Der neue Trend: Esst weniger Fleisch!

Vegetarismus ist wieder in: Das Buch «Das Omnivoren-Dilemma» hat in den USA die Essgewohnheiten unzähliger Menschen verändert. Nun erscheint es erstmals auf Deutsch und hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Autor Philipp Löpfe begeistert.

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Selbst auf die Amerikaner ist kein Verlass mehr: Anstatt bergeweise Hamburger zu futtern und tonnenweise Pizzas zu verschlingen, wird neuerdings in US-Städten wie New York biologisches Obst angepflanzt und werden Hühner auf Balkonen und Dachterrassen gehalten. Derweil pflanzt die Gattin des Präsidenten im Garten des Weissen Hauses biologisches Gemüse an, und ausgerechnet im Land der Fetten und Dicken erscheinen Bücher wie Jonathan Safran Foers «Tiere essen» oder Michael Pollans «Das Omnivoren-Dilemma».

Pollans Buch, das Mitte Januar erstmals in einer deutschen Übersetzung erscheint, zeigt auf, wie sich eine industrielle Landwirtschaft, die auf Öl und Mais basiert, unterscheidet von einer biologischen Landwirtschaft, deren Grundlage Sonne und Gras sind. Pollans Buch rangierte jahrelang in der Bestseller-Liste der «New York Times» und hat die Essgewohnheiten zumindest der linksliberalen Amerikaner beeinflusst.

Nie richtig anerkannt

Ob Foers oder Pollan, die Bücher sind nicht nur brillant geschrieben, sie zeigen auch auf, was zu einem dominierenden Thema der modernen Gesellschaft geworden ist: Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Lebensstil. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges verändert. Vegetarier gibt es schon seit mehr als hundert Jahren. Sie haben uns die Reformhäuser, die Birchermüesli und die Freikörperkultur beschert, aber im Boom der Nachkriegszeit sind sie völlig aus der Mode gekommen. In den 70er-Jahren tendierte das Publikum in vegetarischen Restaurants in Richtung Ü60. Damals war der typische Vegetarier der schräge Onkel, der sich noch an die Zeiten erinnern konnte, als der Monte Verità in Ascona ein Hort der Alternativkultur und kein Banken-Tagungsort war. Oder die spleenige Tante, die für Drittwelt-Basars weibelte und leider den richtigen Mann nicht gefunden hatte.

Mit den Hippies kam es in der Nach-68er-Ära zu einem Mini-Revival der fleischlosen Ernährung. Doch die jungen Vegetarier wurden nie so richtig anerkannt, sondern sie wurden als «Chörnlipicker» und «Baumumarmer» verspottet oder gar als lustfeindliche «Holz-Wolle-Bast»-Moralisten verunglimpft. In der Spassgesellschaft der 90er-Jahre dann war es vor allem wichtig, wie viele Punkte ein angesagter Küchenchef im Gault Millau hatte. Die Frage nach Tierfabriken oder ob es moralisch vertretbar sei, Foie gras zu verzehren, überliess man militanten Tierschützern.

«Meat free monday»

Jetzt ist fleischlose Ernährung wieder im Aufwind. Vegetarische Menüs sind in jedem Restaurant eine Selbstverständlichkeit geworden. In Lokalen wie dem Hiltl in der Zürcher Innenstadt trifft man auf ein junges und sehr gestyltes Publikum, das an Flachbildschirmen twittert und sich am reichhaltigen Buffet seinen Teller selbst zusammenstellt, allerdings zu Apotheker-Preisen. Selbst an der Langstrasse werden nicht mehr Kebab-Stände neu eröffnet, sondern Imbissbuden für Hardcore-Veganer.

Und in den Unternehmenskantinen wird dem «meat free monday» eine grosse Zukunft vorausgesagt. So wie man am «casual friday» keine Krawatte mehr trägt, wird montags in der Kantine nicht mehr Spaghetti bolognese oder Geschnetzeltes mit Reis serviert, sondern thailändisches Gemüse-Curry oder Quiche Lorraine mit Salat. Zuvor hat die PR-Abteilung die Belegschaft darüber informiert, wie viele Tonnen CO2 das Unternehmen dadurch jährlich einspart.

Hey, das ist ein guter Trend

Wie ist der neue Trend zu erklären? Es gibt verschiedene Ursachen: Nach wie vor ist das Schlachten von Tieren keine appetitliche Angelegenheit und die Massentierhaltung ist etwas, worauf die Menschen nicht stolz sein können. Zudem hat die anhaltende Diskussion über den Klimawandel dazu geführt, dass auch die ökologischen Folgen des Fleischessens bewusster geworden sind. Um ein einziges Kilo Rindfleisch herzustellen, braucht es etwa zehnmal so viele Kalorien, wie wenn man sich pflanzlich ernähren würde. Dazu kommen noch 15’000 Liter Wasser. Schliesslich ist der Verzehr von Fleisch gesundheitlich umstritten, Vegetarier haben eine höhere Lebenserwartung.

Und hey: Für einmal ist das ein guter Trend. Weniger Fleisch essen nützt allen: den Tieren, der Umwelt und unserer Gesundheit. Also worauf warten Sie noch? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.12.2010, 19:03 Uhr)

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Scheint einen gewissen Sex-Appeal zu haben: Aufruf zum Vegetarismus durch die Tierschutzorganisation Peta. (Bild: Keystone )

Jahrelang auf der Bestseller-Liste der «New York Times»: «Das Omnivoren-Dilemma».

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