Der Tsunami und ihr Sturm der Gefühle
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 22.12.2009 6 Kommentare
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Das ist keine Liebesgeschichte. Und keine Opferstory. Obwohl sich beides einfach spinnen liesse aus dem, was den Werdegang von Petra Rindova und Rainer Stelzer ausmacht. Doch so simpel ist es nicht. Vielleicht ist es ein Märchen, ein Märchen in allen Schattierungen.
Im Dezember vor fünf Jahren machten beide Ferien in Thailand – ohne sich zu kennen und nur drei Luftkilometer voneinander entfernt. Er mit seiner Frau, mit der er 24 Jahre zusammen war, sie mit dem Mann, der seit vier Jahren ihr Partner war. Dann kam der 26. Dezember und mit ihm der Tsunami. Sie und er überlebten wie durch ein Wunder. Beide verloren aber ihre geliebteste Person, kämpften nach der Rückkehr in die Schweiz monatelang darum, in den Alltag zurückzufinden – und glaubten nicht daran, je wieder eine Form von Normalität leben zu können.
Besseres Leben dank Tsunami
Wenige Monate nach dem Tsunami lernten sie sich kennen, vermittelt von einer Drittperson, die dachte, die beiden könnten einander helfen; zwei Jahre später verliebten sie sich, heute sind sie verheiratet und haben eine 17 Monate alte Tochter. Er ist Direktor der Privatklinik St. Raphael, sie Ärztin am Zürcher Triemli-Spital mit Spezialgebiet Rheumatologie. Ein gut aussehendes, glückliches Paar mit einem ungeheuerlichen Schicksal. Und der Fähigkeit, offen und nüchtern darüber zu reden.
Petra Rindova Stelzer, 41, gebürtige Tschechin, sagt Sätze wie diesen: «Dank dem Tsunami bin ich zu einem besseren Leben gekommen. Ich habe heute einen irrsinnigen Mann und eine oberirrsinnige Tochter.» Fast im gleichen Atemzug sagt sie auch: «Zwei Jahre lang habe ich alle beneidet, die im Tsunami gestorben sind. Ich konnte mir nicht vorstellen, weiterzuleben mit diesen Bildern. Während Wochen war ich wie im Amok.» Schnell spricht Petra Rindova, mit fester Stimme. Auf keinen Fall will sie in «diese Opferschachtel» hineingepresst werden, sagt sie sehr bestimmt. Ihr «löscht es ab», wenn jemand fragt, ob sie den Verlust ihres Partners verarbeitet habe. «Verarbeitet? Wie kann man so etwas fragen? Ich trage das in mir. Aber es ist Vergangenheit, ich gehe heute einen neuen Weg.»
Ähnlich umschreibt Rainer Stelzer, 49, seine Situation: «Ich führe jetzt ein gutes, neues Leben. Petra und ich haben die Vergangenheit hinter uns gelassen. Wir haben gesagt, ja, wir sind noch da. Und wollen weiter. Neu starten.»
Verdrängen geht nicht
Wie kann man weitergehen und heilen, wenn einen die gleiche Wunde quält? Vertieft das nicht den Schmerz? Muss man schlicht verdrängen? Verdrängen könne man das Geschehene nicht, sagen beide. Im Gegenteil: Petra Rindova hätte oft über das Erlebte reden wollen, erzählen wollen von den «abgerissenen Armen, den aufgeblasenen toten Säuglingen, dem ganzen Horror», der damals ablief. Noch heute steigen ihr Tränen in die Augen, wenn sie sich erinnert, wie sie drei Tage lang ohne Schuhe und Brille herumgeirrt ist nach dem Tsunami, um schliesslich auf einem Tempelgelände, das übersät war mit 500 Leichen, stundenlang neben brennenden Särgen zu kauern und aufzupassen, dass das Feuer sämtliche körperlichen Überreste ihres Partners aufnahm. Danach klaubte sie die Knochen aus der Asche. Vier Tage nach der Katastrophe sass sie im Flugzeug zurück nach Zürich, in der Handtasche die Urne ihres Partners. «Wer will so etwas hören? Wer konnte das ertragen? Wen konnte ich ertragen?» Petra Rindova geriet in der Schweiz in einen zweiten Tsunami, verlor den Boden komplett. «Ich werfe niemanden etwas vor. Ich war eine offene Wunde. Und realisierte: Ich bin allein mit all dem.»
Während sie bereits im «Zischtigs-club» als Tsunami-Opfer auftrat und vom Verlust ihres Partners sprach, suchte Rainer Stelzer in Thailand noch immer nach seiner Frau. Er schaute sich Hunderte von Toten an. Noch vor Ort gründete er mit anderen Schweizer Überlebenden einen Selbsthilfeverein. «Wir kannten uns nicht, doch das Schicksal band uns zusammen. Einander zu helfen, war die einzige Variante, um zu überleben.»
Angst vor einer Welle in Zürich
Zu Hause angekommen, engagierte sich Stelzer aktiv im neu gegründeten Verein Tsunami-Opfer Schweiz und erlebte unter Mitbetroffenen erstmals seit der Katastrophe heitere Momente. «Jemand, der nicht gesehen und erlebt hat, was ich gesehen und erlebt habe, kann nicht nachvollziehen, wie es mir ging.» Der Verein und ein neuer Job gaben ihm Inhalt. Dennoch. Er habe wie «ein Zombie» gelebt im Jahr 2005. Drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. Eine unendliche Trauer über den Verlust seiner Frau, der er eine Art Altar in der Wohnung einrichtete. «Der Wahnsinn.» Er reiste mehrmals nach Thailand, konfrontierte sich bewusst mit dem Geschehenen.
