«Der Mann kann heute alles nur noch falsch machen»

Gipfeltreffen der Basler Männer-Experten im «Trois Rois»: Männersoziologe Walter Hollstein und der Männermediziner Marco Caimi über den Mann als Hure, als Blusen-Glätter und als Oberjammeri.

«Es ist schwierig geworden, entspannt Mann zu sein.» Marco Caimi (53) und Walter Hollstein (75, rechts). Foto: Nicole Pont

«Es ist schwierig geworden, entspannt Mann zu sein.» Marco Caimi (53) und Walter Hollstein (75, rechts). Foto: Nicole Pont

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Herr Hollstein, Herr Caimi, die Deutungshoheit über den Mann liegt in der Schweizer Öffentlichkeit weitgehend bei Ihnen – und damit in Basel. Sie leben nicht weit voneinander entfernt, siezen sich aber. Kennen Sie sich überhaupt?
Marco Caimi: Nicht gut. Gesehen haben wir uns aber auch schon. Zudem kenne ich natürlich Herrn Hollsteins Arbeit.

Was denken Sie darüber?
Caimi: Sein Buch «Was vom Manne übrig blieb» finde ich hervorragend, es war das erste Buch, das ich mit Eselsohren versehen, dessen wichtigste Stellen ich mit Stabilo-Markern angestrichen habe. Sonst mache ich kein konsequentes Shadowing. Aber von dem, was Herr Hollstein publiziert, kann ich vieles unterschreiben.
Walter Hollstein: Wir sind als Männer sehr unterschiedlich. Herr Caimi ist eher, ich will jetzt nicht sagen «ein Macho», aber er ist ein Macher-Typ. Sehr lebhaft und so weiter. Ich bin eher der melancholische Kritiker.

Wir stellen uns vor, dass Sie als Männerforscher und -mediziner immer mal wieder Vorurteilen begegnen.
Caimi: Bei meinem letzten Interview wollte man mir zum Fotoshooting eine Harley und eine Lederjacke aufzwingen. Leute nehmen an, ich gehe auf die Jagd und habe eine Waffensammlung zu Hause.
Hollstein: Mir hat der Stern vor dreissig Jahren das Etikett Männerforscher angehängt. Es war natürlich eine Verarschung. Männerforschung galt damals als etwas Doofes. Ich sagte mir dann, okay, jetzt übernehme ich das Label einfach und mache etwas Seriöses daraus.

Als was haben Sie sich denn ver­standen?
Hollstein: Als Soziologe, der sich für Geschlechterfragen interessiert.
Caimi: Den Begriff Männermediziner hat mir ein Theologe ans Revers geheftet, Frank Lorenz. Ich dachte mir, die Bezeichnung behalte ich. Nennen wir es eine Marketinglücke, whatever. Für den Mann gibt es ja keinen offiziellen Facharzt FMH.

Sie, Herr Hollstein, bemängeln, dass es zu wenige Institutionen für den Mann gibt. Ist es symptomatisch, dass es keine Männerärzte gibt?
Hollstein: Ja, und es gibt zwei Gründe dafür: Frauen treten viel vehementer für ihre Interessen ein. Männer hingegen fordern fast gar nichts. Das Gros der Männer spielt das starke Geschlecht, das keine Probleme hat. Der zweite Grund ist, dass die Politik Männeranliegen vernachlässigt oder gar nicht zur Kenntnis nimmt. Was sich in Basel Gleichstellungsbüro nennt, ist nichts anderes als Frauenpolitik.
Caimi: Wir sind in der Politik schon vertreten, die Männeranliegen kommen aber nur aus einer politischen Richtung: von Links-Grün. Meist kommt das sehr dogmatisch daher, im Sinne von: Alle Männer sollen Teilzeit arbeiten. Das ist Unsinn. Wenn ein Regierungsrat nach Amtsantritt sagt, er bleibe einen halben Tag zu Hause, bricht ein Entsetzen aus, ausgerechnet bei jenen Frauen, die forderten, der Mann müsse zu Hause mithelfen.

