Leben

Der Tod ist ihr näher als der Weg zurück

Von Adrian M. Moser. Aktualisiert am 26.09.2011 23 Kommentare

Seit vergangenem Herbst steht Claudia Meier, Direktorin des Hotels Schwefelbergbad, zu ihrer Transsexualität.

«Früher war ich der unnahbare Knauseri»: Claudia Meier ist heute glücklicher.

«Früher war ich der unnahbare Knauseri»: Claudia Meier ist heute glücklicher.
Bild: Valérie Chételat

In Zug mit weniger Hürden als in Bern

Gemäss dem schweizerischen Zivilgesetzbuch kann der Kanton einer Person die Änderung ihres Namens bewilligen, wenn dafür wichtige Gründe vorliegen. Dies sei bei Claudia Meier nicht der Fall, obwohl mehrere psychologische und psychiatrische Gutachten ihre Transsexualität belegen, befand das Amt für Migration und Personenstand des Kantons Bern (MIP) und wies ihr Gesuch um Namensänderung vom 9. Februar 2011 ab. Die Berner Behörde verlangt unter anderem, dass die Gesuchstellerin seit mindestens zwei Jahren als Frau auftritt. Ausserdem sei die Hormontherapie von Claudia Meier noch nicht weit genug fortgeschritten.

Andere Kantone legen das Gesetz grösszügiger aus. Paul Schmuki, Generalsekretär im Innendepartement des Kantons Zug bestätigte im Juli gegenüber «Schweiz aktuell»: «Wenn eine Person ihre Transsexualität mit einem psychiatrischen Gutachten belegen kann, akzeptieren wir das als wichtigen Grund.» Noch nie habe Zug auf einer Hormontherapie bestanden oder verlangt, dass die gesuchstellende Person das andere Geschlecht schon eine bestimmte Zeit gelebt haben muss.

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Claudia Meier war schon immer eine Frau. Aber erst seit vergangenem November sieht sie auch wie eine aus. Schlank und gross gewachsen ist sie, und die hochhackigen Schuhe lassen sie noch grösser aussehen. Die Direktorin des Hotels Schwefelbergbad fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Haut. Zu den Stiefeln trägt sie Jupe und Strümpfe. Das Rot ihrer kurzen Lederjacke korrespondiert mit jenem des Lippenstifts. Das Einzige, was nicht zu Meiers betont weiblicher Erscheinung passen will, ist die tiefe Stimme. Sie ist eines der letzten Überbleibsel von Andreas Meier.

«Ich war nie er», stellt sie klar. «Er ist das, was für mich Rüstung und Gefängnis war.» Bereits als Kind hat Meier gerne Mädchenkleider getragen. Sie habe gespürt, dass «etwas nicht stimmt». Darüber gesprochen hat sie mit niemandem. Stattdessen hat sie – als Andreas – eine Frau geheiratet und mit ihr ein Kind gezeugt. «Ich wollte wissen, wie es ist als Familie», sagt sie. Natürlich litt sie weiter. Eigentlich habe sie sich ihrer Frau anvertrauen wollen, sagt Meier. Aber es kam nicht so weit. «Ich habe sie gefragt, ob sie für sich behalten kann, was ich ihr sagen möchte», erzählt sie. «Das könne sie nicht versprechen, hat sie geantwortet.» So ging die Ehe zu Bruch, ohne dass Meiers Ehefrau erfahren hatte, was mit ihrem Mann nicht stimmt. Sie tat dies dann Jahre später, im vergangenen Herbst, als Meier sich ihrer neuen Partnerin, ihrem Umfeld und der Öffentlichkeit offenbarte. Nun versuche ihre Ex-Frau ihr das Besuchsrecht für die Tochter zu entziehen, sagt Meier. «Wegen meiner Transsexualität. Das ist diskriminierend.»

