Der ungeduldige Mensch
Von Simone Meier. Aktualisiert am 16.10.2011 26 Kommentare
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Früher litt man noch Hunger. Früher hatte man Sehnsucht. Man hungerte nach einer neuen Platte von Madonna oder der nächsten Folge einer TV-Serie, eine Buchhandlung brauchte mindestens vier Wochen, um ein Buch aus Amerika zu bestellen, man musste warten. Oft und lange warten. War man verliebt, so schrieb man sich Briefe, und die brauchten eben ihre Zeit mit der Post. Also Tage. Tage! Es gab damals weder Internet noch Downloads, iPhones oder SMS, kein Skype, kein Facebook, nur blöde alte Telefone, die viel zu teuer waren. Und man stand Schlange, an den Migros-Kassen, die noch nicht mit Laser-Lesern ausgerüstet waren, vor dem Bahn- und Postschalter, an der Kino-, Theater-, Konzertkasse. Es war normal und oft sehr langweilig, man musste sich organisieren und aufeinander verlassen können und viel, viel Geduld haben.
Doch daran erinnern sich heute nur noch knapp die «Digital Immigrants», jene vor 1980 Geborenen. Die später Geborenen, die «Digital Natives», wurden direkt ins Zeitalter der «digitalen Ungeduld» hineingeworfen, so nennt das der «Spiegel online»-Blogger Sascha Lobo. Die Zeitspanne zwischen einem Reiz und seiner Befriedigung hat sich längst auf einen Tastendruck verkleinert, «der einzige akzeptable Zeitrahmen», so Lobo, lautet «sofort». Als wäre das Leben ein Porno. Was nicht sofort geschieht, ist verlorene Zeit. Und wer Zeit verliert, ist heute insgesamt ein Verlierer. Denn der Mensch, der die Gegenwart prägt, hat keine Geduld, weder mit Märkten noch mit Ausbildungen, noch mit der Politik. Er hats eilig. Er heisst Investmentbanker, Castingshow-Teilnehmer, Twitter-Revolutionär.
Heilung durch Kaufen
Längst hat das Muster der Ungeduld auf den ganz normalen Alltagsmenschen abgefärbt. Wer heute vergessen hat, sich sein Flugticket schon zu Hause auszudrucken und online einzuchecken, der fühlt sich als kapitaler Verlierer. Weil er Schlange stehen muss mit lauter Pauschalurlaubern. Weil er keine freie Platzwahl mehr hat im Flieger. Er war unklug, und jetzt ertränkt er sich auf den wenigen Metern bis zum Check-in selbst im Stressschweiss. Warten grenzt an eine Krankheit. Warten tut weh. Warten bedeutet: etwas nicht sofort haben zu können. Impulskontrolle.
Zum Glück gibt es die Orte, die einem vormachen, dass man gar nicht mehr warten muss, selbst wenn man genau dies tut. Nicht mehr richtig warten muss man zum Beispiel auf der Post, seit man dort eine Nummer ziehen und sich im Postshop zerstreuen kann. Das ist clever. Während man nämlich darauf wartet, ein Päckchen aufzugeben oder Briefmarken zu kaufen, kann man schon ein Dutzend anderer Kaufentscheide fällen, und das beruhigt die Nerven ungemein. Schliesslich heisst die amerikanische Umschreibung für impulsives Shoppen nicht von ungefähr «Retail Therapy». Also Einkaufen als Therapie. Heilung durch Kaufen. Obwohl doch gerade darin gar kein Heil liegt. Verschuldung. Pleite. Bankrott. Von Menschen, aber auch von Staaten.
Der internet- und medienaffine Mensch von heute wird nicht nur in seinem Handeln ungeduldig, er wird auch gezielt so behandelt, dass seine Ungeduld wächst. Denn nicht nur wir wollen eine Ware sofort besitzen, die Ware will auch uns sofort. So wie man sich einen «News Feed» einrichten kann, also eine Nahrungsmittelkette an Nachrichten, so gibt es auch den «Merchandise Feed», die Waren-Nahrung, Ströme von Werbung, die sich wie von Geisterhand selbst generieren und ganz zufälligerweise aus Produkten zusammensetzen, nach denen man so oder ähnlich schon einmal im Netz gesucht hat. Und plötzlich schlängeln sich die Handtaschen, CDs oder Autos, die man ein einziges Mal zu besichtigen glaubte, der Lektüre einer Online-Zeitung entlang oder begleiten eine Hotelbuchung.
