Der rettende Riecher bei Diabetes

Diabetes-Warnhunde können schwankende Zuckerwerte im Blut frühzeitig riechen. Besonders für Kinder kann das im Notfall lebensrettend sein.

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Der siebenjährige Sascha liegt flach auf dem Boden. Er mimt die lebensbedrohliche Unterzuckerung, eine Hypo­glykämie, die zu Koma und Tod führen kann. Bläss, der Entlebucher Sennenhund, sollte nun eigentlich das «Täschli» mit der Zuckerlösung bringen. Doch Bläss schnüffelt übereifrig in allen Ecken, nur nicht dort, wo das «Täschli» liegt. Zu viele Leute, zu viele Stimmen im Kurslokal im luzernischen Beromünster – und das lange Objektiv des Fotografen ist besonders interessant. «Das macht Bläss sonst besser», sagt der Vater. Sechsmal, jeweils für ein ganzes Wochenende, fährt die Familie vom Baselbiet, wo sie einen Bauernhof bewirtschaftet, zum Workshop nach Beromünster. Hier wird gemeinsam mit anderen Betroffenen gezeigt, was daheim geübt wurde, und man lernt Neues dazu.

Die Nacht ist gefährlich

Seit drei Jahren weiss Sascha, dass er Diabetes Typ 1 hat. Die chronische Krankheit kam bei ihm völlig überraschend, der Grund dafür ist unbekannt. Vieles ist seitdem anders, die Diabetes bestimmt den Alltag. Vor jedem Essen muss sich Sascha in die Fingerkuppe stechen, um mit einem Gerät den Blutzucker zu messen – vor dem Sport, vor jeder Anstrengung, bei Stress. Er wird dies sein Leben lang tun müssen. Ist der Wert zu hoch, spritzt er sich Insulin, ist er zu tief, nimmt er Kohlehydrate zu sich. Besonders in der Nacht schwanken bei ihm die Werte. Was brandgefährlich ist, weil Ohnmacht droht und Hilfe vielleicht zu spät kommt. Zurzeit stehen die Eltern mehrmals in der Nacht auf und kontrollieren die Zuckerwerte.

Doch das soll demnächst Bläss übernehmen. Er hätte die Aufgabe, Sascha bei Unregelmässigkeiten mit der Schnauze zu stupsen, zu bellen und zudem die Eltern zu wecken. Da ein Hund keinen Tiefschlaf kennt wie wir und er auch in der Nacht auf «Stand-by» ist, entgeht ihm ohnehin keine Abweichung von der Normalität. Und seine Nase ist so empfindlich, dass sie Zuckerwerte an der Haut und im Atem viel schneller riecht, als sie das Messinstrument im Blut nachweisen kann. Doch so weit ist der achtjährige Entlebucher noch nicht. Die Anforderungen sind hoch, die Übungen komplex, und noch ist die sechsmonatige Ausbildung zum Assistenzhund nicht abgeschlossen. Auch zu Hause muss Sascha mit Bläss konsequent üben, sonst bleibt die Sache ein Vabanquespiel.

Erkennen ist nur die eine Sache

Geübt wird an diesem Wochenendkurs vor allem mit Tüchern und T-Shirts, welche die Betroffenen bei einer Unterzuckerung getragen haben. Sie werden als kontaminierte Geruchsgegenstände zusammen mit anderen Stoffresten im Raum versteckt. Findet der Hund das besagte Tuch und bringt es dem jeweiligen Besitzer, gibts eine Belohnung. So wird der Hund auf den Geruch der Unterzuckerung konditioniert. Doch das Erkennen ist nur die eine Sache. Schwieriger wird es, wenn der Hund lernen muss, zu stupfen oder zu bellen. «Patient und Hund bilden ein enges Team, man muss die Abläufe täglich üben, dass sie im Ernstfall abrufbar sind», sagt Sandra Lindenmann, Leiterin des Assistenzhundezentrums Schweiz, welches die Ausbildung bisher als Einzige in der Schweiz anbietet. «Erst nach eineinhalb Jahren ist der Hund so weit, dass er verlässlich agieren kann.» Sandra Lindenmann hat die Therapiemethode in Deutschland erlernt, wo Hunde auch für Anfallserkrankungen wie Epilepsie geschult werden. Rund 30 Diabetiker-Warnhunde hat sie bisher ausgebildet. Am Schluss steht jeweils eine Prüfung, die von externen Experten abgenommen wird.