Ist die Emanzipation für Sie eigentlich die Urkatastrophe des Mannes?
Hollstein: Nein. Bis zur Emanzipation der Frau war der Mann in einem sehr engen Rollenkorsett. Wir mussten leistungsstark sein, dominieren, Status und Macht erringen – und bei all dem durfte man nicht jammern und nicht krank sein. Das war Mannsein bis in die 70er-Jahre. Dass sich diese Schablone aufgelockert hat, finde ich gut. Man sollte die Männer aber auch mal fragen, was ihre wirk­lichen Bedürfnisse sind. Heute ist es so, dass ihnen alles oktroyiert wird: Männer müssen für Frauenquoten in den Verwaltungsräten sein, für Teilzeitarbeit und so weiter. Diese Entwürfe kommen alle von einer linken, vielleicht gut gemeinten, aber nicht sehr sinnvollen Frauenpolitik.

Was hat sich im Männerbild konkret verändert?
Caimi: In der Beziehung ist der Mann mit viel mehr Widerstand konfrontiert. Die Frau strebt nach mehr Selbstverwirklichung und Eigenständigkeit. Das könnte den Mann entlasten, was aber leider überhaupt nicht der Fall ist. Geschäftlich und privat wird mehr von ihm gefordert. Mein Vater, geboren 1930, lebte noch im Paschatum. Wenn er mal einen Teller verräumt hat, war er schon ziemlich erschöpft. Ich musste dann bald feststellen, dass die Rolle, die mein Vater pflegte, überhaupt nicht mehr funktionierte.

Wann war das?
Caimi: An der Uni. Meine damalige Freundin wollte Karriere machen und meinte, wir würden uns in der Kinderbetreuung dereinst abwechseln. Ich fand das überhaupt nicht lässig. Wir haben uns dann sozusagen präventiv getrennt. Sie hat meine Denkmuster aber aufgeweicht, dafür bin ich ihr dankbar.

Wann haben Sie, Herr Hollstein, ge­merkt, dass Sie kein Leben als Pascha fristen können?
Hollstein: Meine Kindheit war sehr frauendominiert. Meine Mutter, meine Grossmutter und einige Tanten kümmerten sich um mich. Ich war der kleine Prinz – das war sehr schön, klar. Den Nachmittag verbrachte ich meist mit der Grossmutter im Café Schiesser, wo es ein paar Törtchen für mich gab. Für das spätere Leben war das aber eine Bürde.

Waren Sie frustriert, als Sie merkten, dass Sie kein solch bequemes Leben wie Ihr Vater führen können?
Hollstein: Das war schon ein Problem. Ich ging davon aus, dass der Haushalt im Wesentlichen für mich gemacht wird. Wenn ich zurückblicke, was ich in meiner ersten Ehe gemacht habe, muss ich sagen, das war wohl eher dürftig. Ich dachte damals jedoch, ich sei ein sehr hilfreicher und fortschrittlicher Mann.

Wann haben Sie sich verändert?
Hollstein: Nach der Trennung. Die war für mich so heavy, dass ich eine Therapie machte. Meine erste Frau war Schweizerin, die nachfolgenden Freundinnen und Geliebten waren Berlinerinnen, die hatten einen ganz anderen Drive – da war sehr schnell Schluss mit den Pascha-Allüren.

Was sind die Probleme der Männer in der heutigen Zeit, und welche Männer sind betroffen?
Hollstein: Von der Veränderung der Männlichkeit, vom neuen Umgang mit Frauen und dem Kürzertreten von alten Machtansprüchen sind alle Männer betroffen. Es gibt einen Feminismus, der ein sehr simples Bild von Männern hat: Männern geht es gut, Männer haben Macht. Aber selbst vielen sehr mächtigen Männern geht es nicht gut. In den letzten Jahren hatten wir in der Schweiz einige Selbstmorde von Top-Wirtschaftsleuten. Es gibt Untersuchungen aus den USA, die belegen, dass Männer in Machtpositionen überdurchschnittlich von Depressionen betroffen sind. Die simple Formel «Den mächtigen Männer geht es gut», die stimmt nicht.

Dass Leute, die viel Verantwortung haben und schwierige Entscheidungen treffen müssen, auch Probleme haben, ist doch klar. Hat sich die Situation von mächtigen Männern verschlechtert?
Hollstein: Sie wurde bisher zumindest nicht thematisiert. Am verschissensten dran sind aber die Männer der Unterschicht. Wer heute keinen höheren Schulabschluss und keine Berufsausbildung hat, ist chancenlos. Es entsteht zunehmend ein Getto von jüngeren, proletarisierten Männern, die aus der Gesellschaft katapultiert werden. Diese Entwicklung ist gefährlich.

Das männliche Loser-Getto: kein Selbstvertrauen, keine Frauen, keine guten Jobs.
Hollstein: Gar keine Jobs! Und sie sind damit weit schlechter dran als Frauen in einer ähnlichen Lage. Wenn Männer keinen oder einen schlechten Job haben, bekommen sie keine Frau – das zeigen Studien eindrücklich. Frauen ohne Ausbildung und Job finden hingegen einen Mann und gründen eine Familie.
Caimi: Auf gesetzlicher Ebene haben wir die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann erreicht. Jetzt wird aber versucht, Männer und Frauen nicht nur zivilrechtlich, sondern auch biologisch gleichzustellen. Alle haben praktische Kurzhaarfrisuren, Unisex-Kleider und alle reden ganz politisch korrekt und auch der Sex sollte ganz korrekt und sauber sein. Der Mann muss sich also auch noch biologisch verändern. Manchmal habe ich den Eindruck, Männer haben den aufrechten Gang verlernt, sie nähern sich immer mehr dem Krümmungswinkel der EU-Banane. Man bückt sich und kuscht. Ich glaube aber, Frauen stehen auch nicht drauf, wenn ihr Mann sein Leben in der Wasch­küche fristet. Vor Kurzem titelte der «Sonntagsblick»: Sexflaute in Schweizer Schlafzimmern. Aber es sind nicht mehr die Frauen, die nicht wollen, sondern die Männer.
Hollstein: Oder nicht mehr können. In Deutschland leiden sechs Millionen Männer an Impotenz.
Caimi: Und die werden immer jünger.

Sie denken, zwischen Impotenz und den gewachsenen Ansprüchen und Aufgaben des Mannes besteht ein Zusammenhang?
Hollstein: Im weiteren Sinn: ja. Der Mann kann ja heute alles nur noch falsch machen. Feministinnen regen sich etwa auf über Männer in der U-Bahn, darüber, dass sie zu viel Platz brauchen, weil sie breiter sitzen. Männer haben aber nun mal einen Penis zwischen den Beinen und müssen nur schon deswegen etwas anders sitzen. Wenn die Frauen dem Mann ständig signalisieren, dass er alles falsch macht, ist es nicht verwunderlich, dass der Mann nicht so Lust hat.

Wie soll sich der Mann verhalten in der veränderten Welt?
Hollstein: Die Veränderungen sind auch eine Chance, ein Stück freier zu leben. Das bedingt aber eine eigene Entscheidungskraft und Potenz. Das wäre auch mein Vorwurf an viele Männer der Männerbewegung. Sie orientieren sich nicht an dem, was sie im Tiefsten wollen, sondern an dem, was die Frauen von ihnen möchten und was heute als politisch korrekt gilt.
Caimi: Wir leben in einer Karikatur der Geschlechterbeziehung. Wenn Sie heute in den USA eine gewisse Einkommensstufe erreichen, verlangen etliche Firmen, dass Sie ein Dokument unterschreiben und erklären, dass Sie nicht mehr alleine mit einer Frau im Lift fahren. Die Firmen fürchten Schadenersatzforderungen wegen sexueller Belästigung. Wenn eine Firma ein, zwei solche Fälle pro Monat hat, geht das ziemlich ins Geld. In einer solchen Welt leben und am Abend die grosse Lust zelebrieren – das ist der absolute Wahnsinn! Es ist schwierig geworden, entspannt Mann zu sein.

