Der Stil der Managerinnen

Vor vier Jahren führte das erste Land eine Frauenquote für seine Konzerne ein: Norwegen. Jetzt zeigen erste Daten, was das Experiment bewirkt hat – und tatsächlich: Frauen verändern etwas. Nur hat dies in der Schweiz noch keiner beachtet.

Frauen sind irgendwie sozialer – und damit auch teurer: Topmanagerin und hiesige Ausnahmeerscheinung Carolina Müller-Möhl.

Frauen sind irgendwie sozialer – und damit auch teurer: Topmanagerin und hiesige Ausnahmeerscheinung Carolina Müller-Möhl. Bild: Keystone

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Es ist eine leidige Sache. Eigentlich liebt niemand die Quote. Aber auf dem ganzen Kontinent ist sie zum Thema geworden: Von Spanien über Frankreich, Deutschland, Grossbritannien bis Schweden laufen politische Bestrebungen, Quoten einzuführen – und am Sonntag gab EU-Kommissarin Viviane Reding bekannt, dass sie die Konzerne europaweit per Gesetz zu mehr Frauen im Management verpflichten will. Die Schweiz spielt auch hier ihre traditionelle Rolle: Die Idee, die Geschlechter in den Unternehmen staatlich zu regeln, wird hier von keiner Partei, keiner Politikerin engagiert vertreten. (Lesen Sie auch: «Platz für die Damen»)

Zu Recht? Zu Unrecht? Das weiss man jetzt etwas besser. Denn nun gibt es erstmals Daten, die aufzeigen, was ein krass grösserer Frauenanteil in den Teppichetagen konkret bewirkt. Bekanntlich wagte Norwegen als erstes Land das Quotenexperiment: Seit Januar 2008 müssen alle Konzerne, deren Aktien an der Börse von Oslo gehandelt werden, mindestens 40 Prozent Frauen im Verwaltungsrat haben. Und heute, vier Jahre später, liegt eine erste Bilanz vor.

Sie wurde im Dezember veröffentlicht, erarbeitet von zwei amerikanischen Ökonomen. Dabei hatten David Matsa und Amalia Miller die betroffenen norwegischen Firmen mehreren Vergleichen ausgesetzt: erstens mit der Zeit vor der Quote, zweitens mit nicht kotierten norwegischen Unternehmen, drittens mit börsenkotierten Konzernen aus den skandinavischen Nachbarländern.

Frauenfaktor bei den Gewinnen?

Die Unterschiede erscheinen auf den ersten Blick bescheiden. Auf den zweiten Blick aber wird klar, dass mehr Managerinnen unsere Wirtschaft wohl wirklich verändern würden. Denn einerseits konnten Matsa und Miller zwar keine drastischen strategischen Unterschiede feststellen: Ob mehr Frauen, ob weniger – bei Übernahmen, Fusionen, Joint Ventures oder der Gründung von Tochtergesellschaften gingen die verglichenen Konzerne ähnlich vor, Unterschiede wurden nicht fassbar. Und von der Geschlechterverteilung im Verwaltungsrat scheinen auch die Umsätze und die meisten Kostenfaktoren unberührt. (Lesen Sie auch: «Sie sind schlau, ehrgeizig und attraktiv»)

Doch in zwei Feldern schlug es sich plötzlich nieder, dass an der Spitze der norwegischen Grosskonzerne etwas passiert war: Nämlich erstens bei den Personalkosten – und zweitens bei den Gewinnen. Die Firmen mit mindestens 40 Prozent Frauen an der Spitze entliessen weniger Leute; sie hatten höhere Personalaufwendungen; und auf der anderen Seite erzielten sie signifikant weniger Gewinn. Genauer: Die Profitabilität fiel im Schnitt 4,1 Prozent tiefer aus. Da scheint sich also wieder mal das Klischee zu bestätigen: Frauen feuern zurückhaltender, sie sind irgendwie sozialer – und damit auch teurer.

Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit

Wer will, kann aus der norwegischen Erfahrung also ableiten, dass das weibliche Geschlecht vielleicht doch zu nett ist fürs Big Business; oder wer will, kann jetzt folgern, dass Quoten zwar gut für die Mitarbeiter sind – aber schlecht für die Aktionäre. Wenn die Sache nur so einfach wäre. Denn interessanterweise schnitt der Börsenindex von Oslo, der OBX, seit Einführung der Quote um rund 10 Prozent besser ab als der SMI in der Schweiz: ein klarer Unterschied. (Der Vergleich ist zumindest als Orientierung statthaft, da beide Länder nicht in der EU sind, ähnlich durch die Finanzkrise kamen und einen ähnlichen Anstieg der Währung erlebten).

Und so vermuten auch David Matsa, Professor der Kellog School of Management, und Amalia Miller, Professorin der University of Virginia, eine andere Wahrheit hinter ihren Ergebnissen: nämlich, dass sich hier der Graben zwischen männlichem Kurzfrist- und weiblichem Langfristdenken auftut. Immerhin hätten mehrere Experimente nachgewiesen, dass Frauen allgemein längerfristig orientiert sind, so die Autoren: «Die Unterschiede könnten belegen, dass Verwaltungsrätinnen es als profitablere Langfrist-Strategie erachten, die Personaldecke im Unternehmen zu bewahren», schreiben die Quotenforscher. «Was auch immer die Motive sind: Unsere Ergebnisse deuten an, dass es zum weiblichen Führungsstil gehört, die Belegschaft zu halten.» (Lesen Sie auch: «Sie wollen nach oben? Dann vergessen Sie jetzt mal alles, was Sie gelernt haben»)

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(Erstellt: 05.03.2012, 21:24 Uhr)

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«Belegschaft halten»: Amalia Miller, Professorin der University of Virginia.

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