Der Körper ist die Botschaft

Jörg Scheller ist Kunstwissenschafter, ein enthusiastischer Denker – und Ex-Bodybuilder. Bodybuilding sieht er als Kunstform, die unsere ästhetische, perfektionistische Lebenswelt repräsentiert.

Der Intellektuelle bei seiner Kunst: Jörg Scheller geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio.

Der Intellektuelle bei seiner Kunst: Jörg Scheller geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio. Bild: Sabina Bobst

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Bodybuilder irritieren, stossen viele Menschen sogar ab. Das gefällt Jörg Scheller. Grinsend sitzt er am Kaffeetisch in einer Zürcher Bar, und man gibt ihm den Kunstwissenschafter, der er ist, viel eher, als den Bodybuilder, der er auch ist. Oder besser: mal gewesen ist. Während des Studiums pumpte er seine Muskeln aufs Maximum, ernährte sich bewusst proteinlastig und kohlenhydratarm, lebte das, was er wenig später intellektuell zu durchleuchten begann.

Bald realisierte er, dass seine Interessen zu breit sind, um sie in die enge Lebensschablone eines Bodybuilders zu pressen. Bodybuilding nämlich ist kein Hobby, sondern eine Daseinsform. Und die lässt wenig Zeit, weder für Musik und Freunde noch für durchstudierte Nächte. Darauf aber wollte Jörg Scheller nicht verzichten, und so verzichtete er darauf, Bodybuilder zu werden. «Mir fehlt ohnehin die genetische Veranlagung.»

Gefallen am Widersprüchlichen

Ins Fitness geht der 31-Jährige dennoch weiterhin, dreimal die Woche, und gefallen tut ihm ein Bodybuilderkörper nach wie vor. «Es ist ein widersprüchlicher Reiz, der mich anzieht», sagt er. «Der Bodybuilder will nicht gefallen, sondern auffallen. Er transformiert sich in ein perfektes Werk – unabhängig davon, ob es schön ist, gesund oder ihn für einen bestimmten Job profiliert.»

Jörg Scheller gerät schnell ins Schwärmen, wenn er zu «seinem Thema» ausholt – und dies tut er zum Beispiel im eben erschienenen Buch «No Sports!», das bereits im Titel seine These zusammenfasst: Bodybuilding sei kein Sport, sei nie einer gewesen, sondern eine Kunstform der Moderne. Entsprechend der Untertitel: «Zur Ästhetik des Bodybuildings». Auf 270 Seiten erläutert Scheller auf wissenschaftliche und zugleich unterhaltsame Art, inwiefern Bodybuilder die Idee der Aufklärung – der Mensch kann sich selbst neu erschaffen – konsequent umsetzen und Bildhauer wie auch Skulpturen in Personalunion sind. Er tut dies so elegant, leichtsprachig und witzig, dass das Buch weit über das kunstwissenschaftlich interessierte Publikum hinaus empfohlen werden kann. Scheller schafft es, am Phänomen Bodybuilding und dessen Rezeptionsgeschichte unseren gesellschaftlichen Zeitgeist zu analysieren.

Kultur des Immer-mehr

Im Gespräch überschäumt er beinahe. «Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Paradigma des Immer-mehr; wir leben die Kultur des «bigger, better, faster, more». Man muss sich lebenslang weiterbilden, kann sich jederzeit eine neue Nase oder Ehe leisten. Der Über-Ist-Zustand ist unsere Vision.» Der Bodybuilder sei mit seinem (vermeintlich) grenzenlosen Muskelaufbau der radikalste Repräsentant unserer Sehnsucht nach mehr – und zudem der «heimliche Widerstandskämpfer» gegen den allgemein wütenden Fitnesswahn. «Der Fitnesssportler will gefallen, 120 Jahre alt werden, bis dahin zweimal pro Tag Sex haben und Fallschirmspringen. Der Bodybuilder hingegen muss unheimlich viel schlafen, ständig trainieren und essen. Er übersteigert den Fitnessgedanken so drastisch, dass er ins Gegenteil kippt.»

Tatsächlich, das zeigt Scheller in seinem Buch, sind heutige Bodybuilder – im Gegensatz etwa zu Gewichthebern – nicht besonders stark, sondern in erster Linie «definiert», wie sie die Idealformation ihrer Muskulatur umschreiben. Scheller vertritt die These, dass gerade die Nutzlosigkeit des Muskels die Faszination ausmacht.

