch andere.

So schreibt die 28-jährige PR-Frau Anwyn Moore auf dem Portal:« Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich ging in ein riesiges Kaufhaus und schleppte Unmengen von Kleidern in die Garderobe. Nachdem ich mich für einen Teil der Kleider entschlossen hatte, dachte ich so vor mich hin: Nein, ich kann das alles nicht kaufen. Ich bin doch auf Entzug und will nicht scheitern!» Moore ist nicht die Einzige, die ihre Leidensgeschichte dokumentiert. Aber der Seelenstriptease ist ja in solchen Extremsituationen eine echte Wohltat.

Die Ernüchterung

Doch dann ein Rückschlag. Diana Naramore, eine Mutter von drei Kindern, erzählt von ihrem letzten Kauf. Ein Schal war es, der es ihr angetan hat. Doch keine Bange. Der Schal ist erlaubt. Accessoires sind erlaubt, da ja keine Kleider. So werden Süchtige eben umerzogen. So ganz nach dem Motto:«Crack darfst du rauchen, Heroin wird aber keines gespritzt!»

Nun ja. Was bringt die «Kleiderdiät» überhaupt? Neben der Publicity für die Gründerin und den amüsanten Bekenntnissen der Süchtigen, eigentlich so ziemlich nichts. Das Portal bleibt ein netter Versuch, sich von der Konsumwelt loszusagen. Die Kaufrausch-Droge ist unterschätzt. «Clean» zu sein, ist eben verdammt schwierig. Vor allem, wenn die besten Dealer - wie H&M, Zara und Mango - an jeder Ecke auflauern und ihre Ware zu Tiefstpreisen verticken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.02.2010, 22:03 Uhr

Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre