Leben

Der ungeduldige Mensch

Geduld ist keine Tugend mehr: Wer heute etwas will, will es sofort. Warten grenzt an eine Krankheit. Warum sind wir so?

Ein Tastendruck zwischen Reiz und Befriedigung: Ein Mann sitzt vor dem Computer.

Ein Tastendruck zwischen Reiz und Befriedigung: Ein Mann sitzt vor dem Computer.
Bild: Keystone

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Früher litt man noch Hunger. Früher hatte man Sehnsucht. Man hungerte nach einer neuen Platte von Madonna oder der nächsten Folge einer TV-Serie, eine Buchhandlung brauchte mindestens vier Wochen, um ein Buch aus Amerika zu bestellen, man musste warten. Oft und lange warten. War man verliebt, so schrieb man sich Briefe, und die brauchten eben ihre Zeit mit der Post. Also Tage. Tage! Es gab damals weder Internet noch Downloads, iPhones oder SMS, kein Skype, kein Facebook, nur blöde alte Telefone, die viel zu teuer waren. Und man stand Schlange, an den Migros-Kassen, die noch nicht mit Laser-Lesern ausgerüstet waren, vor dem Bahn- und Postschalter, an der Kino-, Theater-, Konzertkasse. Es war normal und oft sehr langweilig, man musste sich organisieren und aufeinander verlassen können und viel, viel Geduld haben.

Doch daran erinnern sich heute nur noch knapp die «Digital Immigrants», jene vor 1980 Geborenen. Die später Geborenen, die «Digital Natives», wurden direkt ins Zeitalter der «digitalen Ungeduld» hineingeworfen, so nennt das der «Spiegel online»-Blogger Sascha Lobo. Die Zeitspanne zwischen einem Reiz und seiner Befriedigung hat sich längst auf einen Tastendruck verkleinert, «der einzige akzeptable Zeitrahmen», so Lobo, lautet «sofort». Als wäre das Leben ein Porno. Was nicht sofort geschieht, ist verlorene Zeit. Und wer Zeit verliert, ist heute insgesamt ein Verlierer. Denn der Mensch, der die Gegenwart prägt, hat keine Geduld, weder mit Märkten noch mit Ausbildungen, noch mit der Politik. Er hats eilig. Er heisst Investmentbanker, Castingshow-Teilnehmer, Twitter-Revolutionär.

Heilung durch Kaufen

Längst hat das Muster der Ungeduld auf den ganz normalen Alltagsmenschen abgefärbt. Wer heute vergessen hat, sich sein Flugticket schon zu Hause auszudrucken und online einzuchecken, der fühlt sich als kapitaler Verlierer. Weil er Schlange stehen muss mit lauter Pauschalurlaubern. Weil er keine freie Platzwahl mehr hat im Flieger. Er war unklug, und jetzt ertränkt er sich auf den wenigen Metern bis zum Check-in selbst im Stressschweiss. Warten grenzt an eine Krankheit. Warten tut weh. Warten bedeutet: etwas nicht sofort haben zu können. Impulskontrolle.

Zum Glück gibt es die Orte, die einem vormachen, dass man gar nicht mehr warten muss, selbst wenn man genau dies tut. Nicht mehr richtig warten muss man zum Beispiel auf der Post, seit man dort eine Nummer ziehen und sich im Postshop zerstreuen kann. Das ist clever. Während man nämlich darauf wartet, ein Päckchen aufzugeben oder Briefmarken zu kaufen, kann man schon ein Dutzend anderer Kaufentscheide fällen, und das beruhigt die Nerven ungemein. Schliesslich heisst die amerikanische Umschreibung für impulsives Shoppen nicht von ungefähr «Retail Therapy». Also Einkaufen als Therapie. Heilung durch Kaufen. Obwohl doch gerade darin gar kein Heil liegt. Verschuldung. Pleite. Bankrott. Von Menschen, aber auch von Staaten.

Der internet- und medienaffine Mensch von heute wird nicht nur in seinem Handeln ungeduldig, er wird auch gezielt so behandelt, dass seine Ungeduld wächst. Denn nicht nur wir wollen eine Ware sofort besitzen, die Ware will auch uns sofort. So wie man sich einen «News Feed» einrichten kann, also eine Nahrungsmittelkette an Nachrichten, so gibt es auch den «Merchandise Feed», die Waren-Nahrung, Ströme von Werbung, die sich wie von Geisterhand selbst generieren und ganz zufälligerweise aus Produkten zusammensetzen, nach denen man so oder ähnlich schon einmal im Netz gesucht hat. Und plötzlich schlängeln sich die Handtaschen, CDs oder Autos, die man ein einziges Mal zu besichtigen glaubte, der Lektüre einer Online-Zeitung entlang oder begleiten eine Hotelbuchung.

Die Welt von heute ist flach

Besonders schön lässt sich die technologische Geduldverminderung mit einer Studie über Fast Food der Universität Toronto illustrieren. Ein zu Werbezwecken eingesetztes Fast-Food-Logo neben einem Text machte, dass die Probanden diesen Text viel schneller und unkonzentrierter lasen als gewöhnlich. Die reine Gegenwart der Logos setzte sie unter einen eingebildeten Zeitdruck, machte sie agiler und steigerte ihr Begehren, irgendetwas zu kaufen. Früher galt Hysterie als Krankheit. Heute ist sie eine kapitalistische Tugend. Ungeduld bereichert vielleicht nicht immer das Individuum, aber doch sehr zuverlässig den Markt.

Der nach Amerika emigrierte Wiener Psychologe Walter Mischel wiederum studierte über Jahre das Schicksal des ungeduldigen Kindes. Wer als Kind schnell nach einer kleinen Belohnung greift, anstatt länger auf eine grosse zu warten, so entdeckte er, gibt sich auch im Berufsleben schneller zufrieden, macht kaum Karriere und ist ein schlechter Sparer.

Fast scheint es, als hätte Mischel, der heute 81 Jahre alt ist, mit dieser Entdeckung die Gegenwart der eifrigsten unter den digitalen Immigranten und die Normalität der digitalen Eingeborenen in ihren beiden äussersten Extremen vorhersehen können. Auf der einen Seite das kreative iPhone-Prekariat der Grossstädte, das sich mit nervösen Klicks von Liebe, Luft und Internet ernährt. Und auf der andern Seite die dicken Kinder, die sich vor dem Computer mit Junkfood vollstopfen. Für beide zählt das Jetzt mehr als der nächste Morgen. Ihr Bedürfnis ist die Sofortverpflegung. Mit Informationen, mit Unterhaltung, mit Selbstbestätigung aus dem Facebook, mit Essen. Ein bisschen autistisch sind sie beide, und den Hunger von einst, den kennen sie beide nicht. Dafür den Kick, dabei zu sein. In Echtzeit. Ganz Leute von heute.

Unser Erfahrungshorizont geht in die Breite und die Weite. Er umfasst, netzkonditioniert, wie wir sind, gewissermassen eine sich immer neu zusammensetzende Oberfläche, die es zu beherrschen gilt. Denn die Welt von heute, die ist bildschirmflach, kreditkartenflach, iPhoneflach. Zusammengehalten vom Einzigen, was man tatsächlich noch auswendig wissen sollte, all den Buchstaben- und Zahlenfolgen, den Codes und Passwörtern, die uns den Zugang zu einer Welt erlauben, die schneller und ungeduldiger ist als die Realität.

Ist Sicherheit nicht passé?

Erfahrungen und Erinnerungen verblassen mit jedem Klick noch mehr und fallen der digitalen Demenz anheim, aber welches Gehirn ist schon fähig, ständig auch das Vorangegangene im Griff zu haben, wenn doch das Gegenwärtige immer gleich die ganze Welt bedeutet? Das barocke «Carpe diem» dürfte noch nie so berauschend gewesen sein wie jetzt, es ist, als hätte die Welt im Netz all ihre Archive und Bibliotheken geöffnet und sei zu einem monumentalen, abenteuerlichen Selbstbedienungsladen geworden.

Gut, manchmal beschleicht einen das vage Gefühl, dass all die aufgespürten Informationen, aus denen man sich die Welt zusammenpuzzelt, nicht so sicher sein könnten. Aber was ist schon Sicherheit? Ist Sicherheit nicht total Prä-9/11? Aus einer Zeit, als sich Amerika für unverwundbar hielt und der Euro stark war? Doch ausserhalb dieser flüchtigen Bedenken herrscht da eine fröhliche Anarchie der Wissens- und der Warenkumulation. Und darüber, dass die katholische Kirche Geduld, Mässigung und Demut einst zu den himmlischen Tugenden zählte, darüber kann man sich heute weiss Gott nur noch wundern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2011, 16:18 Uhr

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26 Kommentare

manfred zürcher

23.10.2011, 23:58 Uhr
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himmel... als knapp-noch-digital-immigrant (1979) befürchte ich, dass ich mich allzugut bei den natives integriert habe..
sehr guter (und leider allzu wahrer) text
Antworten


Gabrielle Andreoli

18.10.2011, 09:06 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Ungeduld ist nie gut, auch im Strassenverkehr nicht. Ich kann in 25 Min. völlig entnervt im Büro ankommen (= 25 'verlorene' Minuten in meinem Leben) oder in 30 Min. entspannt, nach Genuss des Radioprogramms und gemütlich hinter dem LKW tuckernd (= 30 'genossene' Minuten in meinem Leben). Ist alles eine Frage der Einstellung. Antworten


Andreas Dietrich

17.10.2011, 12:22 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Der Artikel ist sehr gut mit einer Ausnahme: das Lob des puritanischen Sparens, dass die "böse" Jugend nicht mehr will. Wen wunderts? Wenn ihre Altersvorsorge eh von den Pensionierten kassiert und der Umwandlungssatz dank NeoFeudalisten von Banken und Politik ständig sinkt, dann sind die Zukunfstaussichten der Jugend so mies, dass sich Sparen nicht lohnt. Die Schweiz wird zum "Entwicklungsland"! Antworten


Kurt Früh

17.10.2011, 08:06 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Nur zur Erinnerung. Der Euro wurde offiziell, als alltägliches Zahlungsmittel, gerade knapp nach 9/11 eingeführt. Antworten


Alain Steiner

17.10.2011, 07:35 Uhr
Melden 15 Empfehlung

ich wünschte mir mal einen Monat ohne Internet und Mobiltelefon. Weltweit. Das wäre schön. Denkt mal darüber nach. Antworten


Matthias Huber

17.10.2011, 10:28 Uhr
Melden 5 Empfehlung

@Alain Steiner: Weltweit unmöglich. Aber versuchen Sie es doch einfach mal für sich selbst... Ist bestimmt höchst spannend und heilsam!


Daniel Zollinger

17.10.2011, 10:00 Uhr
Melden

@Steiner: Haben Sie aber auch an das Chaos gedacht, zum Beispiel an der Börse wenn gar nichts mehr gehen würde? Vergessen Sie es!


Walter E. Strahm

17.10.2011, 06:17 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Berner sagen dazu nur und aus Erfahrung:
"Namä nid gsprängt isch effiziänt"
Manchmal kommt man mit Geduld tatsächlich schneller ans Ziel.
Antworten


André Perret (Kanada)

17.10.2011, 04:51 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Zum Glück bin ich ein Digital-Immigrant und geniesse die Tugend der Geduld immer noch. Die Digital-Natives finden keine Zeit ihre Arbeit korrekt auszuführen - verbrauchen jedoch eine unmenge Zeit die durch diese Ungedult kreierten Fehler zu korrigieren! Mein Mantra: Nichts, aber wirklich gar nichts, soll schneller gehen als das normale Leben. Und dennoch bin ich in meinem Beruf/Leben erfolgreich! Antworten


Pietro Bartoli

17.10.2011, 01:41 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Jg. 1980 für Digital Natives? Quatsch! Ich bin 81er. Mit 18 erster Computerkurs im Gymi, 2 Wochen, basta. Matur mit 20, alles Handschrift, Tinte. Mit 19 das erste Handy, Diax Pronto, oft kein Empfang, viele Freunde ohne Handy... Internet zu Hause kein Thema, wozu auch? Ich habe viel Geduld und bin damit nicht allein. Mein Korrekturvorschlag: Digital Natives nach Jg. 1987, mindestens. Antworten


Pietro Bartoli

17.10.2011, 13:49 Uhr
Melden

Ja klar, auch in meinem Viertel gab es ein paar, die schon Computer zu Hause hatten, bereits Mitte der 90er, aber die konnten wir an einer Hand abzählen.


Berta Müller

17.10.2011, 12:06 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Nun, ich konnte schon mit 15 Basic und Pascal programmieren (auf einem MSI Homecomputer) und bin vor 1980 geboren. Soviel zu Digital-Immigrants.


Florim Cuculi

17.10.2011, 01:23 Uhr
Melden 4 Empfehlung

In England wird "Warten" immer noch kultiviert ;-) Verglichen zur Schweiz, wo man alles sofort bekommen muss, ist es hier normal, dass man auf ein banales Dokument mit 2 Zeilen "5 working days" warten muss oder darf... Antworten


Rolf Bregenzer

17.10.2011, 10:40 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Ich warte bereits 6 Wochen auf Ersatzteile aus England...Naja, das ist aber schon eine etwas seltsame "Kultur" die Engländer pflegen.


Urs Brauchli

17.10.2011, 01:23 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Ich habe vor Jahren das Buch «Die Kunst des Müssiggangs» von Hermann Hesse gelesen - und beherzigt. Warten kann schön sein ;) Antworten


Max Spring

16.10.2011, 22:01 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Wunderbarer Artikel - Regt an - Vielleicht sogar philosophisch wertvoll ? Ist das vielleicht ein Wink der Evolution ? Solche Artikel die nicht polarisieren sollte es mehr geben - Wirklich intelligent - Hochachtungsvolle Verneigung gegenüber dem Verfasser :-) Antworten


Martin Willy

17.10.2011, 09:12 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ein "Wink der Evolution"?? Was soll denn das bedeuten? Ich bin mit Ihnen Einverstanden; der Artikel ist gut, aber bitte bleiben wir einigermassen auf dem Boden der Tatsachen und schmeissen nicht mal so aufs Geratewohl Worte um uns die wir nicht ansatzweise verstehen (plural nur aus Höflichkeit verwendet). Danke.


Rolf Bregenzer

16.10.2011, 21:44 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Heute bestellen, gestern erhalten, morgen bezahlen...So gesehen leben wir in einer "No Future" Gesellschaft. Die Krise zeigts deutlich. Gute Nacht. Antworten


Daniel Zollinger

17.10.2011, 10:02 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Allerdings und irgendwann haben wir dann das gleiche Problem wie die Amis. Wenn jede und jeder nur noch auf Kredit bestellt!


Pierre A. Sobol

16.10.2011, 21:01 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Die Ungeduld ist vor allem im Strassenverkehr erkennbar. Zuviele, vor allem Velofahrer, warten nicht mehr bis von rot auf grün schaltet? Dass nicht mehr passiert, liegt wohl an den anderen, eher geduldigen und aufmerksamen Verkehrsteilnehmern. Antworten


Strässle Michael

17.10.2011, 10:49 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Was ist daran neu?


Thomas Koch

16.10.2011, 19:32 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Es ist ein Unterschied, ob man ungeduldig ist, oder man zur Mittagszeit, in seinen 30minuten Mittagspause, im Coop City 10minuten anstehen muss, weil nur 3 der 7 Kassen geoeffnet sind - das Personal ist primaer damit beschaeftigt, nach Super-Cumuldings-Bonus-Plus-Karten zu schreien, und auch bei Nicht-Bonus-Kunden noch dreimal nachzuhacken, ob man noch Määrkli oder sonstigen unnuetzen Kram will. Antworten


Kim Dällenbach

16.10.2011, 18:56 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Stimmt alles voll und ganz. Leider.
@Oliver Hackl wohl wahr. Allerdings ist dieses nervöse Warten doch schon fast das andauernde Jetzt.
Wir sind beständig damit beschäftigt unsere Bedürfnisse zu befriedigen oder und davon abzulenken sie nicht sofort stillen zu können (Bsp: warten auf Freitag).
Glücklicherweise gibt es Ausege. Franziskus und Buddha haben zwei davon vorgelebt.
Antworten


Oliver Hackl

16.10.2011, 17:24 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Super Artikel. Wenn man genauer hinschaut ist es aber nicht das Jetzt das für die digitale Generation mehr zählt. Wenn dem so wäre bräuchte niemand ungeduldig zu sein. Es ist der Moment der einen Mausklick entfernt liegt, der einen nervös macht. Je kürzer die Zeit zwischen Jetzt und wo ich sein will - desto grösser die innere Spannung. Antworten


Thomas Koch

16.10.2011, 19:35 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Wartezeit bei Migros und Post - das gibts ja heute ueberhaupt nichtmehr, besonders letztere sollte sich endlich mal wieder auf ihren Job konzentrieren (Briefe schnell und ZUVERLAESSIG transportieren), anstelle von Nutella bis Duschköpfen allen Mist verkaufen wollen...


Ueli Eichenberger

16.10.2011, 17:13 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Erkenne mich und teile meines Umfelds darin. Slow down! Antworten



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