Sie sprechen zwar von Chancen und Möglichkeiten, kommen aber doch sehr schnell wieder auf Probleme zurück.
Caimi: Die Chance ist doch für die Frau, dass sie selbstbestimmter leben kann. Für den Mann ist es eine Chance, dass er aus seiner reinen Ernährerrolle ausbrechen kann und vielleicht auch intellektuell ein Gegenüber hat, das mehr mitbringt als früher. Wir haben 51 Prozent Scheidungsquote und diskutieren immer noch über Kinderkrippen. Mann und Frau wollen arbeiten: Das ist die Realität!
Hollstein: Die Realität zeigt, dass die Bewusstseinsbildung der Frau schlichtweg weiter ist als die des Mannes. Gleichzeitig ist das sogenannt neue Männerbild der Frau auch eine Utopie. Was erwarten emanzipierte Frauen von Männern? In Österreich hat man unlängst eine grosse Befragung gemacht. Weit über sechzig Prozent gaben an, sie möchten zu Hause sein, sich um die Kinder kümmern – und der Mann solle für die materielle Versorgung einstehen. Das ist nicht gerade emanzipatorisch. Dann ein zweites Beispiel. Letzthin stiess ich beim Zappen auf die Serie «Vorstadtweiber» im ORF. Da kam ein Banker am Abend nach Hause zu seiner sehr viel jüngeren Frau. Er geht ins Bad, macht sich frisch. Sie kommt in aufreizender Kleidung zu ihm. Kurzum: Sie will vögeln. Er, völlig kaputt, meint, er möchte einfach ein bisschen kuscheln. Sie bezeichnet ihn darauf als Schlappschwanz und macht ihn völlig fertig. – Frauen haben mitunter völlig falsche Erwartungen an Männer. Und was mir dabei immer wieder auffällt, ist, dass Männer sich nicht getrauen, für ihre ureigenen Bedürfnisse einzustehen.

Sie sagen: Egal, was der Mann macht, es ist immer falsch. Wenn er 100 Prozent arbeitet, wird ihm zum Vorwurf gemacht, dass er nicht Teilzeit arbeitet und mehr Zeit für die Familie hat. Wenn er Teilzeit arbeitet, ist er ein Waschlappen, büsst womöglich an Männlichkeit ein. Es gibt die Studien, die besagen: Je mehr der Mann traditionell weibliche Arbeit verrichtet, desto weniger Testosteron produziert er. Kindererziehung ist Gift für die Männlichkeit.
Caimi: Etwas ganz Wichtiges ist, wie Herr Hollstein sagt, die Bedürfnisformulierung. Wir haben Zahlen, dass Schweizer 3,5 Milliarden Franken in der Prostitution ausgeben. Ein kleiner Teil ist High-End-Prostitution, ein grosser Teil ist Schmuddelgewerbe. Was suchen die Männer da? The same thing only different. Warum können sie ihre Bedürfnisse nicht in der Partnerschaft formulieren? Im Intimen herrscht eine unglaubliche Sprachlosigkeit. Männer halten ihre sexuellen Vorlieben zurück, weil sie Angst haben, die Frauen könnten sie für einen Sauhund halten. Dabei wären die Frauen vielleicht durchaus offen. Bei den Jungen ist es nicht besser: Es sei denn, sie sind sternhagelvoll. Die Sprachlosigkeit des Mannes ist hochspannend. Der Mann wird entmännlicht. Schauen Sie sich mal das Eintrittsformular der jungen Grünen in Deutschland an. Wenn Sie Mitglied werden wollen, haben sie zwei Möglichkeiten: weiblich oder nicht weiblich. Der Mann wird auf der Müllhalde entsorgt.
Hollstein: Der Mann soll sagen, was er will, und die Partnerin auch kritisieren dürfen – das trauen sich viele Männer aber nicht mehr. Dann staut sich alles auf und am Schluss knallt es irgendwann.