Die Fähigkeit zum Riechen von lebensbedrohlichen Zuckerwerten ist nicht rassespezifisch: «Man könnte meinen, dass ein Hofhund wie ein Entlebucher nicht unbedingt der typische Assistenzhund ist», sagt die Kursleiterin. «Aber viel wichtiger als die Rasse ist der Charakter des Hundes. Er muss menschenzugewandt sein und ein gutes Sozialverhalten zeigen. Gehorsamkeit ist ganz wichtig. Dennoch sollte er selbstständig arbeiten können.» Ein Schäferhund etwa, der zwar sensibel die dramatische Situation seines Herrn erkennt, dann aber niemanden an ihn heranlässt, wenn Hilfe kommt, ist sicher kein guter Assistenzhund.

Keine spontane Glace

Bläss hingegen entwickelt sich vielversprechend. Klar, sei die Krankheit manchmal lästig, meint Sascha. Für eine spontane Glace, wie sie sich seine Kameraden zwischendurch gönnen, muss er sich zuerst mit einer Blutprobe absichern und dann allenfalls Insulin spritzen, damit der Zucker nicht im Blut bleibt, sondern dorthin befördert wird, wo er hingehört: ins Hirn. Stechen, messen, spritzen und dazu stets die Angst vor einer möglichen Unterzuckerung: Das alles fordert einem Kind viel Selbstdisziplin und Kraft ab. «Spritzen kann ich tip-top selber», meint Sascha aber stolz und plaudert so munter drauflos, dass man den Eindruck hat, die Krankheit habe nicht nur negative, sondern durchaus positive Seiten. «Er hat ganz eindeutig seine Privilegien», sagt sein Vater. «Er ist der Einzige, der in der Schulstunde eine Cola trinken darf, wenn seine Werte abrutschen.» Und demnächst, wenn Sascha die Ausbildung mit einer Prüfung bestanden hat, kann er Bläss sogar in die Schule mitnehmen. Wer darf das schon?

Hunde bereichern, und sie erden uns, das ist bekannt. Doch bei Kranken spielt der psychologische Effekt noch stärker. «Wenn ich eine Unterzuckerung habe, und der Hund bringt mir das Messgerät, ist das ein Event. Sonst ist es nur ein Seich», sagt eine junge Bernerin, die mit ihrem Labrador an den Workshops teilnimmt. Nach einer Lungentransplantation, die sie zeitweilig in den Rollstuhl zwang, hat sie vor zwei Jahren als Folgeerkrankung Diabetes Typ 1 bekommen. Der Labrador – «er hat schon vor der Krankheit gut zu mir geschaut» – holt ihr nicht nur das «Täschli», wenns drauf ankommt. Er hilft ihr, die chronische Krankheit insgesamt besser zu tragen.

Beim nächsten Workshop gehts dann raus ins Shoppingcenter. Die Hunde sollen das Gelernte nicht nur im geschützten Rahmen anwenden und zeigen, sondern auch dort, wo Ablenkungen drohen und Lärm herrscht. Zwischen den optisch aufregenden Regalen und duftenden Lebensmitteln den abfallenden Zuckerspiegel ihres Menschen zu erkennen, dürfte eine Herausforderung sein. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.04.2015, 17:38 Uhr)

Diabetes Typ 1

Mehr Kinder betroffen

In der Schweiz leiden rund 40'000 Menschen an der Stoffwechselkrankheit Diabetes Typ 1, darunter 3000 Kinder. Im Gegensatz zu Typ 2, bei dem die Bauchspeicheldrüse noch Insulin produziert, um den Zuckerhaushalt zu regulieren, fehlt es bei Typ 1 gänzlich. Mehrmals täglich (u. a. vor jedem Essen) muss deshalb Insulin gespritzt werden. Lebens­bedrohlich ist die Situation einer Unterzuckerung, etwa wenn zu viel Insulin gespritzt oder zu wenig Kohlehydrate genommen wurden. Dann besteht die Gefahr des Komas, was zum Tod führen kann. Während Typ 1 veranlagt ist, entwickelt sich Typ 2 schleichend, z. B. durch falsche Ernährung. Beide Formen nehmen stetig zu, insbesondere Krankheitsfälle im Kindesalter. Die Ursachen dafür sind vor allem beim Typ 1 noch unklar. Die Folgen von Diabetes sind vielfältig, der hohe Zuckerspiegel schädigt speziell die Gefässe. (uh)

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