«Der Sport wirkt als Kulturmaschine»
Der Soziologe und Philosoph Pablo Alabarces, geboren 1961, lehrt an der Universidad de Buenos Aires. In seinem Buch «Für Messi sterben? Der Fussball und die Erfindung der argentinischen Nation», das in der Edition Suhrkamp erschienen ist (286 S., ca. 28 Fr.), liefert er eine spannende Studie über die Rolle des Fussballs in der argentinischen Geschichte, mischt historische Daten und Fakten mit der Analyse von Spielen, Schlagzeilen und Werbespots. Alabarces geht nach 15 Jahren analytischer Arbeit zum Thema nicht mehr ins Stadion. «Ein Fan muss sich der Irrationalität des Spiels hingeben. Die wissenschaftliche Arbeit hat den Fussball leider ein wenig entzaubert.»
Die argentinische Nationalmannschaft ist vor einigen Tagen in Südafrika gelandet. Mit welchen Gefühlen blickt Argentinien über den Atlantik?
Die Wochen vor einem Turnier sind die Zeit des ungetrübten Optimismus. Erst wenn der Ball rollt, zerplatzen langsam die Träume. Argentinien ist schliesslich seit 20 Jahren nicht mehr über das Viertelfinale einer WM hinausgekommen, aber bisher scheinen die Zeitungen und die Fans recht enthusiastisch zu sein. Es gibt Anlass zur Hoffnung, die argentinischen Stürmer wie Messi, Tevez, Milito und Higuain haben die europäischen Tor-Ligen in diesem Jahr beherrscht.
Und der Trainer heisst Diego Armando Maradona.
Ja. Seine Beteiligung ist eine Garantie dafür, dass etwas Besonderes passiert, etwas Grosses oder Schreckliches. Normal wird diese WM nicht. Dieses Gefühl spiegelt sich auch in den Produkten der Kulturindustrie wieder: Im Fernsehen läuft zum Beispiel ein Werbespot der Brauerei Quilmes, der Gott als argentinischen Fussballfan zeigt, der alle Menschen auffordert, für die Albiceleste (also die Weiss-Himmelblauen) zu beten.
Verstehen Sie, dass die Fussballwelt erstaunt war, als Argentinien ausgerechnet Maradona zum Trainer machte, den Junkie, Steuerhinterzieher, Mafia-Freund und Dauergast von Fidel Castro?
Maradona ist kein Taktiker, sondern ein Erratiker, er hat bislang viele Systeme und mehr als 100 Spieler ausprobiert und sich nur äusserst knapp für die WM qualifiziert. Aber es war vermutlich unausweichlich, das er einmal Trainer wird. Die Ernennung zum Nationaltrainer ist der Versuch, die unerträgliche Leere zu füllen, die seit seinem Rücktritt in unserer nationalen Aufstellung klafft. Wenn Argentinien spielt, dann ist eine Kamera permanent auf Maradona gerichtet, seine Regungen sind wichtiger als das Geschehen auf dem Platz.
Sie schreiben in Ihrem Buch über den Maradonismus. Was ist damit gemeint? Es gibt ja eine Iglesia Maradoniana, deren Glaubensbekenntnis lautet: «Maradona Unser, der Du bist auf dem Spielfeld . . .»
Maradona ist in Argentinien so etwas wie die letzte grosse Erzählung – er steht zum einen für die Verbindung zwischen Fussball und Nation, zum anderen ist er der prototypische Volksheld. Er hat es aus dem Armenviertel ganz nach oben geschafft. Interessant ist aber auch, dass er meist für Vereine gespielt hat, die wie der SSC Neapel, wie Boca Juniors und der CF Barcelona einen Identifikationspunkt der Armen und Marginalisierten bilden. Das Protestpotenzial der Symbolfigur Maradona richtete sich deshalb gegen die Mächtigen und Reichen, gegen die FIFA und damit im weitesten Sinn gegen die mächtigen Länder, die dieses Gremium beherrschen. Dass er eine Tätowierung von Che Guevara auf dem Arm hat, ist nicht so wichtig. Maradona ist ein leerer Signifikant. In ihm kann jeder alles sehen. Ein Genie. Einen Dekadenten. Einen Revolutionär.
Der Untertitel Ihres Buches lautet «Fussball und die Erfindung der argentinischen Nation». Was hat Sport mit «Nation Building» zu tun?
