Die Feindin aller Liebenden

Eifersucht kann wie eine Sucht sein. Was dieses komplexe Gefühl, das zu Mord und Totschlag führen kann, über Menschen und Kulturen verrät.

Grünäugiges Monster: Wer wählen könnte, würde auf Eifersucht verzichten. Foto: Getty Images

Grünäugiges Monster: Wer wählen könnte, würde auf Eifersucht verzichten. Foto: Getty Images

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Raffaela war betrunken, aber sie hätte sein Auto wohl auch in nüchternem Zustand demoliert. Sie war auf einer Party gewesen, zum ersten Mal seit langem als Single, frisch getrennt von ihrem Freund – nicht zum ersten Mal. Raffaela ist eine kontrollierte Person, erfolgreiche Grafikerin, mit liberalen Vorstellungen, was Sexualität und Gesellschaft betrifft. Sie hatte sich an dem Abend vorgenommen, ihre Freiheit zu geniessen, vielleicht jemand Neues zu treffen. Stattdessen traf sie auf ihren Ex-Freund. In einer dunklen Ecke ging er einer anderen an die Wäsche. Raffaela stürmte davon, hinaus auf die Strasse. Als sie im Quartier das Auto ihres Ex-Freundes entdeckte, schmetterte sie ihm ihr schweres Veloschloss in die Windschutzscheibe. «Ich konnte nicht mehr denken. Ich war wie von Sinnen.»

Jeder kennt das Gefühl, das man als «grünäugiges Monster» bezeichnet. Es fährt ein wie eine Droge. Mit einem Schlag jagt das Herz, das Blut schiesst in den Kopf und vernebelt die Sinne, die Gedanken drehen sich im Kreis, werden zwanghaft. Aber keiner gibt gern zu, eifersüchtig zu sein. Denn Eifersucht ist etwas Kleinliches, nichts, auf das man stolz ist. Doch nicht alle können die Sucht nach Missgunst kontrollieren. Und im Unterschied zu Drogen kann man nicht einfach darauf verzichten.

Eifersucht kann alles vergiften: klares Denken, Gespräche, Beziehungen. In fast allen Fällen häuslicher Gewalt gibt Eifersucht den Ausschlag, gefährlich wird es vor allem dann, wenn ein Rivale oder eine Rivalin auftaucht. Wie im Fall eines italienischen Wachmanns, der Ende Mai seine Ex-Freundin auf besonders brutale Weise getötet hatte. Er ertrug es nicht, dass sie sich auf eine neue Beziehung eingelassen hatte. Eine ganze Nacht lang stellte er ihr nach, bis er sie am frühen Sonntagmorgen mit seinem Auto von der Strasse abdrängte, und als sie die Türe öffnete, prügelte und würgte er sie, übergoss sie mit Benzin und zündete sie an. «Krankhafte Eifersucht» habe den Mann zur Tat getrieben, sagten die Ermittler später.

Warum wir eifersüchtig sind

Eifersucht ist ein universelles Gefühl, bekannt in allen Kulturen und auf allen Zivilisationsstufen. Sie betrifft nicht nur Sexualität in Paarbeziehungen, sie kommt unter Freunden und Geschwistern vor, sogar Haustiere werden eifersüchtig. Ganz generell werden Menschen eifersüchtig, wenn die einzigartige Position gegenüber einer wichtigen Bezugsperson durch jemand anderen gefährdet scheint. Entsprechend definieren Psychologen Eifersucht als «leidenschaftliches Streben nach Alleinbesitz der emotionalen Zuwendung einer Person mit Angst vor echten oder vermeintlichen Nebenbuhlern». Sex kann, muss dabei nicht unbedingt eine Rolle spielen.

Die Schwester der Eifersucht ist die Kränkung, die sich aus Zurückweisungen und Ohnmachtsgefühlen ergibt. Oft steht sie am Anfang einer Kette, die zu häuslicher Gewalt oder zu Amokläufen führt. Die forensische Psychiaterin und Buchautorin Heidi Kastner definiert sie als eine «nachhaltige Erschütterung der Selbstdefinition durch eine relevante Person». Eifersüchtige und Gekränkte fühlen sich in ihrem Selbstwert zurückgesetzt und reagieren mit Wut und Ärger. Die Erfahrung ist eine ganz alltägliche, doch nicht alle Menschen können mit starken Gefühlen umgehen. Gerade Männer, die es nicht gewohnt sind, sich zu artikulieren, reagieren denn auch öfter mit explosiver Gewalt gegen andere, während Frauen eher zur Depression und Selbstbezichtigung neigen.

