Leben

Der Vorteil der Frau

Von Bettina Weber. Aktualisiert am 21.09.2011 47 Kommentare

Frauen sollten in ihr Aussehen investieren, wenn sie beruflich vorwärtskommen wollten, sagt eine englische Soziologin. Sie nennt das «erotisches Kapital». Reaktionärer Unsinn, finden Kritikerinnen.

Umstrittene These: Körperliche Vorzüge zur Geltung zu bringen, zahle sich für Frauen im Berufsleben aus, schreibt die Soziologin Catherine Hakim.

Umstrittene These: Körperliche Vorzüge zur Geltung zu bringen, zahle sich für Frauen im Berufsleben aus, schreibt die Soziologin Catherine Hakim.
Bild: Machiel Botman (Agence VU)

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Selbst wenn sie aus einem Telefonbuch vorgelesen hätte, soll einst ein Mitarbeiter über Micheline Calmy-Rey gesagt haben, wären die Zuhörer gebannt an ihren Lippen gehangen. Dass die abtretende Magistratin während Jahren die höchsten Beliebtheitswerte der Landesregierung für sich verzeichnete, ist deshalb nicht verwunderlich. Micheline Calmy-Rey wusste sich zu inszenieren. Auch und erst recht äusserlich. Sie versteckte sich nicht wie viele Frauen in Politik oder Wirtschaft hinter Uniformen in gedeckten Tönen, die das eigene Geschlecht möglichst neutralisieren. Sie betonte ihre Weiblichkeit. Dezent zwar. Aber sie trug stets hohe Absätze, und mit ihrem Lächeln bodigte sie jeden.

Das, was Micheline Calmy-Rey unabhängig von ihrer Politik so beliebt und einzigartig gemacht hatte, würde Catherine Hakim, Soziologin der London School of Economics, erotisches Kapital nennen. Sie lehnt sich dabei an die Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu an, der drei Faktoren als ausschlaggebend für Erfolg nannte: ökonomisches Kapital (Geld), humanes Kapital (Intelligenz oder Bildung) und soziales Kapital (Kontakte bzw. Netzwerk). Hakim sagt: Sträflich vernachlässigt sei bis jetzt der vierte Faktor worden, eben das erotische Kapital. Und gerade Frauen müssten sich dieses zunutze machen, vor allem im Beruf.

Das männliche Sex-Defizit nutzen

Mit erotischem Kapital meint Hakim nicht zwingend Sex-Appeal, nicht einen kurzen Rock beim Vorstellungsgespräch, obschon sie dagegen nichts einzuwenden hätte, sie ist in dieser Hinsicht sehr unideologisch. Sie meint auch nicht Schönheit, selbst wenn die natürlich hilfreich ist. Das erotische Kapital ist eine ziemlich diffuse Mischung aus Charme, Stil, Sozialkompetenz und einnehmendem Wesen – letzten Endes geht es aber ums Äussere. Genau das, sagt Hakim, sollte nicht unterschätzt, sondern strategisch zum eigenen Vorteil genutzt werden. Sie fordert die Frauen auf, ihr Erscheinungsbild zu optimieren, gar sehr konkret darin zu investieren und die körperlichen Vorzüge zur Geltung zu bringen, das würde sich auszahlen. Und zwar wegen des «male sex deficit»: Weil Männer mehr Sex wollten als Frauen, reagierten sie heftiger auf Attraktivität, wovon Frauen profitieren würden.

Als Hakim ihre Theorie letztes Jahr in einem Artikel in einem Fachmagazin erläuterte, gingen die Wogen hoch. Jetzt doppelt sie mit einem ganzen Buch («Honey Money – The Power of Erotic Capital») zum Thema nach, und die Wogen gehen noch höher. Der Tenor lautete: Was Hakim da schreibt, ist reaktionär. Weil es die alten Geschlechterstereotype zementiere: Frauen müssten gefallen, und Männer seien triebgesteuert.