Die Welt von heute ist flach
Besonders schön lässt sich die technologische Geduldverminderung mit einer Studie über Fast Food der Universität Toronto illustrieren. Ein zu Werbezwecken eingesetztes Fast-Food-Logo neben einem Text machte, dass die Probanden diesen Text viel schneller und unkonzentrierter lasen als gewöhnlich. Die reine Gegenwart der Logos setzte sie unter einen eingebildeten Zeitdruck, machte sie agiler und steigerte ihr Begehren, irgendetwas zu kaufen. Früher galt Hysterie als Krankheit. Heute ist sie eine kapitalistische Tugend. Ungeduld bereichert vielleicht nicht immer das Individuum, aber doch sehr zuverlässig den Markt.
Der nach Amerika emigrierte Wiener Psychologe Walter Mischel wiederum studierte über Jahre das Schicksal des ungeduldigen Kindes. Wer als Kind schnell nach einer kleinen Belohnung greift, anstatt länger auf eine grosse zu warten, so entdeckte er, gibt sich auch im Berufsleben schneller zufrieden, macht kaum Karriere und ist ein schlechter Sparer.
Fast scheint es, als hätte Mischel, der heute 81 Jahre alt ist, mit dieser Entdeckung die Gegenwart der eifrigsten unter den digitalen Immigranten und die Normalität der digitalen Eingeborenen in ihren beiden äussersten Extremen vorhersehen können. Auf der einen Seite das kreative iPhone-Prekariat der Grossstädte, das sich mit nervösen Klicks von Liebe, Luft und Internet ernährt. Und auf der andern Seite die dicken Kinder, die sich vor dem Computer mit Junkfood vollstopfen. Für beide zählt das Jetzt mehr als der nächste Morgen. Ihr Bedürfnis ist die Sofortverpflegung. Mit Informationen, mit Unterhaltung, mit Selbstbestätigung aus dem Facebook, mit Essen. Ein bisschen autistisch sind sie beide, und den Hunger von einst, den kennen sie beide nicht. Dafür den Kick, dabei zu sein. In Echtzeit. Ganz Leute von heute.
Unser Erfahrungshorizont geht in die Breite und die Weite. Er umfasst, netzkonditioniert, wie wir sind, gewissermassen eine sich immer neu zusammensetzende Oberfläche, die es zu beherrschen gilt. Denn die Welt von heute, die ist bildschirmflach, kreditkartenflach, iPhoneflach. Zusammengehalten vom Einzigen, was man tatsächlich noch auswendig wissen sollte, all den Buchstaben- und Zahlenfolgen, den Codes und Passwörtern, die uns den Zugang zu einer Welt erlauben, die schneller und ungeduldiger ist als die Realität.
Ist Sicherheit nicht passé?
Erfahrungen und Erinnerungen verblassen mit jedem Klick noch mehr und fallen der digitalen Demenz anheim, aber welches Gehirn ist schon fähig, ständig auch das Vorangegangene im Griff zu haben, wenn doch das Gegenwärtige immer gleich die ganze Welt bedeutet? Das barocke «Carpe diem» dürfte noch nie so berauschend gewesen sein wie jetzt, es ist, als hätte die Welt im Netz all ihre Archive und Bibliotheken geöffnet und sei zu einem monumentalen, abenteuerlichen Selbstbedienungsladen geworden.
Gut, manchmal beschleicht einen das vage Gefühl, dass all die aufgespürten Informationen, aus denen man sich die Welt zusammenpuzzelt, nicht so sicher sein könnten. Aber was ist schon Sicherheit? Ist Sicherheit nicht total Prä-9/11? Aus einer Zeit, als sich Amerika für unverwundbar hielt und der Euro stark war? Doch ausserhalb dieser flüchtigen Bedenken herrscht da eine fröhliche Anarchie der Wissens- und der Warenkumulation. Und darüber, dass die katholische Kirche Geduld, Mässigung und Demut einst zu den himmlischen Tugenden zählte, darüber kann man sich heute weiss Gott nur noch wundern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.10.2011, 16:18 Uhr
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26 Kommentare
Ungeduld ist nie gut, auch im Strassenverkehr nicht. Ich kann in 25 Min. völlig entnervt im Büro ankommen (= 25 'verlorene' Minuten in meinem Leben) oder in 30 Min. entspannt, nach Genuss des Radioprogramms und gemütlich hinter dem LKW tuckernd (= 30 'genossene' Minuten in meinem Leben). Ist alles eine Frage der Einstellung. Antworten
Der Artikel ist sehr gut mit einer Ausnahme: das Lob des puritanischen Sparens, dass die "böse" Jugend nicht mehr will. Wen wunderts? Wenn ihre Altersvorsorge eh von den Pensionierten kassiert und der Umwandlungssatz dank NeoFeudalisten von Banken und Politik ständig sinkt, dann sind die Zukunfstaussichten der Jugend so mies, dass sich Sparen nicht lohnt. Die Schweiz wird zum "Entwicklungsland"! Antworten
@Alain Steiner: Weltweit unmöglich. Aber versuchen Sie es doch einfach mal für sich selbst... Ist bestimmt höchst spannend und heilsam!
