Die Downtown-Hühner

Mein Ei, mein Poulet: Urban Farming führt immer mehr Tiere vom Bauern- in den Hinterhof. Doch der Trend hat seine Grenzen.

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In Toronto gibt es eine Backyard-Chicken-Underground-Szene. Ihre Aktivisten operieren anonym und setzen sich dafür ein, dass die Hühner, die sie versteckt in ihren städtischen Hinterhöfen halten, legal werden. «Wer ein bisschen Bauernfeeling will, soll Tomaten anpflanzen», antwortete ein Politiker auf Vorstösse. Man fürchtet Lärm, Risiken für die öffentliche Gesundheit, um das Wohl der Tiere und ganz allgemein, dass das ausser Kontrolle geraten könnte mit dem sogenannten Urban Farming.

Auch in anderen nordamerikanischen Städten ist der Trend nicht neu: Städter, die Hühner halten. Diese urbanen Locavores – «Lokalfresser» – werden auch in der Schweiz immer mehr. Hier gibt es kein Gesetz, welches das Halten verbieten würde. In der Schweiz muss sich seit 2009 aber offiziell registrieren lassen, wer Hühner als Haustiere halten will. Damals wurde wegen der Vogelgrippe das Tierseuchengesetz verschärft.

In Bern läuft diese Registrierung über das Agrarinformationssystem Gelan.ch. 2013, so heisst es vom kantonalen Veterinärdienst, haben sich aus der Stadt Bern 11 Hobbyhalter gemeldet, die 185 Hühner haben registrieren lassen, gegenüber 92 im Jahr 2010. Viele wissen vermutlich gar nicht, dass diese Pflicht existiert. Zum Vergleich: In der Stadt Zürich sind es rund 250 Hobbyhaltungen mit 3200 Hühnern. Genf wiederum tut das Gegenteil von Toronto: Stadtmenschen, die einen gemeinschaftlichen Hühnerhof installieren, erhalten von der Stadt 1000 Franken Startkapital. So sollen den Leuten die Vorzüge lokaler Bioprodukte nähergebracht werden.

«Nichts einzuwenden»

Insgesamt sind in der Stadt Bern aktuell 7802 Hühner gemeldet, der Grossteil davon lebt auf einem Hof, der für die Migros produziert. Die Zahlen des Agrarinformationssystems des Kantons Bern lassen keine Trendschlüsse zu, doch heisst es dort, dass auch in Bern zu beobachten sei, wie immer mehr Städter Urban Farming entdecken – unter anderem eben als Hühnerhalter. «Dagegen haben wir nichts einzuwenden, solange der Tierschutz gewährleistet ist», sagt der Kantonstierarzt Reto Wyss. Konkret heisst das vor allem: Die Tiere brauchen ein konformes Gehege mit Legenest, Sitzstangen, Scharrbereich und genug Platz. Wenn Lärm oder Gestank zum Problem werden, sei das eine Sache unter Nachbarn – beziehungsweise der Gemeinde.

Keine Probleme gibt es an der Polygonstrasse in der Lorraine. Dort gackern seit einigen Jahren etwa zehn Hühner in einem kleinen Erlebnisgarten, hergerichtet von der Gestaltungstherapeutin Dorla Heiniger für Kinder des Quartiers. Täglich ist ein anderes Kind mit der Betreuung des Hühnerstalls an der Reihe – die Eier darf es nach Hause nehmen.

Täglich ein Ei, das hat auch Demian Jakob gern. «Mit Hühnern hat man jeden Tag Ostern», sagt er, «nur sind sie nicht gerade erfinderisch mit neuen Verstecken.» Der Musiker der Berner Band Jeans for Jesus hatte bis vor kurzem selber drei Hühner zu Hause. Es ging um mehr als um Eier: «Hühner sind famose Tiere. Einfach zu halten, dankbar, und wenn man auf dem Boden liegt und ihnen beim Picken zuschaut, erkennt man plötzlich ihre archaische Art, ihre Verwandtschaft mit T-Rex.» Gick, Gock und Gack, so nannte er die drei, endeten nach einigen Wochen im Suppentopf. «Weil ich gerne ein gutes Verhältnis zu meinem Vermieter habe.»

Die Henne ist tatsächlich ein Abkömmling der Dinosaurier, deren Hornschuppen sich auf ihren Füssen erhalten haben. «Nach langer Evolution und Mutation war es endlich so weit, dass aus einem Ei die erste Henne schlüpfte», heisst es im Buch «Vom Glück, ein Huhn zu sein». Das Henne-Ei-Problem ist wissenschaftlich gelöst – zumindest was die Herkunft der Hühner angeht.