Woher rührt dieser Anspruch auf Exklusivität in der Liebe, frage ich Ulrich Clement, Paartherapeut und Sachbuchautor zum Thema Treue. Seine Antwort wäre eigentlich romantisch, aber die Konsequenzen sind schmerzvoll: «Was die romantische Liebe ausmacht, ist dieser Punkt der Einzigartigkeit. Dass ich nicht austauschbar bin, ist als Liebender Teil des existenziellen Auf-der-Welt-Seins, es ist bedeutungsgebend und sinnstiftend. Wenn die andere Person sich jemand anderem zuwendet, geht ein Grossteil von diesem Selbstverständnis flöten.»

Mit dem Selbstverständnis geraten auch andere vermeintliche Gewissheiten ins Wanken, Misstrauen und Argwohn sind die Folge. Ein Verdacht will sich bestätigt sehen, und nie waren die Bedingungen für Hobbyspione besser als heute. Manche Frauen kontrollieren die digitale Kommunikation ihres Partners regelmässig oder dann, wenn sie einen Verdacht haben. Auch wenn sie zugeben, dass dieses Verhalten übergriffig ist, empfinden sie oft eine moralische Berechtigung dazu. Besonders wenn sie dann auch fündig werden.

In einer Umfrage des Christlichen Friedensdienstes (CFD) und des Onlineportals «20 Minuten» mit über 47 000 Teilnehmenden von 2014 gab rund ein Drittel der Frauen an, schon einmal das Handy des Partners kontrolliert zu haben, bei den Männern ist es jeder vierte. Und je älter die Befragten, desto negativer standen sie zur Eifersucht. Während bei den 20-Jährigen noch fast jeder zweite Eifersucht als Zeichen von Liebe wertete, war es bei den 30-Jährigen nur noch jeder vierte.

Wenn Eifersucht eine anthropologische Kon­stante ist, muss sie einen evolutionären Sinn haben. Verhaltensbiologen erklären sie mit der reproduktiven Agenda unserer Spezies, bei der die Männer ihre wertvollen Gene möglichst weit streuen wollen und Frauen auf der Suche nach einem ressourcenstarken Mann sind, der in gemeinsamen Nachwuchs zu investieren bereit ist. In dieser Logik sind Männer eifersüchtig, weil sie sicherstellen wollen, dass ihre Frau ihnen kein Kuckuckskind unterjubelt, denn das wäre eine Fehlinvestition.

Frauen hingegen müssen den Mann kontrollieren, damit er seine Spermien nicht woanders ablädt, sich dabei möglicherweise verliebt und sie links liegen lässt. Und tatsächlich haben Psychologen in empirischen Studien nachgewiesen, dass Frauen und Männer in Sachen Eifersucht unterschiedliche Muster zeigen.

Einer dieser Unterschiede betrifft die Art der Untreue, ob es um sexuelle Fehltritte ohne emotionale Bindung geht oder intensive emotionale Zuwendung ohne Sex. Demnach fühlen sich Männer stärker durch sexuelle Untreue bedroht, während Frauen sich eher davor fürchten, dass sich ihr Partner in eine andere verlieben könnte. Frauen sind denn auch eher bereit, rein sexuelle Untreue zu verzeihen, solange sie nichts bedeutet. Solche Unterschiede zwischen den Geschlechtern wurde in vielen, auch kulturübergreifenden Studien bestätigt. Dennoch ist fraglich, wie aussagekräftig sie sind. Denn die Komplexität des realen Alltags wird in einer Studie oft nur unzulässig abgebildet. Und die Frage, was schlimmer ist, wenn der Partner einen One-Night-Stand hat, der nichts bedeutet. Oder wenn er sexuell treu bleibt, aber sich anderweitig verliebt, lässt sich ohne Begleitumstände kaum beantworten.

Clement bestätigt zwar Unterschiede zwischen den Geschlechtern, gibt aber zu bedenken, dass die Variationen innerhalb der Geschlechter ebenfalls gross und allgemeine Aussagen deshalb schwierig zu treffen sind.