«Früher nannte man das Persönlichkeit»

Claudia Honegger, emeritierte Professorin für Soziologie an der Uni Bern, kann Hakims Theorie ebenfalls nicht viel abgewinnen. Sie sagt: «Das ist keine Theorie, das ist Unsinn.» Wenn dem so wäre, wenn also der Einsatz des erotischen Kapitals tatsächlich funktionieren würde, dann müsste es längst viel mehr Frauen in Top-Positionen geben. Und dann wären Politikerinnen und Wirtschaftsfrauen allesamt besonders schön oder sexy oder charismatisch. Sind sie aber nicht. «Hakim tut so, als ob mit der Investition ins Aussehen alle Probleme der Frauen gelöst wären. So einfach ist es aber leider nicht.» Und Micheline Calmy-Rey? «Das hat doch nichts mit erotischem Kapital zu tun – früher nannte man das einfach Persönlichkeit. Zudem hat sie Charme, Eleganz und ein modisches Flair».

Hakim untermauert ihre Theorie mit Zahlen, unter anderem mit Untersuchungen, die besagen, dass attraktive Menschen zwischen 10 und 15 Prozent mehr verdienten, schneller Karriere machten und selbst vor Gericht milder bestraft würden. Sie behauptet sogar, dass im öffentlichen Sektor – mit Ausnahme der Politik – weniger attraktive Menschen arbeiten würden, da man sich dort im Unterschied zur Privatwirtschaft nicht verkaufen müsse.

In der Dienstleistungsgesellschaft ist das Äussere wichtig

Claudia Honegger stellt die Untersuchungsresultate bezüglich der Wirkung von Attraktivität infrage, da sich das Phänomen kaum soziologisch messen lasse. Aber sie bestreitet nicht, dass sich ein erfreuliches Erscheinungsbild positiv auswirkt. Körperlichkeit und Selbstpräsentation seien auch in der Schweiz seit der Entwicklung zum Dienstleistungsland wesentlich wichtiger als früher. Die Berufswelt sei verweiblicht worden – was seit je für Frauen gegolten habe, gelte seitdem auch für Männer: Ein gepflegtes Äusseres sei unabdingbar. Allerdings sei es stark branchenabhängig, inwiefern die Verpackung eine Rolle spiele.

Ganz so unrecht scheint Hakim demnach nicht zu haben. Die amerikanische Kleiderkette American Apparel jedenfalls sorgte vor geraumer Zeit für einen Sturm der Entrüstung, als durch die Veröffentlichung interner Memos bekannt wurde, dass von der Chefetage die Weisung erlassen worden war, nur «attraktives Verkaufspersonal» einzustellen – was allerdings für beide Geschlechter galt. Inge Schütz, Geschäftsführerin des Verbands Wirtschaftsfrauen Schweiz, gibt unumwunden zu: «Einer attraktiven Person hört man gerne zu, sie hat mehr Glaubwürdigkeit, sieht schon erfolgreicher aus als eine unscheinbare Person.» Allerdings: «Ist man aber zu attraktiv, zu beliebt, zu jung, zu hübsch und intelligent, ist Neid ein Faktum. Dann wird schnell gesagt, die Person sei nur durch Beziehungen aufgestiegen.» Genau das kritisiert Hakim scharf. Sie geht hart ins Gericht mit dem Feminismus, der ihrer Meinung nach den Frauen beigebracht habe, ihre Weiblichkeit so stark wie möglich zu verstecken – weil eine Frau entweder schön oder klug sein könne, aber eben nicht beides gleichzeitig. Damit, sagt Hakim, habe sich der Feminismus nicht nur auf die Seite des Patriarchats geschlagen, sondern den Frauen grundsätzlich einen Bärendienst erwiesen.