Weil Fleisch minderwertig ist

Jörg Scheller im Muskelshirt, in einem Zürcher Fitnesscenter – und auf einmal gibt man ihm den Bodybuilder, der er einst gewesen ist, viel eher als den wissenschaftlichen Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft Zürich, der er ist. Der Forscher ist sich nicht zu schade, fürs Fotoshooting in die Rolle seines Studienobjekts zu schlüpfen. Und argumentiert heiter drauflos. «Wir leben in einer symbolischen Kultur: Der Manager macht tagsüber andere Unternehmen platt, ist aggressiv – und abends der nette Papa.» Beim Bodybuilder aber lasse sich keine Grenze zwischen Arbeits- und Privatmensch ziehen: «Der kann seinen Körper nicht abstossen, kann nicht mehr unterscheiden zwischen Werk und sich selbst.» L’art pour l’art eben, und schon ist der Kreis zur Kunstwissenschaft wieder geschlossen. Der Körper wird zur Botschaft. Und weil das Fleisch gegenüber dem Geist in der christlich-platonischen Kultur grundsätzlich minderwertig ist, gilt der Bodybuilder-Körperkult als dekadent.

Dagegen wehrt sich Scheller, er will sein Untersuchungsobjekt nicht belächelt sehen. «Gerade die Bodybuilder verraten viel über unsere ästhetisierte, körperfixierte, perfektionistische Lebenswelt.» Und was ist mit dem abnormen Verspeisen von Spezialkost? Hat das nicht was Krankhaftes? Moralische Bewertungen meidet der Kunstwissenschafter, antwortet indes: «Ich tue mich schwer, Bodybuilding isoliert als krankhaftes Phänomen zu betrachten. Man erwartet ja vom Künstler das Manische, will nicht hören, er pinsle bloss zwei Stunden pro Tag. Nein: Er soll sein Leben der Kunst unterordnen. Und das tut der Bodybuilder halt auch.»

Männer entwickeln Busen

So what?, könnte man fragen, und lässt sich sogleich von Schellers Leidenschaft mitziehen. Am Beispiel der Gender-Frage demonstriert er die Spiegelrolle, die Bodybuilding spielt: Während auf der Gender-Diskursebene die Annäherung von Männer- und Frauenrollen debattiert wird, findet diese im Bodybuilding direkt am Körper statt: Die Geschlechter gleichen sich an; «Männer entwickeln Busen und Wespentaille, enthaaren sich und positionieren sich in knappen Slips, während sich Frauen mit Hormonen vollpumpen, die ihre Körper den männlichen ähnlich machen».

Allerdings – und da leuchten Schellers Augen voller Eifer – ist es für unsere Zeit typisch, dass trotz dieser scheinbaren Verschmelzung «auf Teufel komm raus optische Unterschiede zementiert werden»: Wer hat schon eine Bodybuilderin ohne lange Haare und Nägel gesehen? «Das sagt viel über uns aus: Wir schaffen es noch nicht, ohne sichtbare Differenzen zu leben.»

Polnische Kunstgeschichte und Heavy Metal

In seinem Buch geht Scheller – illustriert von zig Bildern – auf die historische Dimension des Bodybuildings ein. Die erste Liga wurde von zwei jüdischen Geschäftsleuten gegründet, 1946 entstand in Montreal die bis heute global dominierende International Federation of Bodybuilding and Fitness, und den grössten massenmedialen Erfolg feierte die «Kunstform» in den 60er- und 70er-Jahren, unter anderen mit Arnold Schwarzenegger im Dokudrama «Pumping Iron» (1977). Die Bodybuilder-Magazine würden gern von Schwulen gelesen (oder besser: angeschaut?), weiss er. Und die Szene sei heute selbst in Indien und im Irak präsent, besonders populär jedoch in Asien. Scheller wäre nicht Scheller, hätte er keinen Erklärungsversuch dafür parat: «Die persönliche Disziplin zählt in dieser Region sehr viel – das passt.»

Was zu Jörg Scheller passt: Nebst der Arbeit an seinem kommenden Buch über Arnold Schwarzenegger («seine Biografie als Artefakt») widmet er sich der polnischen Kunstgeschichte. Und dem Heavy Metal. Man möchte meinen, da zeichne sich eine Parallele ab zwischen dem Bodybuilder und seinem Forscher: Während der eine den eigenen Körper in ein perfektes Kunstwerk verwandelt, gestaltet der andere seine Wissenschaft zum inspirierend-anregenden Kunstwerk.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2011, 06:19 Uhr

Das Buch

No Sports! Zur Ästhetik des Bodybuildings. Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart 2010. 267 S., ca. 40 Fr.

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