Der verzweifelte Dompteur

René Stricklers Raubtierpark in Subingen SO droht die Räumung. Wenn kein Wunder mehr geschieht, sterben seine 18 Raubkatzen durch die Todesspritze.

«Die Tiere sind meine Freunde, ich will sie fördern»: René Strickler mit seinem Tiger Noah. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

«Die Tiere sind meine Freunde, ich will sie fördern»: René Strickler mit seinem Tiger Noah. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

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Es ist zwei Uhr morgens, als im solothurnischen Subingen Lastwagen unangekündigt vor René Stricklers Raubtierpark vorfahren. Auf den Transportern stehen grosse Holzkisten. Tierärzte steigen aus, begleitet von Vollzugsbeamten des Kantons. Sie haben eine Liste dabei. Stricklers Hunde bellen. Die Raubkatzen im unweit entfernten Gehege sind nervös. Der gesamte Tierbestand, die Tiger, Pumas, Löwen, Bären, sie alle werden von der Liste abgehakt, mit einem gezielten Schuss betäubt, aus ihren Gehegen gezerrt und in die Kisten verfrachtet.

Dieses Schreckensszenario raubt dem 66-jährigen Strickler den Schlaf. Wenn er am Stubentisch den möglichen Untergang seines Lebenswerks beschreibt, senkt er den Blick und reibt sich die Hände: «Horror. Diese Tiere sind meine Freunde.»

Strickler braucht 12 Millionen Franken

René Strickler, der frühere Stern am europäischen Zirkushimmel, steht unter enormem Druck. Er braucht mehr Zeit und mehr Geld. Genauer gesagt 12 Millionen Franken. Sofort. Denn das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt hat auf Begehren der Vermieterin eine Zwangsräumung seines Tierparks angeordnet, Frist unbekannt.

Stolz führt Strickler durch seinen Tierpark. Bodenplatten, Wegweiser, Gehege: Alles hat er in liebevoller Handarbeit gestaltet. Wegen der Winterpause ist die Anlage geschlossen, wir treffen nur Tiere an. Zu allen weiss er eine Anekdote.

Strickler ist ein gepflegter Mann, gut gekleidet, das weisse Haar elegant nach hinten gekämmt. An das Erscheinungsbild eines Dompteurs erinnert lediglich noch der Schnurrbart. Im benachbarten Haus, wo er mit seiner Lebenspartnerin lebt, hängen unzählige Bilder, die ihn als jungen, attraktiven Mann mit seinen Raubtieren porträtieren.

Strickler trat in ganz Europa auf

Das Land, auf dem René Strickler seinen Raubtierpark in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat, gehört einer privaten Immobilienfirma, der Espace Real Estate AG. Er hat sich vor elf Jahren eingemietet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Dompteur bereits eine 30-jährige internationale Karriere hinter sich.

In den Siebzigerjahren machte sich Strickler mit seiner eigenen Raubtiergruppe einen Namen in der europäischen Zirkusszene. Bis 1994 folgten Engagements bei allen angesehenen Zirkussen im In- und Ausland, in den Manegen von Knie und Nock sowie beim Österreichischen Nationalzirkus und beim deutschen Zirkus Roncalli. Nebenbei arbeitete er als Fotomodell und Schauspieler. Das Festival du Cirque in Monte Carlo ehrte seine Arbeit 1976 und 1999 mit zwei Preisen, letzteren erhielt er für die vorbildliche Tierhaltung und den freundschaftlichen Umgang mit seinen Raubtieren. Zum Schluss zog er zehn Jahre lang mit seinem Programm eigenständig durch die Schweiz.

Eine gemietete Lagerhalle im Industriequartier in Subingen sollte damals als Winterlager für seine Tiere dienen. Als Strickler diese 2003 besichtigte, sah er das nebenan frei stehende Ackerland und hatte eine Vision: Hier sollte ein Raubtierpark entstehen. Im Einvernehmen mit der Landbesitzerin und der Gemeinde Subingen mietete er zusätzlich zur Halle 10'000 Quadratmeter Land. Er begann, eine grüne Oase zu schaffen, pflanzte fast 200 Bäume und Sträucher, baute tierschutzkonforme Gehege. Auf Tournee ging er nie mehr.

Der angebliche Investor zahlt nicht

Strickler unterschrieb einen Mietvertrag für fünf Jahre, um zu sehen, ob sich der Tierpark als Familienausflugsziel etablieren würde. Das tat er. Der Park wurde beliebt, René Strickler investierte in den ersten Jahren 700'000 Franken. Das Angebot umfasste einen Streichelzoo sowie Raubtiershows mit Leoparden, Tiger, Löwen und Pumas. Nach zwei Jahren erlaubte ihm die Landbesitzerin, auf dem Grundstück ein Wohnhaus zu bauen: «Nichts wies darauf hin, dass es nicht weitergehen sollte.»

Doch dann, 2008, lief der befristete Mietvertrag aus, und die Immobilienfirma verlängerte ihn nicht. «Es gab einen CEO-Wechsel, plötzlich war der Raubtierpark ein Klotz am Bein.» Stricklers Jagd nach einem alternativen Standort für den Raubtierpark begann. «Ich habe grosse Verantwortung für meine Tiere, ich musste eine Lösung finden.» Ein Ordner, zum Bersten voll mit Briefen und Absagen, beweist die jahrelange, verzweifelte Suche nach geeignetem Land. Strickler pochte auf eine Mieterstreckung und bekam fünfeinhalb Jahre.