@Steiner: Haben Sie aber auch an das Chaos gedacht, zum Beispiel an der Börse wenn gar nichts mehr gehen würde? Vergessen Sie es!
Zum Glück bin ich ein Digital-Immigrant und geniesse die Tugend der Geduld immer noch. Die Digital-Natives finden keine Zeit ihre Arbeit korrekt auszuführen - verbrauchen jedoch eine unmenge Zeit die durch diese Ungedult kreierten Fehler zu korrigieren! Mein Mantra: Nichts, aber wirklich gar nichts, soll schneller gehen als das normale Leben. Und dennoch bin ich in meinem Beruf/Leben erfolgreich! Antworten
Jg. 1980 für Digital Natives? Quatsch! Ich bin 81er. Mit 18 erster Computerkurs im Gymi, 2 Wochen, basta. Matur mit 20, alles Handschrift, Tinte. Mit 19 das erste Handy, Diax Pronto, oft kein Empfang, viele Freunde ohne Handy... Internet zu Hause kein Thema, wozu auch? Ich habe viel Geduld und bin damit nicht allein. Mein Korrekturvorschlag: Digital Natives nach Jg. 1987, mindestens. Antworten
Ja klar, auch in meinem Viertel gab es ein paar, die schon Computer zu Hause hatten, bereits Mitte der 90er, aber die konnten wir an einer Hand abzählen.
Nun, ich konnte schon mit 15 Basic und Pascal programmieren (auf einem MSI Homecomputer) und bin vor 1980 geboren. Soviel zu Digital-Immigrants.
Ich warte bereits 6 Wochen auf Ersatzteile aus England...Naja, das ist aber schon eine etwas seltsame "Kultur" die Engländer pflegen.
Wunderbarer Artikel - Regt an - Vielleicht sogar philosophisch wertvoll ? Ist das vielleicht ein Wink der Evolution ? Solche Artikel die nicht polarisieren sollte es mehr geben - Wirklich intelligent - Hochachtungsvolle Verneigung gegenüber dem Verfasser :-) Antworten
Ein "Wink der Evolution"?? Was soll denn das bedeuten? Ich bin mit Ihnen Einverstanden; der Artikel ist gut, aber bitte bleiben wir einigermassen auf dem Boden der Tatsachen und schmeissen nicht mal so aufs Geratewohl Worte um uns die wir nicht ansatzweise verstehen (plural nur aus Höflichkeit verwendet). Danke.
Allerdings und irgendwann haben wir dann das gleiche Problem wie die Amis. Wenn jede und jeder nur noch auf Kredit bestellt!
Die Ungeduld ist vor allem im Strassenverkehr erkennbar. Zuviele, vor allem Velofahrer, warten nicht mehr bis von rot auf grün schaltet? Dass nicht mehr passiert, liegt wohl an den anderen, eher geduldigen und aufmerksamen Verkehrsteilnehmern. Antworten
Es ist ein Unterschied, ob man ungeduldig ist, oder man zur Mittagszeit, in seinen 30minuten Mittagspause, im Coop City 10minuten anstehen muss, weil nur 3 der 7 Kassen geoeffnet sind - das Personal ist primaer damit beschaeftigt, nach Super-Cumuldings-Bonus-Plus-Karten zu schreien, und auch bei Nicht-Bonus-Kunden noch dreimal nachzuhacken, ob man noch Määrkli oder sonstigen unnuetzen Kram will. Antworten
Stimmt alles voll und ganz. Leider.
@Oliver Hackl wohl wahr. Allerdings ist dieses nervöse Warten doch schon fast das andauernde Jetzt.
Wir sind beständig damit beschäftigt unsere Bedürfnisse zu befriedigen oder und davon abzulenken sie nicht sofort stillen zu können (Bsp: warten auf Freitag).
Glücklicherweise gibt es Ausege. Franziskus und Buddha haben zwei davon vorgelebt.
Antworten
Super Artikel. Wenn man genauer hinschaut ist es aber nicht das Jetzt das für die digitale Generation mehr zählt. Wenn dem so wäre bräuchte niemand ungeduldig zu sein. Es ist der Moment der einen Mausklick entfernt liegt, der einen nervös macht. Je kürzer die Zeit zwischen Jetzt und wo ich sein will - desto grösser die innere Spannung. Antworten
Wartezeit bei Migros und Post - das gibts ja heute ueberhaupt nichtmehr, besonders letztere sollte sich endlich mal wieder auf ihren Job konzentrieren (Briefe schnell und ZUVERLAESSIG transportieren), anstelle von Nutella bis Duschköpfen allen Mist verkaufen wollen...

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