Der Punk von Burma

Kyaw Kyaw lebt in Rangun und hat sich früher vor allem um seine roten Haare gekümmert. Heute rebelliert er gegen die Politik in seiner Heimat.

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Kyaw Kyaw hockt allein mit nacktem Oberkörper auf dem Fussboden. Er teilt sich die Wohnung mit Zarni (20) und Oakar (23). Die Wände haben sie mit tanzenden Punkern und Schimpfwörtern bemalt. Davor liegen Bastmatten, auf denen seine beiden Freunde schlafen. Kyaw Kyaw hat eine eigene Koje, die mit Sperrholzwänden abgetrennt ist. Er ist Sänger und Songwriter der Punkband Rebel Riot, die er 2007 gründete. In den Songs und im Internet drückt er offen seine Wut über Burmas Gesellschaft aus. Über seinen Laptop gebeugt liest er auf Facebook rassistische Hassparolen des burmesischen Mönchs Ashin Wirathu. Wütend zupft er an seinen rot gefärbten Haaren. «Die Menschen haben zwei Augen, aber sie benutzen nur eins. Das sind keine Mönche, das sind Faschisten!», teilt er seinen Freunden auf Facebook mit. Eine radikale Bewegung buddhistischer Mönche in Burma terrorisiert die muslimische Minderheit, Kyaw Kyaw will das nicht hinnehmen. «Ich kann nicht die Welt oder Burma verändern, aber ich kann zumindest die Menschen um mich herum wachrütteln», sagt er.

«Die Muslime werden zum Sündenbock gemacht»

2011 begann in Burma ein Demokratisierungsprozess: Die Militärdiktatur wechselte in eine Zivilregierung, die hauptsächlich aus Mitgliedern der alten Elite besteht. Es gibt immer noch Menschenrechtsverletzungen, immer wieder kommt es zu tödlichen Zusammenstössen zwischen Buddhisten und Muslimen. Die radikale Bewegung «969» buddhistischer Mönche möchte Burma zur muslimfreien Zone zu machen. Der Mönch Ashin Wirathu ist Anführer der Bewegung. Er lastet der muslimischen Minderheit, deren Bevölkerungsanteil vier Prozent beträgt, an, den Buddhismus, die Kultur und die Traditionen Burmas zu bedrohen. Viele Menschen sympathisieren mit Wirathu. Auf Facebook hat er 23'000 Follower. Kyaw Kyaw hat 4000.

«Die Muslime werden zum Sündenbock gemacht, um von anderen Problemen abzulenken», sagt Kyaw Kyaw. «Diese gewaltsamen Auseinandersetzungen sollen den Eindruck vermitteln, dass es ohne das Militär in Burma keine Ordnung gäbe. Die Bevölkerung soll denken, dass das Militär für Frieden und Sicherheit sorgt.» Er versteht die vielen Modepunker nicht, die zwar mit ihrem Lebensstil gegen Traditionen rebellieren, aber nur Party machen wollen und sich nicht wirklich für Politik interessieren. Früher hat sich Kyaw Kyaw drei Stunden lang die Haare frisiert. Heute nutzt er die Zeit lieber, um sich im Internet über das aktuelle Weltgeschehen zu informieren.

Kyaw Kyaw beendete mit sechzehn die Schule und fing ein Jahr später an, Wirtschaft zu studieren. Es gab nicht viele Bücher. Die Militärregierung liess das Schulsystem verkommen, vor allem aus Angst vor Studentenaufständen und vor der Kritik einer intellektuellen Elite. «Wenn man Geld hat, kommt man durch das Examen, wenn nicht, fällt man durch.» Er brach das Studium ab. Heute verdient er etwas Geld, indem er selbst gestaltete Punkkleidung, Schmuck und eigene Musik-CDs gemeinsam mit seinen Freunden Zarni und Oakar an einem Strassenstand verkauft.

