Der Sonderbare

Stefan Bachmanns Fantasy-Roman «The Peculiar» ist in den USA ein Bestseller, der Autor ein Star. Der 19-Jährige schreibt im zürcherischen Adliswil an einer Fortsetzung des Buches.

Hier ist der Fantasy-Autor aufgewachsen: Stefan Bachmann in der Stube seines Elternhauses in Adliswil.

Hier ist der Fantasy-Autor aufgewachsen: Stefan Bachmann in der Stube seines Elternhauses in Adliswil. Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aufsätze hat Stefan Bachmann stets gehasst. Zu lange dauerte es ihm, Wort um Wort niederzuschreiben, bis daraus endlich eine Geschichte entstand. Viel lieber las er, stunden-, ja tagelang. Dickens, Dostojewski, Tolkien. Als er zwölf war, sagte er zu seiner Mutter, er wolle ein Buch schreiben.

Heute, sieben Jahre später, ist sein erster Fantasy-Roman, «The Peculiar» (der Sonderbare), in Amerika ein Bestseller, Bachmann tourte auf einer Lesereise durch die USA, schrieb Tausende von Autogrammen. Der 19-Jährige wird als neue J. K. Rowling, die Autorin der Harry-Potter-Reihe, gehandelt und hat einen Gewinn im sechsstelligen Bereich gemacht. «Das ist schon cool», meint Bachmann, lacht, reibt sich die Hände und verschränkt seine Arme.

Beiträge in Zeitungen und TV

Stefan Bachmann sitzt am Tisch im Wohnzimmer seines Elternhauses in Adliswil, gestreifte Kapuzenjacke, blaue Crocs, eine feine Metallbrille, kindliches Gesicht. Die mit Holz ausgekleidete Stube mit all den Teppichen wirkt heimelig. Überall stehen Kristalle, kleine Schalen, Figuren und Vasen. Dass er seit Tagen Medienmagnet ist, hängt Bachmann nicht an die grosse Glocke. Im Gegenteil, er wirkt bescheiden, zuweilen schüchtern – und doch spürt man, dass er Spass an der Sache hat. «New York Times» und «Los Angeles Times» schrieben Berichte über ihn und sein Buch, die Sendung «Glanz & Gloria» des Schweizer Fernsehens berichtete über das «Zürcher Wunderkind», «Kulturplatz» hat auch einen Beitrag gedreht.

Irgendwann sei die Idee, ein Buch zu schreiben, einfach da gewesen, erzählt Bachmann. «Vielleicht, weil ich manchmal mit dem Schluss einer Geschichte oder mit einem Charakter nicht einverstanden war. Und dachte, das könnte ich besser.» Stefan Bachmann wägt jedes Wort ab, benutzt er einen englischen Ausdruck. Bachmann ist zweisprachig aufgewachsen. Sein Vater ist Schweizer, seine Mutter Amerikanerin. Als er vier war, zog die siebenköpfige Familie von Colorado nach Adliswil. Dort steht das hundertjährige Bauernhaus Im Vögeli etwas abseits am Fusse der Albiskette. Draussen weiden zwei Isländer und ein Pony, hinter dem Haus stehen fünf alte Motorräder.

Musisches Talent

Stefan Bachmanns Kinderzimmer liegt im Dachgeschoss. Computer, Bett, Fernseher – und ein Verkaufsständer mit seinen Büchern. Mehr Platz bleibt nicht. Im Zimmer nebenan büffelt sein 13-jähriger Bruder Thomas mit seiner Mutter Sarah. Alle Geschwister werden von ihr zu Hause unterrichtet.

Stefan Bachmann entdeckte früh, dass er seine Stärken im kreativen Bereich hat: Mit sieben begann er Blockflöte zu spielen, mit 13 kam Klavier hinzu, daneben spielt er Orgel, Geige und Mundharmonika. Hingegen sind Mathematik, Chemie und Physik nicht sein Ding. «Ich bin zu sehr Chaot», sagt er. Seit Tagen vermisst er seine Agenda, Post-it-Zettel mit Notizen für seine Romane muss er oft lange suchen. Sarah Bachmann sagt, ihr sei die individuelle Entwicklung ihrer Kinder immer wichtig gewesen. «Wir vermittelten ihnen Geborgenheit und Sicherheit, sodass sie ihre eigenen Talente erkennen und dazu stehen konnten», sagt sie.

