Leben

«Der Hund ist heute ein vollwertiges Familienmitglied geworden»

Wer ist mein Hund? Beobachtungskurse helfen, das Verhalten des eigenen Hundes besser einzuschätzen.

Prestigeobjekt Hund: Halter begnügen sich heute nicht mehr mit einem Hund, das Rudel wird chic. Weiterhin im Trend ist der Modehund.

Prestigeobjekt Hund: Halter begnügen sich heute nicht mehr mit einem Hund, das Rudel wird chic. Weiterhin im Trend ist der Modehund.
Bild: Keystone

Sonja Doll Hadorn: Die studierte Zoologin führt in Winterthur eine Praxis für Verhaltenstherapien.

Sonja Doll Hadorn: Die studierte Zoologin führt in Winterthur eine Praxis für Verhaltenstherapien.

Links

Hunde werden heute entweder verwöhnt oder man sieht in ihnen den Aggressor. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo ein Hund zubeisst. Wie konnte es zu dieser Polarisierung kommen?
Der Hund wurde seit je vom Menschen gebraucht, aber auch missbraucht. Gebraucht wurde und wird er noch immer als geschätzter Gehilfe, der einem das tägliche Leben vereinfacht. Missbraucht wird er leider immer öfter als Prestige- und Projektionsobjekt, als Mittel zum Zweck, zur Ego-Erweiterung, als Lückenbüsser und Sündenbock. Hunde lösen sowohl beim Hundeliebhaber wie auch beim Hundehasser starke Emotionen aus, ein gefundenes Fressen für Medien und Politiker.

In Fernsehsendungen sieht man Szenen, wo Hunde die Besitzer vom Sofa vertreiben und Gäste erst gar nicht ins Haus lassen. Ein Hundepsychologe räumt dann richtig auf, und die Hunde spuren. Offenbar sind wir mit der Hundeerziehung überfordert.
Der Hund ist heute ein vollwertiges Familienmitglied geworden, sodass manchmal der Abstand fehlt und das Verständnis abhandenkommt, wie er funktioniert. Dass er wissen muss, wo sein Platz ist. Sieht sich der Hund in die Rolle des Entscheidungsträgers gedrängt, führt dies zu Stress bei allen Beteiligten.

Beim Hundetrainer folgen Hunde sofort. Lassen sich Hunde vom Überraschungseffekt überrumpeln?
Als Fachperson kann man Hunde rasch einschätzen, man gibt dann auch klare Signale und tritt selbstsicher auf. Der andere Punkt ist: Meine Schwächen hat der Hund noch nicht ausgelotet, anders als die des Besitzers. Der Hund wird sich erst einmal artig verhalten. Die Testphase käme dann später.

Hunde loten Grenzen ähnlich aus wie Kinder?
Oh ja – und sie können dabei genauso subtil, charmant oder auch nervtötend provozieren. Besonders in der Pubertät oder zu Beginn der Beziehung, zum Beispiel nach Übernahme des Hundes, wird ganz genau ausprobiert, was man sich bei seinen Menschen so alles herausnehmen darf und wie man sie manipulieren kann. Erneute Phasen des sozialen Testens sind auch zu erwarten, wenn sich in der Familienkonstellation oder Wohnsituation grössere Veränderungen ergeben.