Soziales Engagement

«Wir brauchen keinen Krieg! Wir brauchen Essen und Menschenrechte!», posaunt Kyaw Kyaw. Jeden Montagabend trifft er sich mit anderen Punkern in Rangun, um Lebensmittelspenden an Obdachlose zu verteilen. «Food not Bombs» heisst die Aktion, die es weltweit gibt. Kyaw Kyaw hat davon im Internet erfahren und war beeindruckt. Die Punker laufen mit Bananen, Keksen und Reis durch Rangun und suchen Menschen, die auf den Strasse leben oder schlafen, meistens in der Nähe vom Bahnhof. «Manchmal sind wir zu übereifrig und geben aus Versehen Leuten Essen, die es nicht nötig haben. Die sind dann beleidigt», lacht Kyaw Kyaw.

Burmas frühere Hauptstadt Rangun ist dreckig, laut und chaotisch. Viele Menschen leben gemeinsam auf engstem Raum. Etliche Kolonialbauten werden abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt. Die Mieten steigen, aus der Not heraus entstehen Wohngemeinschaften. Kyaw Kyaw bezahlt 120 Dollar Monatsmiete für seine Einzimmerwohnung. Das entspricht etwa einem durchschnittlichen Monatslohn. Er sitzt mit fünf Freunden auf dem Betonboden um einen kleinen Tisch, sie essen Reis und Gemüse. Kyaw Kyaw öffnet eine Bierflasche mit den Zähnen. «Ich trinke keinen Alkohol mehr. Nur noch Tee, Wasser und Bier», erklärt er. Mit dem Rauchen hat er aufgehört, weil es ungesund ist. Trotzdem drückt er manchmal glühende Zigarettenstummel auf seiner Zunge aus, um anderen zu imponieren. Ab und an machen sie nachts zu Hause Musik. Das ist günstiger als im Studio, dort müssen sie drei Dollar pro Stunde zahlen, können aber auch professionelle Instrumente ausleihen. «Fuck Rassisten! Scheissregierung! Widerstand!», brüllt Kyaw Kyaw und benutzt die Bierflasche als Mikrofon. Oakar spielt Gitarre, Zarni trommelt mit Löffeln auf der Tischplatte. «Ich habe nie singen gelernt. Ich schreie meine Wut heraus. Das muss für andere nicht schön klingen.» Nach zwei Stunden bleibt Kyaw Kyaw die Stimme weg, er fiepst ein letztes «Fuck» und lacht. Sie wissen, dass sie ausziehen müssen. Die Nachbarn beschwerten sich oft bei der Polizei über den Lärm.

Die Familie profitiert vom Staat

Kyaw Kyaws Vater (57) arbeitet als Polizist für den Staat, gegen den sein Sohn rebelliert. Ein kleiner Mann mit freundlichem, rundem Gesicht, der jeden Morgen mit dem Bus ins Büro fährt. Ein Auto kann er sich nicht leisten. Abends sitzt er auf einem hellblauen Plastikstuhl zu Hause vor dem Fernseher und schaut sich gerne Bollywoodfilme an. Kyaw Kyaw ist zu Besuch bei seinen Eltern, um ihnen mitzuteilen, dass er wieder bei ihnen einziehen muss. «Anfangs waren meine Eltern erschrocken wegen meines Aussehens und hatten grosse Angst, dass ich verhaftet werde. Ich habe lange mit ihnen geredet. Mein Vater versteht meine politische Haltung inzwischen. Er akzeptiert mich so, wie ich bin», erklärt Kyaw Kyaw. Sein Vater zuckt müde mit den Schultern. Kyaw Kyaw legt nach: «Ich bin Punk, weil ich unsere Regierung und soziale Ungerechtigkeit hasse!» Der Vater starrt auf den Fernseher. Er äussert sich nicht gerne über Politik, trotz der Reformen möchte er sich in Acht nehmen. Zudem profitiert die Familie vom Staat: Ihre 35-m2-Wohnung im fünften Stock wird von der Regierung extra für Polizisten günstig zur Verfügung gestellt.