Man müsste denken, dass all das, was Sie fordern, Selbstverständlichkeiten sind. Ist der Mann ein zurückgebliebener Mensch?
Hollstein: Zwei Dinge. Wenn es darum geht, persönliche Empfindungen zu formulieren, dann sind wir zurückgeblieben, ja. Das zweite ist die Angst des Mannes, die Liebe der Frau zu verlieren. Sie ist sehr viel grösser als die Verlustangst der Frau. Ohne Frau meint der Mann unterzugehen.

Zurück zum Dilemma: Manchmal ist der hormongetriebene Macho gefragt, dann gefühlvolle Kommunikation. Diesen Mann gibt es nicht.
Caimi: Der Mann will das ja auch: Er will die Heilige, die Hure und die Mutter.

Und was will die Frau?
Caimi: Sie will das Gleiche. Der Mann hatte aber lange das Gefühl, er könne nur die männliche Hure sein. Also der Macho. Jetzt merkt er, dass er gelegentlich bügeln, waschen und auf die Kinder schauen sollte.

Muss der Mann wie die Frau werden?
Caimi: Nein, das muss er nicht. Ich fühle mich nicht unmännlich, wenn ich die Hemden glätte. Es kann ein schöner Moment sein, wenn man die Beige Hemden in den Schrank stellt.
Hollstein: Ja, ja. Ich glätte auch die Blusen meiner Frau.
Caimi: Wow!
Hollstein: Sie macht das nicht gerne. Dafür nimmt sie mir anderes ab.
Caimi: Man muss auch cool bleiben. Wenn man sich schon beim Tumblerleeren die Frage stellt, ob das unmännlich ist, hat man ein Problem.

Man könnte auch sagen: Ein Mann spricht nicht über Gefühle, so ist er halt, basta.
Hollstein: Das ist ein altes Modell. ­ Es sollte eigentlich überholt sein. Heute gibt es im Gegenteil die Fraktion der männlichen Oberjammeri, die denkt: Je mehr wir jammern, unsere innerlichen Befindlichkeiten äussern, desto besser kommen wir bei den Frauen an. Das ist eine völlige Fehlrechnung! Nur Frauen, die einen Schaden haben, finden diese Männer vielleicht gut. Wer will schon einen Mann, der ständig sagt: «Ah, jetzt sind wieder Eisbären gekillt worden! Schrecklich!»

Aber haben nicht genau Sie oft mit solchen Männern zu tun?
Hollstein: Ich weiss nicht, wie es Herrn Caimi geht, aber in meine Workshops kommen sie nicht.
Caimi: Man hat manchmal ja das Gefühl, welch unglaublich abgehobene Arbeit wir erledigen. Dabei sind es oft Basics: Wir begleiten Männer in Kampfscheidungen. Schauen, dass sie fünf Stunden am Stück schlafen können. Dass sie arbeiten. Ein Beispiel: Als die Finanzmarktregulationen kamen, haben die Banker ein Stück Freiheit verloren und zudem einen wichtigen Buchstaben, das «I». Zwischen Banker und Bankier liegen Welten. Der Bankier war eine Respektsperson, der Banker ist es nicht mehr. Ich hatte einen bei mir, der sich genau gleich gefreut hat, wenn er am Morgen zur Arbeit ging und wenn er abends nach Hause kam: gar nicht! Er lief wie ein Sputnik durch die Welt. Und wie es dann so ist: Irgendwann hat man sich etwas Jüngeres angelacht. Und dann hatte man einen Jour fixe, einmal pro Woche. Gefreut hat er sich deswegen trotzdem nicht.