Ist das Erziehungsideal heute zu weich? Hundetrainer propagieren, völlig ohne Strafe auszukommen und den Hund nur über positive Anreize zu erziehen. Ist die Kuschelpädagogik ein Grund für störendes Verhalten von Hunden?
Die meisten Probleme entstehen tatsächlich, weil der Hund nur mangelhaft erzogen wurde. Die Krux ist die: Wir hatten in der Erziehungsphilosophie zu lange wenig Zuckerbrot und viel Peitsche – hart durchgreifen, dem Hund den Meister zeigen! Der Hundehalter von heute verabscheut zu Recht den groben Umgang mit dem Hund. Wer aber bei «Strafe» sofort an rohe körperliche Gewalt und Züchtigung denkt, liegt falsch: Strafe hat viele Facetten. So fällt das Ignorieren – also der Entzug von Zuwendung und Aufmerksamkeit – ebenso in die Kategorie Strafe wie ein scharfes Wort oder ein strenger Blick. Die aktuelle Philosophie– erwünschtes Verhalten zu belohnen, unerwünschtes Verhalten zu ignorieren, ist perfekt für die hundesportliche Ausbildung, in der Erziehung reicht sie aber nicht aus. Wenn der Hund in unserem Beisein ein aus seiner Sicht sozial schwächeres Familienmitglied drangsaliert und wir nicht eingreifen, so wird er sich bestärkt fühlen.

Kann man sagen, dass Hunde eine Psyche haben?
Ganz sicher. Sie haben Emotionen und auch ein gewisses Selbstkonzept, ein Ich-Bewusstsein – wenn auch nicht in der Komplexität wie wir Menschen.

Können Sie das genauer erklären?
Hunde sind sehr gut an das Leben in einem sozialen Verband angepasst und haben in diesem Bereich eine relativ hoch entwickelte Intelligenz. Nehmen wir das Beispiel von einem Täuschungsmanöver: Die schlaue kleine Gipsy ist ihrer jüngeren, aber wesentlich grösseren Artgenossin Bella sozial überlegen, ausser wenn es um Futter geht. Wenn beide ein Kalbsohr zum Naschen kriegen, hat Gipsy ihres jeweils rasch verputzt, während sich Bella dabei Zeit lässt. Gipsy hat keine Chance, ihr den Leckerbissen abzuluchsen. Plötzlich saust Gipsy bellend zum Gartentor – Bella lässt ihr Kalbsohr liegen und rennt hinterher. Doch während sie vor Ort noch nach dem Grund für den Fehlalarm sucht, ist Gipsy längst zurückgeflitzt und hat sich das Ohr geschnappt.

Sie führen Kurse durch, in denen man das Verhalten von Hunden beobachtet. Kennen die Leute ihren eigenen Hund so schlecht?
Man liest die Mimik des Hundes und die Signale der Köpersprache besser, kann das eigene Auge schulen. Wenn ein Hund ein dominierendes Verhalten zeigt, muss das zum Beispiel nicht unbedingt zu einer aggressiven Auseinandersetzung führen, es kann auch Teil des Kennenlernens sein. Viele Leute haben sich ein fixes Bild von ihrem Hund gemacht, was ihnen erschwert, objektiv zu beobachten und angemessen zu handeln. Sie meinen beispielsweise: «Das würde mein Hund nie tun! Provoziert hat sicher der andere!» Zu meinen Beobachtungskursen, die ich in einem Ferienheim mit Rudelhaltung durchführe, kommen die Leute darum ohne ihren eigenen Hund. Nur so können sie die Verhaltensweisen studieren, ohne gleich gefühlsmässig zu interpretieren.

Die sogenannte Rudelhaltung, wo Hunde ihr natürliches Sozialverhalten ausüben können, setzt sich auch im privaten Bereich immer mehr durch. Ist das sinnvoll?
Viele Hundefreunde begnügen sich nicht mit einem Hund – und kommen dann auf die Welt. Wenn man bereits mit dem ersten nicht klarkommt, rate ich dringend von einem zweiten ab. Denn die Probleme verdoppeln sich nicht, sie vervielfachen sich.

Hundesitten liegt im Trend, oft führen Leute ein Dutzend Hunde aus. So ein Rudel kann schnell aus dem Ruder laufen.
Ich würde befürworten, dass diese Personen, die als Problemgruppe längst erkannt sind, sich ebenfalls über eine fachliche Aus- und Weiterbildung ausweisen müssten, das gilt inzwischen nämlich für alle anderen «Hundeleute» auch. Es darf nicht sein, dass die Begegnung mit einem solchen Rudel für Nichthundehalter oder andere Hundehalter zum Spiessrutenlauf wird.

