Der falsche Mythos

Mehr Lohn, mehr Krippen, mehr Gleichberechtigung: Frankreichs Mütter gelten als erfolgreicher und zufriedener als alle anderen Europäerinnen. Doch was ist davon wirklich wahr?

Ein tolles Land für erwerbstätige Mütter! Präsidentengattin Carla Bruni mit ihrem Kind beim Verlassen der Geburtsklinik (23. Oktober 2011).

Ein tolles Land für erwerbstätige Mütter! Präsidentengattin Carla Bruni mit ihrem Kind beim Verlassen der Geburtsklinik (23. Oktober 2011). Bild: AFP

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Frankreich ist Europameister im Kinderkriegen (im Durchschnitt zwei Kinder pro Frau), trotzdem sind so viele Frauen wie sonst nirgends berufstätig (65 Prozent). Also muss es doch ein tolles Land für erwerbstätige Mütter sein! Mit genug Krippenplätzen! Mit denselben Karrierechancen für Männer und Frauen! So ist oft die Meinung, denn Frankreich wird immer wieder als Vorbild präsentiert, wenn es um Jobs und Möglichkeiten für Frauen geht. Es ist höchste Zeit, dieses Bild zu revidieren.

Nicolas Sarkozys Baustellen betreffend Lohngleichheit, Work-Life-Balance und Familien ergänzende Betreuung sind, seit seiner Wahl zum Präsidenten vor fünf Jahren, nicht weniger geworden. Auch wenn er mit seinem Gleichstellungsgesetz in Unternehmen erfolgreich war – als Europas Spitzenreiter sind heute 20 Prozent der Verwaltungsratssitze von Frauen besetzt, im Gegensatz etwa zu 3 Prozent in Deutschland –, so zeigt die Bilanz dennoch, dass es weiterhin viel zu tun gibt.

Versprochen ist versprochen – oder auch nicht?

Darüber, ob das Land einen neuen Präsidenten braucht, wird das Volk in einer ersten Runde diesen Sonntag entscheiden, und spätesten am 6. Mai wird der Präsident für die Periode von 2012 bis 2017 feststehen. Sicher ist, dass der zukünftige Staatschef in vielen Bereichen Veränderungen anstreben muss, wenn er die Gleichstellung von Frau und Mann garantieren will.

So wollte die Regierung Sarkozy 2007 noch 350'000 Krippenplätze kreieren und garantieren, 2009 waren es nur noch 180'000, jedoch ohne Garantie. Auch ist die Frauenquote in den Chefetagen der Privatwirtschaft zwar hoch, die Regierung selber ist aber ein schlechtes Vorbild: Von einem Verhältnis von fünfzig zu fünfzig sank der Frauenanteil im Regierungsteam auf weniger als 10 Prozent innerhalb von ein paar Jahren. (Lesen Sie auch: «Rachida Datis Rückkehr in Wildleder-Pumps»)

Egalité?

Obwohl in Verwaltungsräten besser vertreten als anderswo, verdienen Französinnen im Durchschnitt 27 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Als Vergleich: In der Schweiz liegt der Lohnunterschied gemäss letzten Untersuchungen bei weniger als 10 Prozent.

Die Babypause, die je nach Dauer auch in Frankreich die Karrierechancen von Müttern mindert, soll gemäss Nicolas Sarkozy (rechtsliberale UMP) zur Weiterbildung genutzt werden. Der sozialistische Gegenkandidat François Hollande hingegen möchte die schlecht ausgebildeten und arbeitslosen Mütter mit staatlich subventionierten Ausbildungen unterstützen. (Lesen Sie auch: «Die Frau, die aus einem Pudding einen Mann machte»)

Ausserdem scheint der Mutterschaftsurlaub in Frankreich den meisten zu lang und soll deshalb umverteilt werden. Zum Verständnis: In Frankreich kann sich eine Mutter je nach Anzahl Kinder zwischen 16 und 34 Wochen beurlauben lassen. Nun schlägt Sarkozy vor, der Urlaub soll in den ersten 15 Jahren nach Bedarf eingezogen werden können, beispielsweise wenn Prüfungen oder ein Schulwechsel anstehen. Die Grünen sind der Meinung, dass mindestens 20 Prozent des Urlaubs von den Vätern bezogen werden müsse. Sie sind übrigens die einzigen, die überhaupt das Thema «Väter» in ihrem Programm ansprechen.

Nur nicht zu früh freuen!

Sämtliche Kandidaten sind sich einig, dass das Angebot an Krippenplätzen erhöht werden muss. Die Anzahl schwankt zwischen 500'000 (die linksradikale Front de Gauche) und gar keiner fixen Zahl (Hollande), weil dieser «keine Versprechen machen will, die er nicht halten» könne. Natürlich ist auch in Frankreich die «Herdprämie», ähnlich wie in Deutschland, ein Thema. Wie die rechte Front national diesen Elternlohn von etwas über 1000 Euro pro Monat finanzieren will, erläutert Marine Le Pen jedoch auch nicht. So sollten sich Frauen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, nicht zu früh freuen.

Die Gleichstellung bei Kaderstellen wird lediglich von der UMP angesprochen, welche die Unternehmen dazu auffordert, bis zu 40 Prozent Frauen in Kaderpositionen einzustellen. Wie diese Massnahme umgesetzt werden soll, präzisiert das Programm indes nicht, was wiederum den Verdacht nahelegt, dass es sich hier lediglich um Stimmenfang bei der weiblichen Wählerschaft handelt.

Die Frau, die auch in Frankreich immer noch den Löwenanteil der Erziehungs- und Hausarbeit übernimmt, steht für keine der Parteien im Jahr 2012, inmitten der Wirtschaftskrise im Vordergrund. Sporadisch wird sie zwar erwähnt, die Grünen sprechen sich sogar für eine Gender-neutrale Erziehung in der Schule aus, um späteren Nachteilen vorzubeugen, doch die Gleichberechtigung der Geschlechter scheint im Wahljahr keinen prioritären Programmpunkt darzustellen.

Was Französinnen wirklich wollen

Natürlich sind Lohngleichheit und Krippenplätze wichtige Themen, doch der Alltag der Französinnen wird auch durch «Details» gekennzeichnet. Eine unrepräsentative Umfrage bei Bekannten zeigt, dass sich Mütter in Frankreich beispielsweise Schulen wünschen, die nicht bereits um 16 Uhr ihre Tore schliessen. Das Prinzip der Ganztagesschule und somit der verbesserten Karrierechancen von Müttern, welches das Image Frankreichs bei uns Schweizer Müttern derart verzerrte, ist hinfällig, wenn Frauen bereits um drei das Büro verlassen sollen, um für ihre Sprösslinge da zu sein. Auch ist für Frankreichs Mütter der schulfreie Mittwoch ein Karrierehindernis, und die vielen Hausaufgaben (mindestens 90 Minuten täglich bereits in der Primarschule), die sie zusammen mit den Kindern erledigen müssen, sind ein Nervenkrieg.

Wer jetzt denkt, Papa könne aushelfen, irrt sich gewaltig. Der französische Mann ist auch 2012 seinem Macho-Image treu und überlässt die Erziehung «maman». Und das wird sich auch mit einem neuen Präsidenten nicht so schnell ändern.

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(Erstellt: 19.04.2012, 21:21 Uhr)

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