Auch Petra Rindova flog 2005 vier- mal nach Thailand. Sie besuchte das Spital, wo sie wenige Stunden nach dem Tsunami als ärztliche Profi-Kraft improvisiert hatte, traf thailändische Bekannte. Zu Hause, in Zürich, blickte sie noch Monate nach dem Unglück jeweils auf die Seeseite, wenn sie beim Belle-vue vorbeifuhr, «um zu checken, ob da keine Welle kommt». Ob Höngg hoch genug liege, falls eine Welle käme, fragte sie sich und träumte von Wasserfluten.
Als sie, durch einen Bekannten, auf den Vereinsgründer Stelzer aufmerksam gemacht wurde, dachte sie: «Ich habe zwar keine Lust, aber vielleicht kann ich ihm ja helfen.» Sie, die sich von ihrem Partner noch vor Ort hatte verabschieden können, wollte ihm Beistand leisten auf seinem Weg des Abschieds von seiner Frau. Erst Monate nach der Katastrophe erfuhr er vom Fund ihres Leichnams und reiste nach Thailand, um sie zu identifizieren. Er erkannte die Fussknochen. Und liess seine Christine kremieren.
Schmerz und Glück in einem
Petra Rindova begegnete er bei einem Treffen von Tsunami-Überlebenden erstmals. Doch die Ärztin fühlte sich unwohl in diesem Kreis. «Mir ging der Aktivismus total auf die Nerven. Ich musste mich abgrenzen.» Gefühle empfanden die beiden damals nicht füreinander. «Es war nicht der Zeitpunkt für so etwas», sagt er; «ich hatte keinen Bock auf eine Beziehung», sagt sie. Erst mehr als zwei Jahre nach der Tragödie erwachten bei beiden erste Gefühle.
Wie war dieser Moment, als sie sich ihre Emotionen eingestanden? Kamen Verlust- und Trauergefühle hoch? Oder gar ein schlechtes Gewissen den Verstorbenen gegenüber? Beide verneinen. Es sei einfach plötzlich wieder möglich gewesen, etwas zu fühlen. Dass sie wussten, wie es dem anderen ergangen war, half, ohne grosse Aufarbeitungsphasen einen Neuanfang zu schaffen. Der Tsunami war eine Art Basis für die Beziehung. «Mit einer anderen Frau hätte ich viel später erst loslassen können», sagt Rainer Stelzer.
Vor einem Monat verbrachte das Paar zusammen mit der 17 Monate alten Tochter Ferien im Tsunami-Gebiet. Sie besuchten die Schauplätze ihres persönlichen Horrors. «Es war gut. Es war schön. Und machte uns stolz: Was wir diese letzten fünf Jahre erreicht haben», sagt Petra Rindova. Und Rainer Stelzer setzt hinzu: «Wir realisierten, dass Schmerz und Glück verschmelzen, dass sie gleichzeitig da sein können. Diese Erfahrung macht uns reich.»
Alltag gelassen angehen
Das Ehepaar ist inzwischen zurück im Alltag. Im Garten ihres Hauses steht eine thailändische Figur, «nicht mit einer bestimmten Bedeutung verbunden, sie gefällt uns einfach und passt dorthin», so Rainer Stelzer. Seinen alten und den Ehering seiner verstorbenen Frau bewahrt er auf, am Finger glänzt der aktuelle. In ihrem heutigen Leben finde man keine sichtbaren Spuren der Vergangenheit, glaubt Petra Rindova. «Klar sind irgendwo ganz schlimme Fotos, aber zuunterst in einer Schublade. Wir leben normal – es wäre ein Vorurteil, zu behaupten, wir befänden uns noch immer in einem Trauma.»
Wenn sie etwas verunsichert, dann die Vorstellung, ihrer Tochter könnte der Stempel des «Kindes der Tsunami-Opfer» aufgedrückt werden. «Der Tsunami ist Teil unserer Geschichte, unsere Tochter aber soll unbeschwert davon aufwachsen.»
Im Alltag angekommen
Hat die Katastrophe denn grundsätzlich etwas verändert in ihrem Leben? Die beiden blicken sich an, lächeln. Doch, sie ärgern sich inzwischen wieder über kleine Widrigkeiten des Alltags, kennen gute und schlechte Launen, stolpern ab und zu über Lappalien. Aber, sagt Rainer Stelzer, über allem schwe- be eine grössere Gelassenheit. Und im tiefsten Herzen die Erkenntnis, dass es immer weitergeht. Irgendwie. Und manchmal besser, als man denkt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.12.2009, 14:11 Uhr
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6 Kommentare
Ja, das war wirklich eine Katastrophe, so wie sie Gott sei Dank selten vorkommt. Schön, dass sich zwei Menschen gefunden haben, die beide dasselbe Schicksal durchmachten. Die Verarbeitung der Trauer ist ja ein ganz persönliches 'Ding'. Sie kann einige Tage, Wochen, aber auch Jahre dauern. Das weiss bestimmt niemand im Voraus. Niemand hätte das Recht, jemanden deswegen zurecht zu weisen. Antworten
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