Der Mann, der 50'000-mal die gleiche Schallplatte hört

Albert Lukaschek produziert mit grossem Erfolg Tonabnehmer für Plattenspieler. Doch der gute Ruf seiner Firma hat auch Nachteile. Wegen der grossen Nachfrage arbeitet er bis zu 90 Stunden pro Woche.

«Ich stehe total unter Druck» : Albert Lukascheks Arbeit ist weltweit gefragt. (Video: Dominique Meienberg, Jean-Yves Mertenat)

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Als das Telefon zum zweiten Mal klingelt, zieht Albert Lukaschek den Stecker. Er hat Feierabend und braucht kurz Ruhe. Vor den Händlern, die auf Nachschub drängen, und den Kunden, die auf Reparaturen warten.

Albert Lukaschek stellt mit seiner Firma Benz Micro Tonabnehmer für Schallplattenspieler her. Der Würfel am Ende des Plattenspielerarms, in dem die Nadel steckt. Er ist wenige Gramm schwer und für den Klang entscheidend: Die Nadel tastet die Rille der Platte ab, der Tonabnehmer wandelt die mechanischen Schwingungen in elektrische Spannung um, in Audiosignale für den Lautsprecher. Manche Musikliebhaber sind bereit, über 5000 Franken für eine gute Umwandlung zu bezahlen.

In Neuhausen am Rheinfall stellt Luka­schek die Geräte her, er verkauft sie in die ganze Welt: USA, Deutschland, Frankreich, Südkorea, Ukraine, Türkei, Philippinen, Brasilien, Südafrika – es wäre einfacher, die Länder aufzuzählen, in die Lukaschek nicht liefert. Händler sprechen von der «ganz grossen Elite». Für Hi-Fi-Redaktor Helmut Hack zählen die Tonabnehmer «im High-End-Bereich zu den besten Systemen der Welt». Entsprechend hoch würden sie in audiophilen Kreisen geachtet. Die Firma hat wiederholt Preise gewonnen. Zudem erlebt die Schallplatte eine Renaissance. Zwischen 2006 und 2012 verfünffachten sich die Verkäufe beinahe – sie stiegen von 36 auf 171 Millionen Dollar weltweit. Lukaschek verkauft mehrheitlich teurere Tonabnehmer, die zwischen 2000 und 4000 Franken kosten. Er macht damit etwa eine Million Franken Umsatz pro Jahr. Es könnte nicht besser laufen.

Kunden wollen mehr

Albert Lukaschek hält die Luft an, dann seufzt er: «Ich stehe total unter Druck.» Der 69-jährige gebürtige Österreicher ist gelernter Radiotechniker und war vor fünf Jahren zum letzten Mal in den Ferien. Beim Sprechen breitet er die Arme aus, seine blauen Augen fixieren das Gegenüber immer wieder eindringlich. Der Grund für seinen Stress: Kein Tonabnehmer wird verkauft, bevor ihn Lukaschek nicht abgehört und für gut befunden hat.

Das ist seine wichtigste – und neben der Leitung der Firma – seine einzige Aufgabe. Stundenlang kontrolliert er jeden Tag, ob ein Tonabnehmer störende Resonanzen, Verzögerungen oder Hall verursacht. Seit über 20 Jahren verwendet er dafür dieselbe Platte. Ein Jazz­album aus dem Jahr 1977. Anhand der Seriennummern weiss Lukaschek, dass er inzwischen über 42'000 Tonabnehmer produziert hat. «Mindestens genauso oft habe ich diese Platte gehört», sagt er. Die Folge der Einzelkontrolle: Benz Micro kann pro Jahr nur etwa 3000 Stück herstellen. Viel zu wenig aus Sicht der Händler und Vinylfans. Daher die vielen Anrufe, daher der Druck.

An einem Freitagabend nimmt sich Albert Lukaschek Zeit und führt durch den kleinen Produktionsraum in Neuhausen, der an eine Uhrmacherstube erinnert. Nicht ganz zufällig: Benz Micro gehörte bis 1994 dem Unternehmer und Uhrmacher Ernst Benz. Er ist im Sommer verstorben, sein Foto hängt an der Wand. Auch die Arbeitsplätze erinnern an eine Uhrmacherwerkstatt: Mikroskope, Zangen, Pinzetten und Behälter voller winziger Schrauben. Neun Frauen arbeiten für Lukaschek und bauen die Tonabnehmer von Hand zusammen. Es sind Hausfrauen, die Lukaschek selbst ausgebildet hat.

Als er die Firma am 1. April 1994 übernahm, hatte sie zwei Mitarbeiter und eine turbulente Geschichte. Bis Anfang der 80er-Jahre hatte Ernst Benz erfolgreich Diamantnadeln für Plattenspieler hergestellt und rund 40 Personen beschäftigt. Mit dem Aufkommen der CD brachen die Plattenverkäufe ein, Benz stieg auf die Produktion von Tonabnehmern um. Doch laut Lukaschek war die Qualitätskontrolle damals noch nicht so ausgefeilt: «Am Schluss stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr.»