Lieber schön als klug

Und auch da ist durchaus etwas dran: Noch immer gilt eine kluge Frau, die gleichzeitig schön ist, als eine Art Sonderfall, legt sie dann noch auf ihr Aussehen Wert, trägt Stöckelschuhe und knallroten Lippenstift, fällt hinter vorgehaltener Hand schnell der Begriff «Tussi». Hakim rät deshalb zu mehr Selbstbewusstsein. Und denjenigen Frauen, die über eine schlechte Ausbildung verfügen, erst recht, voll auf die Karte erotisches Kapital zu setzen. Als Vorbild erwähnt sie Katie Price, das britische Glamourmodel, das als Boxenluder berühmt wurde und dank mehrfachen Brustvergrösserungen Millionen verdient. Hakim findet das gut – man müsse sich der Möglichkeiten bedienen, die einem zur Verfügung stünden.

Könnte man Hakims Ansatz also nicht einfach pragmatisch nennen? Weil Vorgesetzte immer noch meist männlich sind und fast alle berufstätigen Frauen die Erfahrung machen, dass diese mitunter eher auf ein hübsches Gesicht oder ein Décolleté reagieren als auf hervorragende Qualifikationen? Und dass deshalb, wer clever ist, diese Tatsache nicht ignoriert? Junge Frauen zumindest scheinen diese Ansicht längst verinnerlicht zu haben. Untersuchungen zufolge möchten sie lieber schön als klug sein, und sie sehen darin nichts Verwerfliches. Die sechzehnjährige Katharina Weiss etwa, die mit ihrem Erstling einen «Spiegel»-Bestseller landete, erklärte im April im TA-Interview zu ihrem neuen Buch «Schön!?»: «Es ist nun mal nicht jeder Einstein. Und da denkt man sich eben, dass es schon hilfreich sein könne, gut auszusehen. Es öffnet einem viele Türen.»

Fatale Botschaft der Werbung

Weiss scheint damit Natasha Walter recht zu geben, der Autorin von «Living Dolls». Diese prangert in ihrem hochgelobten Buch die Sexualisierung junger Mädchen an, die fatale Botschaft von Medien und Werbung, dass nur eine sexy Frau eine gute Frau ist. Julia Onken, Psychologin und Autorin, findet diese Entwicklung verheerend. «Wenn sie einer Frau sagen, sie solle in Schönheit investieren, dann ist das eine Aktie, die mit den Jahren kontinuierlich an Wert verliert. Eine fünfzigjährige Frau, die immer noch kokett sein will, ist einfach nur peinlich.» Auch Onken räumt ein, dass sie Menschen, «die dem Auge wohl gefallen, lieber ansieht», sie sich aber entschieden dagegen wehrt, dass Frauen in der Berufswelt erotisch stimulierend sein sollen: «Das ist entwürdigend.»

Hakim versteht die Aufregung um ihr Buch nicht. Für sie geht es um eine besondere Form von Macht, über die nur Frauen verfügten. Die zunehmende Sexualisierung mag sie deshalb nicht kritisieren: «Let’s relax. Weshalb gegen den Strom schwimmen, wenn es mit dem Strom einfacher geht?» Abgesehen davon sei die Herkunft weitaus entscheidender für eine erfolgreiche Karriere – und daran könne man nichts ändern. Das sei unfair. Aus sich etwas machen könne indes jede. Und sie zitiert Schönheitsunternehmerin Helena Rubinstein, die einst gesagt hatte: «Es gibt keine hässlichen Frauen. Nur faule.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2011, 10:53 Uhr

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47 Kommentare

Tomas Houda

21.09.2011, 11:45 Uhr
Melden 85 Empfehlung

Eine Fünfzigjährige kann sehr wohl weiblich, gepflegt und attraktiv wirken, ohne "kokett" oder "peinlich" zu sein.
Nur haben es die meisten Frauen dank dem Feminismus verlernt.
Antworten


Charles Eggstein

21.09.2011, 11:17 Uhr
Melden 60 Empfehlung

Hübsche Frauen werden von Männern automatisch besser behandelt als weniger schöne. Es ist leider so. Glaube nicht, dass wir Männer stolz darauf sind, aber es liegt in unserer Natur. Männer, egal ob single oder liiert, sind einfach gerne von gut aussehenden Frauen umgeben. Antworten




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