Kommen Ihre Kunden auch aus der untersten Schicht der Gesellschaft?
Caimi: Nein, kaum.

Wer kümmert sich um die, die Polizei?
Hollstein: Diese Männer gehen in die Beiz, die machen dann dort ­Therapie …
Caimi: … wobei die Beiz durchaus etwas Therapeutisches haben kann!
Hollstein: Auf jeden Fall. Aber: Vor einiger Zeit war ich mal in Lörrach, hab die S-Bahn verpasst, und kam dann ins Bahnhofsbuffet, in dem an sieben, acht Tischchen je ein Mann sass. Es war kurz nach neun Uhr und sie sassen vor einem Bierli, es war makaber. Seither achte ich darauf: Wie viele Männer sitzen am frühen Morgen schon mit ihrem Freund Bierli in der Beiz? Das ist auch ein Aspekt von Männlichkeit. Deshalb ärgert es mich, wenn die feministische Formel kommt: Männlichkeit gleich Macht. Viel öfter müsste es heissen: Männlichkeit gleich Ohnmacht.
Caimi: Da diskutieren wir auf einem luxuriösen Niveau. Wir steuern auf eine wachsende Migrationspopulation zu, die ein komplett anderes Rechts-, Staats- und Rollenverständnis hat. Wir diskutieren, ob wir TeilnehmerInnen oder Teilnehmer** schreiben sollen. Die Muslime stehen an einem ganz anderen Punkt. Da hat die Frau eine Rolle in Familie und Gesellschaft, die wir längst überwunden haben. Wie wollen wir diese Rollenverständnisse in der Schweiz verbinden? – Das blenden wir komplett aus. Schauen wir uns nur mal den Arbeitsplatz an: In Produktionsbetrieben werden Männer mit christlich-jüdischem Hintergrund doch oft schlicht und einfach ausgelacht von anderen: «Wieso lasst ihr euch das bieten?» – «Was bist du denn für ein Mann?»

Was denken Sie, Herr Hollstein?
Hollstein: Ich habe das in Berlin gesehen. Auch jene Türken und Araber, die studieren konnten, hatten ein ganz anderes Männerbild. Eines, das ich als unangenehm empfand. Das wurde nicht angesprochen – wir haben in unserer Kultur einen ganz merkwürdigen Toleranzbegriff. Wir dürfen einen Schwarzen oder einen Türken gar nicht mehr kritisieren. Wir diskutieren das Geschlechterproblem anhand des blödsinnigen Sprachdiskurses. Eine deutsche Professorin in Berlin will jetzt mit dem Buchstaben X arbeiten …

… nicht Informatiker oder Informatikerin, sondern Informatix.
Hollstein: Genau.
Caimi: Kommt das von Asterix? Nein, ehrlich?
Hollstein: Es ist das Gleiche wie in der Politik: Man kümmert sich um technokratische Details.

Wir haben über den Mann als Problemfall gesprochen. Würden Sie sich selbst auch als Problemfall bezeichnen?
Hollstein: Das Gleichstellungsbüro hier sieht mich sicher als Problemfall, ich mich aber nicht. Ich fühle mich seit geraumer Zeit ganz wohl in meiner Rolle.
Caimi: Ich war lange ein Problemfall. Ich war ein unglaublich Suchender in der Interaktion mit dem Gegengeschlecht. Ich bin zwei Mal geschieden, hab ein uneheliches Kind. Ich bin alles andere als ein «Role Model». Vor drei Jahren, mit fünfzig, kam der Wendepunkt. Da bekam ich die Gelassenheit, zu sagen: Meine Rolle als Mann möchte ich nie ablegen. Wäre ich der Buchhalter Nötzli gewesen, mit einem schönen Reiheneinfamilienhaus, Frau und drei herzigen Kindern, dann würde ich heute viele Männer, die in meine Praxis kommen, nicht verstehen. Würde ihnen sagen: «Reiss dich zusammen!» Ratschläge als Schläge erteilen. Mit meiner Vita hab ich gelernt, zuzuhören. Von dem her: Ja, ich bin ein Problemfall, Klammer auf: gewesen. Klammer zu. Je länger, desto weniger.