Tatsächlich bleiben bei der evolutionstheoretischen Erklärung viele Fragen offen. Zum Beispiel, warum sexuelle Eifersucht in Kulturen mit liberalerer Beziehungsauffassung weniger verbreitet ist. Oder warum auch in ein und derselben Kultur manche Menschen eifersüchtiger sind als andere und warum sogar ein und dieselbe Person manchmal mehr, manchmal weniger eifersüchtig reagiert.

Die Eifersuchtserfahrung zählt

Neuere Forschungsansätze konzentrieren sich denn auch mehr darauf, wie Lernerfahrungen mit Untreue und Eifersucht das Verhalten beeinflussen. Denn ob jemand eifersüchtig reagiert oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab: von der Persönlichkeit, dem Alter der Person, ihrer Gebärfähigkeit, ihren Erfahrungen mit dem Thema, dem Anspruch an die Beziehung und der Beziehungssituation und dem kulturellen Hintergrund. Was Letzteres anbelangt, geben drei Faktoren den Ausschlag: Menschen aus Kulturen, in denen persönlichem Besitz grosser Wert beigemessen wird, neigen zu grösserer Eifersucht. Dasselbe gilt für Kulturen, in denen Sexualität starken Restriktionen unterliegt und die Frage der Nachkommenschaft wichtig ist für den sozialen Status. Entscheidend ist letztlich, wie das Verhalten des Partners interpretiert und bewertet wird.

So oder so bleibt Eifersucht eine Nemesis aller Beziehungen. Nicht selten bleibt von der Liebe nur eine Leiche zurück, wenn das Monster erst mal zu wüten beginnt. Davon weiss Isabelle zu berichten. Nach Jahren an der Seite eines depressiven Mannes suchte sie sich einen Liebhaber. Sie fand David, ebenfalls verheiratet, sie verliebten sich und unterhielten sechs Jahre lang eine Affäre. Eifersucht war dabei ein wiederkehrendes Thema.

Isabelle konnte es nicht ertragen, dass David mit seiner Frau in die Ferien fuhr und auch hin und wieder mit ihr schlief, während sie mit ihrem Mann seit Jahren keinen Sex mehr hatte. Als sie deshalb vorschlug, sich einen zweiten Liebhaber zu nehmen, zögerte David so lange, dass Isabelle einfach handelte. Sie begann eine weitere Affäre, was David wegen eines offenen Skype-Fensters entdeckte. Isabelle gestand, aber David flippte aus. Nicht der Seitensprung sei das Schlimmste, sondern dass sie ihn deswegen angelogen habe. Später fand Isabelle heraus, dass er ebenfalls noch eine weitere Affäre eingegangen war.

Viele Paare halten es theoretisch für eine gute Idee, ihre Beziehung zu öffnen. Doch im Kopf mit einem Vorschlag mitzugehen, bedeutet etwas anderes, als das auch real zu leben. Das Herz hat oft seinen eigenen Kopf. Selbst Polyamoristen, die sich für offene Beziehungen entscheiden, haben Probleme mit der Eifersucht. Ihre Lösung heisst Transparenz. Wer über alles Bescheid weiss, kann nicht hintergangen werden, so die Idee. Doch erstens gibt es auch in offenen Beziehungen schnell Geheimnisse, und zweitens nimmt die Dynamik zu, je mehr Leute in einer Beziehung hängen. Das weiss jeder, der schon einmal eine Dreiecksbeziehung geführt hat.

Selbst wer vom Partner über ein sexuelles Verhältnis informiert wurde, ist nicht gefeit vor dem Gefühl, betrogen zu werden. «Auch offene Beziehungen scheitern häufig an der Eifersucht», so Clement. «Unsere Vorstellungen von demokratischen, fairen und jetzt auch noch offenen Beziehungen sind ja schön. Aber das archaische Erbe ist viel älter und nicht immer so einfach zu kontrollieren, wie wir uns das wünschen.»

Am Ende bleibt jedem nur, seine eigene Bewältigungsstrategien zu finden, um das grünäugige Monster zu domestizieren. Und zu hoffen, dass man es erledigt, bevor es die Liebe erledigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2016, 18:45 Uhr

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