Der Körper als Kampfzone

Das Altertum rüstete den Körper für den Krieg, der Kraftraum formt ihn für den Konkurrenzkampf. Nie muss mehr Widerstand überwunden werden als Anfang Jahr.

Freiwillige Qualen: Amateure am Ironman-Triathlon auf Hawaii.

Freiwillige Qualen: Amateure am Ironman-Triathlon auf Hawaii. Bild: Reuters

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Der Bote rennt noch immer. Er hat die flachen Pinienwälder der ägäischen Küste hinter sich gelassen, die Hügel und Bergkuppel der Halbinsel Attika überwunden, jetzt geht es bergab Richtung Athen. Es ist der 12. September 490 vor Christus. In der Ebene bei Marathon haben die Athener die Perser besiegt, in einem Heimspiel zwar, aber gegen eine massive Feldüberlegenheit. Dann schickte der Heeresführer einen Boten los, um Athen die Kunde zu überbringen. Seither rennt Pheidippides durch die karge Landschaft. Die Sonne brennt, die Rüstung drückt. Schwer atmend erreicht er die staubige Vorstadt von Athen, kämpft sich zum Marktplatz durch. «Nenikekamen», ruft er aus, «wir haben gewonnen.» Dann bricht er tot zusammen. Die Schlacht ist gewonnen, der Bote verloren.

Trotzdem rennen ihm Millionen moderner Marathonläufer bis heute hinterher. Allerdings tun sie es ohne Auftrag und Rüstung, und sie haben keine andere Botschaft zu verkünden ausser ihrer Leistung. Jeder kämpft für sich und gegen sich zugleich; für das Durchhalten, gegen das Aufgeben. Wer nicht Marathon läuft, dreht Runden auf der Tartanbahn oder rennt auf dem Laufband, macht Liegestütze, hebt Gewichte, foltert sich an Metallmaschinen. Und bestätigt damit einen ehemaligen Boxer und Schweizer Pionier der Fitnessbewegung, den die «Frankfurter Allgemeine» lakonisch als «den Spartaner» betitelt hat. Was doppelt passt, weil die Spartaner nicht nur den militarisierten Körper erfanden, sondern auch die Lakonik: «Der Mensch wächst am Widerstand», sagt Werner Kieser.

Erotisierung des Athletenkörpers

In keinem Monat muss mehr Widerstand überwunden werden als im Januar, wenn nach der Völlerei die alten Vorsätze reaktiviert werden. Es ist wieder Saison, die Fitnessräume füllen sich, die Benutzer setzen sich dem Geruch von Schweiss, Gummi und Isostar aus, dem Surren der Laufbänder, dem Keuchen der Rennenden. Schauen mit Scham an sich herunter und mit Neid auf die Durchmodellierten, die sich durchnässt dem Spiegel stellen. Kämpfen gegen Qualen und Kalorien, für die Gesundheit und ein Körperbild, dem sie schmerzverzerrt entgegenturnen, oft vergeblich.

Der moderne Körperkult gründet in der griechischen Antike, geht auf ihre Kriege und Spiele zurück, auf die Erotisierung des männlichen Athletenkörpers. Was würden die Griechen von damals über die Krafträume von heute sagen? «Die frühen wären entsetzt gewesen, die späten entzückt», sagt Gunter Gebauer, Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Mit den Frühen meint er die Spartaner, für die der Sport kein Selbstzweck war, sondern eine Vorbereitung auf den Krieg. Sparta, der kämpferische Stadtstaat, unterhielt ein hochgerüstetes Bürgerheer. Und begann mit der Aufrüstung des Körpers schon bei den Jungen. Die spartanische Körperkultur hatte eine Nähe zum Lebensstil des Kriegers und zur Effizienz des Tötens.