Zudem hatte Benz das Lager geleert und alle Tonabnehmer verkauft, bevor er Lukaschek das Unternehmen übergab. «Ein harziger Start.» Lukaschek machte sich daran, die Qualität der Produkte zu verbessern, Investoren hatte er keine. Doch die Vinylliebhaber wollten weiterhin gut klingende Plattenspieler, und als die Lager der Händler nach einem Dreivierteljahr leer waren, bestellten sie Nachschub. Lukaschek war über den Berg.

Heute, mit 69, sagt er, dass er arbeiten möchte, solange er kann. Gleichzeitig macht er sich Gedanken darüber, wer die Firma einmal übernehmen und die Qualität der Tonabnehmer sichern könnte. Bis dieser Jemand gefunden ist, arbeitet er weiter 80 bis 90 Stunden pro Woche. Wenn man ihn fragt, warum er diesen Job macht, sagt Lukaschek, dass er Musik liebe. Er will, dass sie so gut wie möglich klingt. Aber auch, dass er «ein Sklave seiner Firma» sei. Am Ende des Tages muss er nur eine Treppe hoch, um zu seiner Wohnung zu kommen, wo er allein lebt.

Stundenlange Tests

«Going Home», so heisst die Platte, die Lukaschek seit zwei Jahrzehnten jeden Tag stundenlang hört, um die Ton­abnehmer zu testen. «Ich mag das Album immer noch.» Die Rillen der Platte sind nach all den Jahren abgenutzt, was von Vorteil ist. Je älter die Platte, desto besser müssen Nadel und Tonabnehmer sein, um ihre Rille genau zu ertasten – und die akustischen Feinheiten aufzufangen. So setzt sich Lukaschek mehrmals täglich vor den Plattenspieler in der Mitte des Raumes, setzt die Kopf­hörer auf und die Nadel sachte auf die Platte. Es ist sanfter Jazz: Saxofon, Bass, Querflöte und Gitarre kommen und gehen. Lukaschek ist der einzige, der die Musik hört. Ihre Höhen und Tiefen, ihre Unschärfen und ihre Präzision. Er, der sonst immer wieder gestikuliert und sich aufregt, sitzt dann stundenlang da, ganz ruhig – und hört zu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2014, 22:58 Uhr

Schallplatten

Auferstehung einer Totgeglaubten

Vinylscheiben erleben seit der Rezession ein Comeback. Kaum ein Zufall: Platten sind fassbar und erscheinen dauerhaft.

Keiner hat die Faszination der Vinylscheibe besser erkannt und zu einem Geschäft gemacht als Jack White. Der Indie-Rocker hat sein Label Third Man ­Records vollständig auf exklusive, auch obskure Platten ausgerichtet. Sie sind heiss begehrt. Seine aktuelle LP «Lazaretto» ist die am besten verkaufte Platte in den USA seit 1991.

Jack White kommt aus Detroit und atmet noch den alten Industriegeist der Region. Er presst nicht nur die Platten mit eigenen Werken, sondern spielt sie auf historischen, vor dem Verschrotten geretteten Geräten ein. Damit trifft er den Nerv der jüngeren Generation. Sie ist mit den digitalen Aufnahmen und Downloads gross geworden, sucht aber die raue, harte Qualität der Scheibe. Indie-Rock-Fans sind es, die Platten von Whites Gruppe White Stripes kaufen und die letzten Einspielungen von Beck, den Arctic Monkeys und den Black Keys zu den am besten verkauften Vinylscheiben machen. Eine zweite Gruppe von Käufern sind Nostalgiker, Fans aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie kaufen Platten von Led Zeppelin, den Beatles oder The Who, die sie im Original besessen haben und nun in verbesserten und erweiterten Nachpressungen kaufen wollen.

White spielt bewusst auch mit der Rarität und Exklusivität der Scheibe: So hat er rare Aufnahmen von Blueslegenden wie Charley Patton, Blind Willie McTell und den Mississippi Sheiks als nostalgisch gestaltete Nachpressungen herausgegeben. Fans zahlen bereits heute hohe Aufpreise für die vergriffenen Nachpressungen.

Mehr als ein Nischenmarkt ist Vinyl trotzdem nicht. Weltweit wurden letztes Jahr Platten für 171 Millionen Dollar verkauft. Dies entspricht etwas mehr als ­einem Prozent des Gesamt­umsatzes der Musikindustrie (Aufnahmen und Konzerte) von 16,4 Milliarden Dollar. Verliererin dagegen ist die CD. Im grössten Musikmarkt der USA etwa ist der CD-Umsatz 2013 im Vorjahresvergleich um 15 Prozent gefallen, die Verkäufe der Platten kletterten um 33 Prozent. Onlinestreaming ist und bleibt gefragt. Der Umsatz zog um 42 Prozent an.

Der LP-Verkauf hat sich seit der ­Rezession massiv beschleunigt. In den USA etwa setzten eine wachsende Zahl unabhängiger Läden letztes Jahr sechs Millionen Platten ab, sechsmal mehr als vor der Rezession. Dieses Jahr wurden bis Juli schon vier Millionen Schallplatten verkauft. Das deutet erneut auf ein Rekordjahr hin. Die Auferstehung einer Totgesagten ist real. Walter Niederberger

(Tages-Anzeiger)

Albert Lukaschek hört jeden Tag stundenlang dieselbe Platte. Foto: Dominique Meienberg

Tonabnehmer. Foto: Dominique Meienberg

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