Ein sonderbares Verhältnis

Es ist ein sonderbares Verhältnis, zwischen Mensch und Huhn. Als Nutztier ist das Geflügel unfassbar populär: Jährlich werden weltweit knapp 50 Milliarden Hühner geschlachtet, 1960 waren es noch 6 Milliarden. Der überernährte Westen liebt fettarmes Fleisch, und ausserdem ist die Aufzucht von Hühnern extrem effizient: Ein Huhn braucht 1,6 Kilogramm Futter, um 1 Kilogramm Fleisch zu produzieren. 2018, so schätzt die Welternährungsbehörde, wird das Huhn das Schwein als wichtigster Fleischlieferant ablösen.

Auch Simon Jäggi hält Hühner, auch er ein Berner Musiker, wohnhaft in der Matte, bekannt als Sänger der Kummerbuben. «Die Sehnsucht nach ländlichem Leben schlummert schon lang in mir», sagt er. Jetzt hat er mit zwei Kollegen eine kleine Hühnerfarm installiert. In seinem Garten ging das nicht, weil in Familiengärten der Stadt keine Tiere erlaubt sind, deshalb betreiben die drei seit April einen Hühnerhof im Vorort Kehrsatz, beim Elternhaus. «Wir wollen möglichst nahe an der Quelle qualitativ guter Lebensmittel sein, die wir essen – und nicht mitverantwortlich für die Tötung Tausender Küken», sagt Jäggi. In der industriellen Zucht werden die männlichen Küken nach dem Schlüpfen aussortiert und vergast oder lebendig geschreddert, weil sie keine Eier legen und nicht schnell genug fett werden.

Auf einem Blog dokumentiert das kleine Stadtfarmerteam das Leben auf der Hühnerfarm, und Jäggi wird «ständig auf die Hühner angesprochen», das grosse Interesse in seinem urbanen Umfeld erstaunt ihn. Er selbst sei voll eingetaucht in diese Welt, hat Hühnerliteratur gelesen, über Scharrgruben oder Kotbretter, hat Kontakte aufgebaut, zu einem Hühnerzüchter etwa – «meine Verbindung in die Hühnerszene», wie er sagt. Der hilft ihm, wenn sich Probleme ergeben. Als die Hühner abends partout nicht rein wollten, riet ihm der Experte, während der Dämmerung im Stall das Licht anzumachen, und damit war das Problem gelöst. Sechs Güggel, drei Hennen sind es zurzeit, zwei sind schon tot, Jäggi weiss nicht wieso, und bald steht die nächste grosse Herausforderung an: der erste Schlachttag. «Wir schlachten selbst, alles andere empfände ich als Doppelmoral.»

Die Zukunft der Stadtbauern

Wohin führt das noch mit diesen Stadtbauern, fragt sich nicht nur Toronto. Craig Verzone ist Landschaftsarchitekt und forscht in der Schweiz zum Thema städtische Landwirtschaft, kürzlich im Rahmen eines nationalen Forschungsprogramms über neue urbane Qualität. Der US-Amerikaner sagt: «Der direkte Zugang zur Natur ist auch für Stadtmenschen ein Grundbedürfnis» – und weil Hühnerhalten relativ einfach sei, könne der Einzelne so die Qualität seines städtischen Lebens relativ einfach erhöhen.

Komplexer werde es, wenn es um die Haltung im öffentlicheren städtischen Rahmen geht. Professionelles, produktives Urban Farming, bei dem Tiere involviert sind, sei rar. So stehen bei solchen Projekten oft andere Faktoren im Vordergrund als Effizienz – es fehlt an Platz. Craig Verzone glaubt nicht, dass die Natur in der Stadt der Zukunft mehr Platz einnehmen wird. «Es wird nicht mehr Natur geben, sondern besser genutzte Natur.» In diese Richtung gebe es aktuell viele Bemühungen, auch landwirtschaftlich relevante – Tiere spielten dabei aber eine untergeordnete Rolle. Dem Stadthuhn bleibt die Symbolkraft. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.09.2014, 11:29 Uhr

Videos

Rebecca Mumaw gibt eine Einführung in die Hühnerzucht im Hinterhof. Video: Sourcemgnews/Youtube

Eine anonyme Sprecherin von Torontochickens.com im Interview.

Videos: Green Apple Landscaping/Youtube

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