Zudem bot ihm die Espace Real Estate AG den Kauf des gesamten Grundstücks an. Die Fläche ist viermal so gross wie der jetzige Park, sie kostet zwölf Millionen Franken. Darauf will Strickler den Freizeitpark Jungle World entwickeln. Im Ausland fand er einen Investor. Der sei bereit, das Projekt zu unterstützen und das gesamte Gelände zu erwerben. «Das Geld ist da. Aber es ist zwecks Überprüfung noch blockiert», sagt Strickler.

Wohin mit 18 Raubkatzen?

Doch die Espace Real Estate AG will nicht mehr länger warten. Die Mieterstreckung lief Ende 2015 aus. Nach der letzten Verhandlung am 3. Februar vor dem Amtsgericht in Solothurn waren die Vollzugsbehörden überfragt. Wie soll ein Tierpark zwangsgeräumt werden? Wohin mit den 18 Raubkatzen und den 30 weiteren Tieren? Einen vergleichbaren Fall hat es in der Schweiz nie gegeben. Das Gericht ordnete an, Strickler müsse bis zum 22. Februar eine Liste seiner Tiere samt deren Gesundheitszustand einreichen. Wird das Geld des Investors bis dann nicht freigegeben, muss der Dompteur mit dem Schlimmsten rechnen. Strickler sucht jetzt zusätzlich nach Schweizer Geldgebern, die die Finanzierung des Parks in letzter Minute sichern.

Noch ist Rettung möglich. Victor Schmid, Sprecher der Espace Real Estate AG, sagt, man sei weiterhin bereit, Strickler das Land zu verkaufen: «Findet er einen Investor, der den Kauf bestätigt, ziehen wir die Räumungsverfügung zurück.»

Folgt man Strickler durch den Park, fällt es schwer, zu glauben, dass die Anlage bald verschwinden soll. Strickler geht an den Gehegen vorbei, die Tiere nähern sich den Gitterstäben, suchen seine Aufmerksamkeit. In einem Gehege befinden sich drei Tiger, sie prusten: «Das ist ihre Art, uns zu begrüssen.» Strickler prustet zurück. Einer von ihnen ist Arisha, eine seltene weisse Tigerdame. Sie starrt uns an aus grossen, hellen Augen, dann geht sie auf Strickler zu, um sich Streicheleinheiten zu holen. Er krault ihren Kopf.

Zoos wollen seine Raubkatzen nicht

Die Vertrautheit zwischen ihm und den Tieren stammt, sagt er, von seiner «Hands-on-Haltung». Zwei- bis dreimal täglich trainiert er mit seinen Katzen. Stricklers Credo: «Wenn wir Menschen diese Tiere in unsere Gesellschaft gebracht haben, dann sind wir es ihnen zumindest schuldig, sie bestmöglich zu fördern.» Die meisten klassischen Zoos wenden dagegen das «Hands-off-Prinzip» an, gemäss dem die Tiere gefüttert, aber sonst in Ruhe gelassen werden. Diese Praxis hat laut Strickler Grenzen: «Ein Gehege kann noch so gross sein, nach zwei Wochen langweilt sich ein Raubtier.»

Strickler entdeckte seine Tierliebe bereits als Kind. Aufgewachsen in Rapperswil, lief er auf dem Schulweg an den Stallungen des Circus Knie vorbei. Da Dompteur nicht dem Berufsbild entsprach, das sich seine Eltern wünschten, absolvierte er die Handelsschule in Zürich. Später arbeitete er in einem Grossraumbüro am Zürcher Paradeplatz, glücklich wurde er nicht dabei. Um den Tieren näher zu sein, nahm er eine Stelle im Büro des Circus Knie an. In jeder freien Minute schlich er sich zu den Dompteuren. Diese erkannten bald sein Talent und seine Ruhe im Umgang mit Raubkatzen.

Tiere droht die Euthanasie

Stricklers Tiere lassen sich nur schwierig weitervermitteln. Zoos legen für die Zucht grossen Wert auf Reinrassigkeit: «Viele von Herrn Stricklers Grosskatzen dürften aus genetischen Gründen und wegen ihres hohen Alters für Zoos, die züchten, eher unattraktiv sein», erklärt Julie Stillhart, Leiterin der Tierschutzorganisation Vier Pfoten Schweiz. Strickler hat viele seiner Raubkatzen vor dem Tod bewahrt, indem er sie von Zoos übernahm, welche die Tiere nicht mehr brauchten.

Sara Wehrli, Zoologin des Schweizer Tierschutzes, bedauert die Notlage: «In den Tierparks wird es wohl keinen Platz für diese Tiere geben.» Der Stress durch eine Umplatzierung könne den Tod der teilweise betagten Tiere beschleunigen. «Eine Zwangsräumung wird ausserdem nicht ohne Euthanasie einiger Tiere ablaufen, befürchte ich.»

An den Fähigkeiten des Dompteurs zweifelt der Tierschutz nicht: «Stricklers Umgang mit den Tieren scheint von grosser Zuneigung geprägt», sagt Wehrli. Im Idealfall könnten Strickler und seine Tiere in Subingen bleiben. Obwohl dieser alle Haltungsbedingungen erfüllt, zeigt der Fall laut Vier Pfoten aber auch, zu welchen Problemen die Privat­haltung von Grosskatzen führen kann.

In diesen bedrückenden Stunden erzählt René Strickler gerne den bewegendsten Moment seiner Karriere: Eine Löwin legte ihm nach der Geburt ihre drei Babys in den Schoss. «Das ist die höchste Form von Anerkennung.» Die Erinnerung zeichnet ein Lächeln in sein betrübtes Gesicht.

Noch bleiben ihm wenige Tage, um eine Lösung zu finden. Am Montag wird er die Liste mit seinen Tieren einreichen. Widerwillig. «Ich bin kein Querulant. Aber das hier ist kein Pneulager, das man einfach räumen kann.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 19:34 Uhr)

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