Seit kurzem haben Hundebesitzer die Pflicht, einen Erziehungskurs zu absolvieren oder zumindest einen Sachkundenachweis zu erbringen. Entspannt das die Situation?
Ich hoffe sehr, dass sich Hundehalter ihrer Verantwortung und der Pflichten so mehr bewusst sind, ihren Hund umsichtiger führen und sich allgemein artgerechter mit ihm beschäftigen. Schleierhaft ist mir allerdings, wie diese Ziele beispielsweise von Haltern eines temperamentvollen und eigenwilligen kleinen Terriers in nur vier Erziehungslektionen erreicht werden sollen. Auch wage ich zu hinterfragen, inwieweit sich die Menschheit in ihrem Handeln durch Gesetze und Verordnungen zur Vernunft bringen lässt. Und schliesslich täte der nicht hundehaltenden Bevölkerung etwas mehr Aufklärung auch gut.

Was halten Sie von dem Satz: Er will ja nur spielen?
Wenn der Hund «spielen» will, ist das in der Regel eine Bedrängnis für die andere Person (oder auch für einen anderen Hund). Er will nämlich gar nicht spielen, sondern den Fremden nur ausprobieren. Was in Tat und Wahrheit ein Machtspielchen ist.

Die meisten Rüden und Hündinnen sind heute kastriert, also in ihrem Temperament bereits beschnitten. Die Situation ist gewissermassen beruhigt, und dennoch ist das Thema Hunde ein Aufreger.
Beruhigt? Na ja. Es hängt vom Alter ab, wann ein Rüde kastriert wird. Wenn der Eingriff erst spät gemacht wird, wird der Hund auch nachher rüdentypisches Verhalten zeigen. Bei Hündinnen kann sich die Bereitschaft zu dominierendem Verhalten nach der Kastration sogar etwas steigern. Zudem kann es zu Spannungen kommen, weil ein Hund sozial unsicher ist, was nichts mit der Kastration zu tun hat.

Haben wir nicht mehr die Nerven, einen intakten Hund zu ertragen?
Das hat schon etwas. Man macht es sich heute gern etwas einfacher und meidet Konfliktsituationen. Es braucht eben etwas mehr Kompetenz, um einen intakten Rüden zu führen, und auch die Läufigkeit der Hündin bringt Unannehmlichkeiten mit sich. Unsere Lebensumstände haben sich geändert, und das Verständnis für die geschlechtstypischen Verhaltensweisen unserer Hunde ist inzwischen weitgehend verloren gegangen. In einer Gesellschaft, wo die Hunde «miteinander spielen» sollen, ist kein Platz mehr für das natürliche Sozialverhalten geschlechtsreifer Tiere.

Es gibt Hundebesitzer, die lassen ihre Rüden kastrieren und dann künstliche Hoden einsetzen. Man will zu Hause einen ruhiggestellten Hund – auf dem Spaziergang aber den «Macho» ausführen.
So etwas ist einfach schizophren – zudem erweist man dem Tier damit einen Bärendienst: Der arme Hund riecht nun für Artgenossen wie eine Hündin, trägt aber optisch die für Rüden geschlechtstypischen Signale zur Schau – eine verwirrende Situation! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2009, 04:00 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

2 Kommentare

peter spelt

09.10.2009, 11:28 Uhr
Melden

der hund als modeobjekt und vor allem leute die den hund so halten wollen wie es ihnen gefällt ohne die natur des tieres zu respektieren, das sind die wahren gründe für die probleme. denn eigentlich ist der hund als soziales wesen relativ einfach zu handhaben, wenn man eben ihn wie einen hund und nicht wie einen menschen oder gar einen gegenstand behandelt. alternative: AIBO von Sony mit Schalter. Antworten


Sven Bohinz

09.10.2009, 09:14 Uhr
Melden

liebe grüsse kristina übrigens, es soll nächste woche schönes wetter geben :-) Antworten



Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokale Suche

Marktplatz