Der Siegeswille bestimmte auch die olympischen Wettkämpfe: Die Konkurrenz war enorm, Mitmachen selbstverständlich und Gewinnen alles. Wer den Diskus am weitesten warf, am weitesten sprang und am schnellsten rannte, wer seine Gegner möglichst brutal in den Boden boxte, wessen Sklaven das gefährliche Wagenrennen gewannen, kam den Göttern nahe. Sein Kranz verwelkte, der Ruhm dauerte an. Jacob Burckhardt schreibt vom «agonalen Zeitalter» des Hellenismus, einem Zeitalter des Wettkampfs, der die Gesellschaft antrieb und faszinierte. Deshalb hätten die Fitnessgeräte den Spätgeborenen gefallen. In dieser Periode, sagt Gebauer, auch schon Verfallszeit genannt, «war jedes Mittel recht, um zu gewinnen». Schon damals hatte sich der Sport professionalisiert und in ein Spektakel verwandelt.

Turnen als Luxus

393 nach Christus wurden die Spiele in Olympia verboten. Erdbeben zerstörten die Sportanlagen, die olympische Idee verlor sich in der Geschichte. Die Oberschicht zog nicht mehr in den Krieg, dafür wurden Söldnerheere beschäftigt. Das Fechten hatte mit Sport wenig zu tun und die Ritterturniere nichts. Erst die Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert brachte mit der Wiederentdeckung der Antike eine Revitalisierung des Sports; Wagenrennen wurden abgehalten, Boxmatches durchgeführt, eine frühe Variante des Fussballs gespielt.

Mit der Bewegung der Lebensreform entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine Vorläuferin der modernen Fitness. Die Lebensreformer sahen die körperliche Ertüchtigung als naturromantische Alternative zur Industrialisierung. Verstört durch Verstädterung und einer aufkommenden Massengesellschaft, skeptisch gegen die Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik suchte eine Elite den Einklang von Körper, Geist und Seele: dampfende Körper statt stampfender Maschinen. «Was heute als Massenbewegung funktioniert, wurde damals eher von der Oberschicht betrieben», sagt der Berner Historiker Ronny Trachsel; «die Arbeiter hatten genug Bewegung oder dann ihren Vereinssport.»

Der Faschismus vereinnahmte das Gesundheitsideal der Lebensreformer, vulgarisierte den Körperkult der Antike und deutete beide zum soldatischen Körperpanzer um, wie ihn Klaus Theweleit in seinen «Männerphantasien» beschrieben hat. Der germanische Held als Kampfmaschine, der die rote Flut des Kommunismus aufhält, das «jüdische Ungeziefer» zertritt und im Stechschritt vor dem Führer paradiert. Diesem Frontkämpfer dient der Athlet als Vorbild, schreibt Trachsel: «tatkräftig und nervenstark, nur bestehend aus Wille, Schneid und Rasse». So verschmolzen die Turner der Jahrhundertwende zum Volkskörper, der olympische Sportler wurde von Leni Riefenstahl zur arischen Kampfmaschine zurechtgefilmt. Körper und Kampf gerieten zu Metaphern füreinander und der Sportler zur Frühform des Kriegers.

Von dieser Militarisierung scheint die moderne Fitnesskultur weit entfernt zu sein, die sich innert vierzig Jahren zu einem Milliardengeschäft entwickelt hat. Sie lässt sich als Zweckkombination begreifen aus der Sinnlichkeit der Sechziger und dem Leistungsgebot der Siebziger, aus Aerobic und Bodybuilding, Jane Fonda und Arnold Schwarzenegger. Und doch ist das Kämpferische an ihr nicht zu übersehen. Nicht bei den Millionen von Gelegenheitssportlern natürlich, die sich ein wenig bewegen und ein bisschen rennen. Dafür bei den Millionen von Angestrengten, Unermüdlichen und Ehrgeizigen, die Sport und Kampf als Synonyme behandeln.

Die neuen Spartaner

Wie weit sie dabei gehen, zeigt das Vokabular der neuen Disziplinen, die sich in den letzten Jahren etabliert haben. Die Substantive «Extrem» und «Power» treten da inflationär auf, Gefahr und Verausgabung gehören zum Wettkampfrisiko. Wieder andere heuern Berufsoffiziere als Instruktoren an und lassen sich von ihnen herumkommandieren wie auf dem Kasernenplatz.