Stefan sei als Kind eher verschlossen gewesen. Manchmal, auf langen Autofahrten durch die USA, habe er seine Geschwister mit Geschichten unterhalten. Sie habe sich gedacht: «Die sind ja echt lustig.»Als Stefan mit der Buchidee kam, liess sie ihm während des Unterrichts dafür viel Zeit. Ein erstes Buch, 60 Seiten lang, entstand: «Es war ein Mix aus allem, was ich gelesen habe», sagt Bachmann, «aber ich fand die Geschichte von Anfang bis Ende mega spannend.» Seine Mutter und die älteste Schwester Maria waren seine ersten Kritikerinnen. Sie ermunterten ihn, weiterzumachen. Er übte und übte.

Inspiration holte er sich auf Reisen mit seiner Mutter durch Europa. «Zudem hat mich der Steampunk beeinflusst», sagt Bachmann. Jenes Kunstgenre, bei dem futuristische Elemente in die Mitte des 19. Jahrhunderts versetzt werden, Technik und Magie aufeinandertreffen, wo ein Spielzeugvogel aus Uhrwerken über die Stadt fliegt – so wie auf dem Cover von «The Peculiar».

Agentensuche auf eigene Faust

Vor zwei Jahren, zeitgleich mit seinem Schulabschluss, hatte Bachmann sein fünftes Buchmanuskript mit vierhundert Seiten beendet. Er schrieb Agenten an, um über sie an einen Verlag zu kommen. Er erzählt es, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. «Mir gefiel die Geschichte, und deshalb wollte ich sie mit anderen teilen. Berühmt zu werden, war nicht meine Absicht.» Der amerikanische Verlag Harper Collins nahm den Zürcher unter Vertrag, im September erschien «The Peculiar» auf Englisch. Auf Herbst 2013 ist eine Fortsetzung geplant, zudem sind diverse Übersetzungen in Bearbeitung. Wann eine deutsche Version erscheint, ist noch unklar.

Weniger begeistert von Stefan Bachmanns Berufung ist sein jüngerer Bruder Thomas. «Ich finde ihn komisch, weil er immer am Computer sitzt», sagt Thomas. Das Buch hat er nach einigen Seiten wieder weggelegt. Er mache jeweils so lange Radau, bis sich Stefan beim Schreiben nicht mehr konzentrieren könne und doch etwas mit ihm Fussball spiele. Sein älterer Bruder Florian hat ihn im September während seiner Lesetour durch Amerika begleitet. «Ich brauchte schliesslich einen Chauffeur», sagt Stefan Bachmann, der keinen Führerausweis besitzt.

Um Zeit für die Bücher zu haben, beginnt Bachmann erst im nächsten Jahr mit seinem Musikstudium am Konservatorium Zürich. Jetzt besucht er den Vorkurs, nimmt Unterricht in Komposition und Klavier. Fürs Hauptstudium möchte er aber auf Orgel umsatteln. «Da ist die Konkurrenz kleiner», sagt er. Am liebsten würde Bachmann dereinst Filmkomponist werden. Den Soundtrack zu «The Peculiar» hat er bereits komponiert. Und Hollywood hat Interesse an den Filmrechten angemeldet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2012, 20:01 Uhr

Das Buch

Bartholomew Kettle und seine Schwester Hettie leben beide im heruntergekommenen Stadtteil im englischen Bath des 19. Jahrhunderts. Sie sind eine Mischung aus Mensch und Fee – und sie sind hässlich. Ihr Motto ist, unter keinen Umständen aufzufallen, denn ständig verschwinden in der Stadt Menschen- und Fabelkinder. Als auch Hettie verschwindet, versucht Bartholomew gemeinsam mit dem Londoner Politiker Jelliby, dem Treiben ein Ende zu setzen. Ihnen steht der Politiker Lickerish gegenüber, ebenfalls ein Elfenwesen. Das Hin und Her, das sich zwischen den beiden Lagern ergibt, ist gespickt mit witzigen Anspielungen. (ema)

Artikel zum Thema

Emma Watson heult an Potter-Premiere

Tausende Harry-Potter-Fans haben am Donnerstagabend in London die letzte Weltpremiere der Fantasy-Saga gefeiert. Die Hauptdarstellerin konnte sich so gar nicht freuen. Mehr...

Rowling-Roman ist ein Fall fürs Gericht

Rund einen Monat nach Erscheinen des neuen Romans von «Harry Potter»-Autorin Joanne K. Rowling wehrt sich der Carlsen Verlag gerichtlich gegen die illegale Verbreitung des Buchs im Internet. Mehr...

Bestseller im Anmarsch

Am Donnerstagmorgen erscheint weltweit der neue Roman von «Harry Potter»-Autorin Joanne K. Rowling. Tagesanzeiger.ch/Newsnet bespricht das Buch live. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...