Herr Hollstein, Sie haben das Buch geschrieben: «Was vom Manne übrig blieb». Das klingt, als ob nur noch ein paar kümmerliche Brosamen Männlichkeit übrig geblieben sind.
Hollstein: Ich blicke mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Es bräuchte mehr Männer, in allen Schichten, die bewusster für unsere Bedürfnisse einträten. Und die Gesellschaft muss akzeptieren: Es gibt nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Und um die muss man sich auch kümmern. Vor allem aber: Die Männer müssen mehr zu sich selber stehen.

Sie beschreiben aber auch ein Gewalt­szenario: Männer werden gewalttätiger, rassistischer.
Hollstein: Es gibt ja die idiotische Annahme einer idiotischen Frauen-­Fraktion, dass Männer einfach testosteronbedingt per se Gewalttäter sind. Der wissenschaftlich erforschte Ansatz geht aber so: Wer gewalttätig wird, der macht das aus einer Hilflosigkeit heraus. Aus einer Unfähigkeit, die eigenen Konflikte anders zu lösen, zu verbalisieren. Dazu die sozialen Faktoren: Wenn wir die Jugendarbeitslosigkeit in Europa sehen, dann sieht das nicht sehr positiv aus.
Caimi: Genau! Das ist ein Wake-up-Call! Ein kleiner Ansatz könnte sein, dass wir uns wieder getrauen, in vernünftigem Ton miteinander zu reden.

Wir haben nun lange über die Rollen von Mann und Frau gesprochen. Facebook hat diese aufgelöst – man muss da nicht mehr zwischen weiblich und männlich auswählen, sondern man hat 58 Gender-Optionen. Könnte es sein, dass die Kategorie Geschlecht verschwindet?
Hollstein: In der Ideologie schon, in der Realität nicht. Wie es Tag und Nacht gibt, wird es immer auch Mann und Frau geben.
Caimi: Das wäre das pessimistischste Szenario von allen: Wenn wir nur noch über natürliche Personen sprächen, und nicht mehr über Mann und Frau. Das wäre ganz übel. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 19.03.2015, 10:01 Uhr)

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Basel ist das Kompetenzzentrum für Männer. Marco Caimi steht in der Bibliothek des «Trois Rois», ein Raum, in dem es seltsamerweise kaum Bücher gibt. Caimis neustes Werk stünde in der Abteilung «Ratgeber», weil Männer gerade gerne als Problemfälle angeschaut werden. Es heisst: «Mann Macht Mannzipation». Der Mann in der Hotelbibliothek, Dr. med. Marco Caimi, ist Gründer der Äquilibris Men, «die erste Männerpraxis der Schweiz». Er ist Arzt, Referent und Managementtrainer.

Caimi trägt Anzug, grosse Ringe, einen Pin des FC Basel am Revers. Und er wartet jetzt noch auf jenen Mann, den er später wie ein grosses Vorbild begrüssen wird. Walter Hollstein, Soziologe, lange Journalist (auch der National-Zeitung), dann Autor und Professor in Berlin und Bremen. Als Hollstein einst als Männerforscher bezeichnet wurde, behielt er diesen Titel – er machte ihn bekannt. Sein bekanntestes Buch: «Was vom Manne übrig blieb». Es wird ein nachdenkliches Gespräch. Männer verstehen mit Männerverstehern.

Als zwei Stunden vorbei sind, sagt Walter Hollstein, überrascht von den starken inhaltlichen Gemeinsamkeiten, zu Marco Caimi: «Wir könnten uns ja einmal auf ein Bierli treffen. Vielleicht nicht im Bahnhofbuffet, morgens um neun Uhr. Aber sonst mal.» – «Sehr gerne», sagt Caimi. Dann verlassen sie die Bibliothek. (sta/ben)

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