Leben

Der Mini kommt mit Macht zurück

Von Stephanie Riedi. Aktualisiert am 24.02.2009 1 Kommentar

Das Kultteil der 60er-Jahre ist wieder da – wenn auch ohne den Zeitgeist von damals. Ein neues Buch erzählt die ganze Story der gewagtesten Kreation des 20. Jahrhunderts.

Carla Bruni posierte 1998 in einem Minikleid, das von Georges Braque inspiriert war. Links Yves Saint Laurent

«Der Minirock», Edel Edition

Das Buch

Bianca Lang, Tina Schraml, Lena Elster: Der Minirock. Edel Edition, Hamburg 2009, 176 S., ca. 50.90 Fr.

Auch wenn die derzeitigen Frösteltemperaturen kaum darauf schliessen lassen: Die kommende Saison wird heiss. Sehr heiss. Der Minirock meldet sich zurück.

Auf den Catwalks der Modemetropolen Paris, London, Mailand und New York machte er bereits im Herbst Furore. Jetzt bestätigen Hochglanzmagazine und Schaufensterauslagen den Trend: Die Saumlängen variieren von knapp über dem Knie bis knapp unter dem Po. Neben den sommerlichen Evergreens Schwarz und Weiss und deren Schattierungen knallen Farben und wilde Muster, als wäre ein kollektiver LSD-Trip angesagt.

Rund 50 Jahre nach seinem ersten revolutionären Auftritt im Swinging London verspricht der kleine Fummel heuer punkto Gewagtheit, selbst die Street Parade in den Schatten zu stellen. Hiess es bislang in Modelexika, der Mini ende «10 Zentimeter oberhalb des Knies», sind es nun mindestens 20, wenn nicht 30. Ein Nichts.

Es war ein Zeichen von Rebellion

Doch die Freizügigkeit von heute bleibt Zitat; ihr fehlt der Geist der 60er-Jahre. Diese standen im Zeichen des Wirtschaftswunders und des Aufbruchs – symbolisiert durch den Mini. In London kappte Jungdesignerin Mary Quant als Erste die Rocksäume und wurde dafür prompt 1966 von der Queen mit einem Orden ausgezeichnet. Fast zur gleichen Zeit setzte André Courrèges in Paris die Schere an. Hüben wie drüben erschütterten Provokation und Rebellion die Prüderie des Establishments.

Der US-Wissenschaftler George Taylor sah in den Goldenen Zwanzigern einen Zusammenhang zwischen Aktienkurs und Saum: Gemeinsam kletterten sie in die Höhe, um beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 wieder zu fallen. Taylors «Rocksaum-Index» wurde später von Desmond Morris bestätigt. Der Verhaltensforscher sah im abflauenden Mini-Boom der 70er-Jahre die konjunkturelle Krise gespiegelt. Bezogen auf die Jetzt-Zeit mit ihren Börsencrashs und Bankenpleiten, wären folgerichtig Burkas angezeigt.

Repetition ist halt per se ein Kunstprodukt. Das zeigt sich auch im soeben erschienenen Bildband «Der Minirock», einer Hommage an «die grösste modische Revolution des 20.Jahrhunderts». Just zum Comeback des textilen Winzlings würdigen die deutschen Modejournalistinnen Bianca Lang, Tina Schraml und Lena Elster diesen in einer einmaligen Retrospektive. Sie schildern seinen Werdegang, stellen Schöpferinnen und Schöpfer vor sowie die Ikonen, dank denen das Röckchen von der Strasse in die Salons gelangen konnte. Als Jackie Kennedy 1968 im weissen Valentino-Mini Aristoteles Onassis ehelichte, fiel quasi das letzte Tabu. Fortan traten Frauen rund um den Erdball im kniefreien Kleid vor den Traualtar.

Von Twiggy bis Angela Merkel

Der Siegeszug des Kleinen sei untrennbar mit weiblichen Idealfiguren verbunden, schreiben die Autorinnen. Grundsätzliches dazu vermerkte schon Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse: «Die Identifizierung mit Vorbildern und deren Nachahmung ist für die Entwicklung einer Gesellschaft essenziell.» Kaum ein Kleidungsstück wurde denn auch derart prominent in Szene gesetzt wie der Mini. Von Twiggy über Brigitte Bardot und Jane Fonda bis zu Sharon Stone, Carla Bruni und Tina Turner präsentierten sich weltweit Berühmtheiten in kurzen Röcken. Auch Deutschlands Bundeskanzlerin, Angela Merkel, reiste als junge Frau mit entblössten Knien in die damalige UdSSR.

In Zeiten, wo sexuelle Präferenzen im Frühstücksfernsehen diskutiert werden, vermag selbst der kürzeste Mini nicht mehr zu schocken. Die gewagtesten Modelle kommen heute von etablierten Haute Couturiers und nicht mehr von Newcomern in Hinterhof-Ateliers. Armani, Azzedin Alaïa, Balenciaga, Hermès, Louis Vuitton, Versace: Sie alle enthüllen in diesem Sommer fast die volle Länge «weiblicher Sexantennen», wie nackte Waden und Schenkel gerne von Männern tituliert werden. Sogar Chanel lanciert Ultra-Minis, was fast einem Sakrileg gleichkommt: Die Grande Dame der französischen Schneiderkunst lehnte den Beinfrei-Kult kategorisch ab. «Schöne Knie», pflegte Coco Chanel zu sagen, «sind so selten wie die Perlen in den Austern.»

Ein Fakt, der selbst jungen Frauen zu schaffen macht. In den 80er-Jahren wusste Vivienne Westwood das Problem in Punk-Manier zu kaschieren. Das Enfant Terrible der britischen Modeszene assortierte zu ihren Lackleder-Lendenschürzchen sexy Strapse und Netzstrümpfe. Auch die Girls von heute haben eine Lösung: Sie stülpen den Mini über Leggins oder gar Jeans.

Da der Alltags-Rave im Sommer 09 auch angejahrte Frauen begeistern dürfte – schliesslich zeigte sich die fast 70-jährige Tina Turner unlängst im kurzen Kleid auf der Bühne –, sei Minirock-Erfinderin Mary Quant als Stylistin zitiert. Die 75-Jährige erklärte an ihrem Geburtstag vor zwei Wochen: «Natürlich trage ich noch Mini. Heute ziehe ich einfach schwarze Strumpfhosen dazu an.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2009, 22:08 Uhr

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1 Kommentar

Urs Lehmann

28.02.2009, 13:28 Uhr
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Zitat: "Von Twiggy bis Angela Merkel". Angela in Mini??? Das muß ich erleben! Antworten




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