Die Eltern und zwei Brüder teilen sich zum Schlafen eine Holzpritsche. Inmitten des engen Raumes stehen dicht nebeneinander mehrere Computer, an denen Jungen aus der Nachbarschaft spielen. Kyaw Kyaws Mutter vermietet sie, eine Stunde kostet 30 Cent. Regelmässig fällt die Stromversorgung aus. Die Mutter bringt Kyaw Kyaw ein Stück Kokoskuchen. «Sie liebt mich sehr. Manchmal, wenn sie denkt, ich schlafe, gibt sie mir einen Kuss auf die Stirn.» Er schaut auf den Monitor und freut sich. Gestern hat er ein Foto von sich und seiner Mutter auf Facebook hochgeladen, das heute schon über 300 «Gefällt mir»-Klicks hat.

Burma wird attraktiver für Touristen

Seit den Anfängen des Demokratisierungsprozesses 2011 öffnet sich Burma aufgrund wirtschaftlichen Druckes und wirbt zunehmend um die Devisen bringenden Touristen. Eine Reisegruppe schlendert die Strasse zur Shwedagon-Pagode entlang. Die Gruppe ist aus Deutschland. Kyaw Kyaw erkennt es an den Reiseführern. Er spricht einige Wörter Deutsch und freut sich jedes Mal, wenn er sie anwenden kann. «Fick dich selber Alter!», ruft er den Touristen mit strahlendem Lächeln zu. Sie schauen entsetzt auf den Boden. «Entschuldigung!», fügt Kyaw Kyaw hinzu. Dann erklärt er augenzwinkernd einem anderen Punk, dass «Fick dich selber Alter» dasselbe bedeute wie jemanden lieb haben.

Mit zwanzig Jahren war Kyaw Kyaw für vier Wochen Mönch, um seinen Eltern einen Gefallen zu tun und weil es fast alle buddhistischen Männer in seinem Alter tun. Er war zu der Zeit schon seit zwei Jahren Punk und hatte sich von der Religion abgewandt, weil er sich nicht den Regeln unterordnen wollte. Seine Röhrenjeans wurde gegen ein orangefarbenes Mönchsgewand getauscht, die roten Haare wurden ihm geschoren. Er musste jeden Tag abwechselnd eine Stunde meditieren, eine Stunde ausruhen. Nach 12 Uhr mittags durfte er nichts mehr essen, nur noch trinken. Zunächst fand er das schrecklich. Als er zu müde zum Meditieren war, versteckte er sich auf der Toilette. Nach drei Tagen wurde es anders. Er spürte auf einmal eine innere Kraft, hatte keine Sorgen mehr, keine Ängste. «Wenn du die Welt verändern möchtest, musst du zuerst dich verändern», erklärt Kyaw Kyaw. Seitdem geht er regelmässig in die Shwedagon-Pagode. Im Alltag vergisst er Termine, Schlüssel, Regenschirme, ruht sich selten aus. Das Meditieren reinige seinen Geist, sagt er. Er finde zu innerer Ausgeglichenheit. «Buddhas Lehren sind gut für ein glückliches Leben», glaubt Kyaw Kyaw, er möchte trotzdem kein Buddhist sein. Ihn nerven die Vorschriften aller Religionen.

Das Internet und die Touristen sind für Kyaw Kyaw wichtige Quellen unabhängiger Informationen, die während der Militärdiktatur kaum einen Weg in das Land gefunden haben. So knüpft er Kontakte zu Menschen auf der ganzen Welt. Auf seinen Facebook-Profilen postet er jede Menge Smileys, politische Botschaften mit vielen «Fucks», Herzchen und Fotos. Einige Facebook-Freunde sind inzwischen echte Freunde geworden. T-Shirts mit Aufdrucken wie «Überdosis» oder «Punk bleibt Punk» bringen ihm deutsche Touristen mit, die ihn in Rangun besuchen. «Gemeinsam gegen Rassismus!», schreibt Kyaw Kyaw auf seiner Seite. Seinen grösstenteils internationalen Freunden gefällt das. Einige burmesische Anhänger von Mönch Wirathu aber drohen ihm. Kyaw Kyaw empört sich: «Ich werde weiterhin öffentlich meine Meinung sagen. Hauptsache, die Welt schaut nicht weg!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2014, 13:01 Uhr

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