Coming-out als Erleichterung

So kam im November 2010 der Tag, an dem Claudia Meier beschloss, aus dem Gefängnis auszubrechen, an dem sie ihrer Partnerin «den Mann ausspannte», wie sie sagt. Dem Hotelpersonal erklärte sie, sie bekämen eine neue Chefin. «Höchste Eisenbahn» sei es gewesen für diesen Schritt. «Denn beinahe», sagt sie, «hätte ich einen Blödsinn gemacht, der mir das Leben gekostet hätte.»

Mit dem Coming-out hatte Meiers Leiden ein Ende. «Früher war ich der unnahbare, komische Knauseri», sagt sie. «Heute bin ich die, die gerne auf die Leute zugeht.» Nun habe sie eine gewisse Leichtigkeit. «Die Leute haben mich gern», stellt sie fest. Mit ihrer Partnerin ist sie weiterhin zusammen. Gleichzeitig mit ihrem Outing hat Claudia Meier eine Hormontherapie begonnen. Von einer geschlechtsanpassenden Operation hat sie bisher abgesehen. Sie habe keine negativen Reaktionen erhalten auf ihren Schritt – dafür Hunderte von positiven, sagt sie.

Andreas bleibt auf dem Papier

Der Grund für die vielen Rückmeldungen war, dass bald verschiedene Medien auf sie aufmerksam wurden. Claudia Meier nutzte die Gelegenheit, ihre Geschichte einem breiten Publikum zu erzählen. Sie tat dies nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn noch stehen ihr auf dem Weg zur Frau einige Hürden im Weg. Eine davon ist der Name. Ihr Pass lautet nach wie vor auf Andreas Heribert Meier. Dies wird sich in näherer Zukunft wohl auch nicht ändern, denn das Amt für Migration und Personenstand des Kantons Bern (MIP) hat Meiers Antrag auf Namensänderung abgelehnt. So muss Claudia Meier auf der Bank, im Zug und wo immer sonst sie sich ausweisen muss weiterhin das Schreiben des Zürcher Instituts für klinische Sexologie und Sexualtherapie zücken, das bestätigt, dass der Mann auf dem Ausweis und die Frau, die ihn in der Hand hält, ein und dieselbe Person sind. «Es tut weh, überall diesen Fackel hervornehmen und sagen zu müssen: ‹Hey, ich bin eine Transe!›», sagt sie.

Das Amt begründet seinen Entscheid unter anderem damit, dass Claudia Meier ihre Transsexualität noch nicht lange genug offen lebe, um sicher sein zu können, dass sich ihr «Zugehörigkeitsgefühl zum anderen Geschlecht» nicht mehr ändere. Dafür hat Meier kein Verständnis. «Der Tod ist mir wesentlich näher als der Weg zurück», sagt sie. «Wieder als Mann leben zu müssen, würde mich umbringen.» Meier hat gegen den Entscheid des MIP Beschwerde eingereicht. Sie wird weiterkämpfen. «Ich musste mich schon immer wehren», sagt sie. «Ich war laut, und ich bleibe laut.» (Der Bund)

Erstellt: 26.09.2011, 12:58 Uhr

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23 Kommentare

Beat Braun

26.09.2011, 14:58 Uhr
Melden 83 Empfehlung

Ich bin ein Mann und kann Transsexualität nicht nachvollziehen. Das heisst aber nicht, dass mir dieser Lebensweg gleichgültig ist. Im Gegenteil. Wieviel Unterdrückung, Kampf und Diskriminierung muss wohl erduldet werden, einfach weil nicht sein soll, was 'man' nicht verstehen kann. So auch das MIB. Beschämend!
Hochachtung all Jenen, die diesen schweren Lebensweg meistern und ihr Glück finden!
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Margot Helmers

26.09.2011, 13:26 Uhr
Melden 75 Empfehlung

Das die Ex Frau das Besuchsrecht für die Tochter entziehen will ist Unverschämt. Die Tochter hat ja schliesslich das Recht die leiblichen Eltern zu sehen. Glaubt die Ex sie wäre Gott, die Allmächtige? Das Amt MIB kommt mir ähnlich vor. Es ist die freie Entscheidung von Frau Meier ihr Leben selbst bestimmen, da hat kein kantonaler Angestellter rein zu pfuschen. Antworten




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