Mit solchen Mitteln rüsten sich die neuen Spartaner nicht für den nächsten Waffengang, sondern sie führen den Krieg im Frieden: einen Aufsteigerkrieg um die besten Positionen im täglichen Konkurrenzkampf. Gunter Gebauer, der Sportsoziologe, deutet diese Kalifornisierung des Körpers als Auseinandersetzung zwischen den sozialen Klassen, als Versuch, durch seine körperliche Erscheinung Status auszudrücken. Wer zur oberen oder mittleren Schicht gehört, sagt er, will sich als Mitglied kenntlich machen und tut das über den Körper. «Und wer aufsteigen will und eine bestimmte Position in der Gesellschaft erreichen möchte, muss sich den Normen dieser Schicht anpassen, auch äusserlich.» Arme Menschen in den USA und auch in Europa neigen zu Übergewicht. Das wird als Ausdruck dafür gelesen, dass sie sich gehen lassen, kein Selbstwertgefühl haben und keine Disziplin, sie sind von der Leistungsgesellschaft abgehängt, ihre Lage ist hoffnungslos.

Die messbare Selbstkontrolle

Im Gegensatz dazu präsentieren sich die Chefs von heute als Leute, sagt Gebauer, die morgens zwischen sechs und sieben schon zwei Kilometer in ihrem privaten Pool geschwommen sind. Oder abends noch kurz mit ihrem Tennislehrer ein paar Partien gespielt haben oder sich in ihren privaten Fitnessräumen stählen. Damit wird der Körper zum Ausdruck von Lebensführung, die ihrerseits immer mehr unter den Einfluss der modernen Ökonomie gerät. Sie bestimmt Körperbau, Kleidung, Frisur, Auftreten, Gang, Händedruck und andere private Lebensbereiche – «was dazu führt, dass jede freiwerdende Minute dazu benutzt wird, sich ökonomisch zu verhalten, fit zu werden und dann zu bleiben».

Einen numerischen Ausdruck dieser Ökonomie liefert die amerikanische Bewegung «Quantified Self», die bereits auf Europa übergreift. Ihre Anhänger streben die durchgängige Vermessung des Körpers an mit dem Ziel, Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit so weit als möglich zu steigern. Ihr Ideal ist die messbare Selbstkontrolle, als Mittel bieten sich Stirnband, Pulsmesser, Kalorienzähler, EEG-Sensoren und Blutdruckmessgerät an, als Variablen gelten die Leistungswerte, die in Tabellen eingetragen, in Kurven verglichen und dann sukzessive verbessert werden. Durch Selbstvermessung, kommentiert ironisch die Schriftstellerin Juli Zeh, «wird die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine endlich intim».

Ebenso ironisch mutet der Widerspruch zwischen dem Individualismus der Konkurrenten und der Masse an, in der sie sich bewegen. «Der Individualismus unserer Zeit besteht darin», sagt Gunter Gebauer, «dass jeder für sich alleine loszieht und das tut, was der andere auch tut. Die Leistung ist individuell, das angestrebte Ideal kollektiv.»

490 Kilometer in vier Tagen

Es mag die modernen Turner trösten, dass ihr grösstes Vorbild nie an ihre Leistung herangekommen ist, weil es ihn nämlich kaum gegeben hat. Nicht einmal über den Namen des ersten Marathonläufers sind sich die antiken Quellen einig, er könnte neben Pheidippides genauso gut Philippides, Eukles oder Thersippos geheissen haben. Der griechische Historiker Herodot, der als Erster die Schlacht bei Marathon beschrieb, tat dies sechzig Jahre später. Bei ihm rannte Pheidippides aber nicht nach Athen, sondern nach Sparta, wo er vergeblich Hilfe gegen die Perser suchte, und dann wieder zurück: 490 Kilometer in vier Tagen.

Den Marathonläufer von Athen und sein sterbendes «Nenikekamen» erfand erst Plutarch rund 600 Jahre später. Die grösste Leistung dieses Boten, kommentierte der österreichische Humorist Roda Roda, sei aber nicht sein Lauf gewesen. Sondern «dass dieser junge Mann in so viel Erregung, Gefahr und Sterbensnähe das Perfekt von nika, erste Person Pluralis, durch Verdoppelung der Anfangssilben richtig konstruierte». Dagegen ist jedes Präsens imperfekt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.01.2013, 08:16 Uhr)

Stichworte

Gunter Gebauer, «Sport in der Gesellschaft des Spektakels», Academia, 2002.

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