Jede Nation ist eine erfundene Nation. Aber es gilt besonders für die Länder der Neuen Welt, die ihre Identität nur in Anlehnung an oder in Abgrenzung zu Europa finden können. Die argentinische Gesellschaft war permanent auf der Suche nach Symbolen für Argentinität, weshalb auch der Gaucho so eine wichtige Figur ist, der freie Mann, der das Land auf dem Rücken seines Pferdes durchmisst. Argentinien war in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts im Umbruch, Millionen von europäischen Einwanderern kamen ins Land, und die Fussballnationalmannschaft war ein passendes Symbol für diese Melting-Pot-Gesellschaft. In der Mannschaft, die 1928 bei den Olympischen Spielen und 1930 bei der Fussball-WM jeweils den zweiten Platz belegte, spielten Italiener, Kreolen und Spanier. Wichtig war aber auch: Wir mussten unser eigenes Spiel erfinden.
Was meinen Sie damit?
Fussball war im 19. Jahrhundert ein englisches Exportprodukt. 1891 wurde die Argentine Association Football League gegründet. Der erste Vorsitzende hiess Alexander Watson Hutton. Erst Jahre später wurden die englischen Worte gestrichen, und es entwickelte sich die Idee eines kreolischen Spiels, das taktische Elemente mit originellen Einzelpraktiken kombiniert. Zentrale Figur ist der «pibe», der Bursche, der auf dem Bolzplatz gross geworden ist, ein kreativer Spieler, frei von der einschränkenden Disziplin der Europäer. Dass die Engländer im Fussball als Todfeinde der Argentinier gelten, liegt nicht nur an den Falkland-Kriegen oder dem umstrittenen Tor von Maradona im Halbfinale von 1986, sondern es hat auch psychologische Gründe: England ist der Vater des Spiels, der Erfinder und Meister. Nur wenn wir England auf unsere Art und Weise besiegen, entwickeln wir ein eigenes Ich. Fussball war in Argentinien immer Teil der Kommunikations- und Herrschaftsstrategie.
Welche Rolle spielt der Fussball im 21. Jahrhundert?
Der Sport spielt eine grössere Rolle als je zuvor. Argentinien scheint ausserstande zu sein, den Bürgern unseres krisengeschüttelten Landes materiellen und symbolischen Halt in einer kritischen Globalität anzubieten. Um die unerträgliche Sinnlosigkeit auszufüllen, stricken die Medien ihre Ersatzgeschichte um den Fussball herum. Der Fussball ist, wie meine Kollegin Beatriz Sarlo sagt, «der Klebstoff der Nation».
Kann ein Sport diese Rolle erfüllen?
Fussball besitzt die perfekte Formel: einfach, universal und fernsehtauglich. Der Sport wirkt als Kulturmaschine, die bestimmte Werte vermittelt und unsere Kultur prägt. Traditionellerweise wird diese Rolle von den Schulen eingenommen, von der Gewerkschaftsbewegung, der Politik oder der Avantgarde. Diese Institutionen sind in den vergangenen Jahren verkommen und unbedeutend geworden. Der Fussball funktioniert heute aufgrund seiner medialen Allgegenwart, seines Expansionsdrangs und seiner Macht, nationale Bedeutungen zu transportieren, auf ähnlich autoritäre Weise wie die Schule. Aber klar ist auch: Wenn der Fussball die letzte Säule der Gemeinschaft ist, dann handelt es sich um eine schwache Gemeinschaft.
Südafrika sieht die WM auch als Instrument des internen Nation Buildings. Man will der Welt nicht nur die Leistungskraft des Landes demonstrieren, sondern auch eine innere Geschlossenheit produzieren.
Ich bin sehr skeptisch, ob Fussball wirklich eine so nachhaltige Entwicklung anstossen kann. Nehmen Sie das Beispiel der WM 1998 in Frankreich. Nach dem Sieg von Zidane, Laurent Blanc und Marcel Desailly sprach alle Welt davon, dass im Stade de France ein demokratisches, pluralistisches und multiethnisches Frankreich geboren worden sei. Sechs Jahre später brannten die Banlieus. Der Fussball liefert uns manchmal Mythen, in denen wir versuchen, uns selbst zu erkennen. Am Ende ist das alles nur Gerede. Entscheidend ist, was eine Gesellschaft abseits des Fussballplatzes unternimmt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.06.2010, 21:24 Uhr
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