Die Flugzeugpendler kommen

Londoner Häuser kosten so viel, dass Menschen mit dem Flugzeug in die Stadt pendeln. Mit entsprechenden Folgen.

Bild: Ruedi Widmer, Tages-Anzeiger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Moderne hat eine neue Lebensform geschaffen: den Flugzeugpendler. Jeden Morgen besteigt er die Maschine einer Billig-Airline, um zur Arbeit zu fliegen. Am Abend gehts via Luftweg zurück, nach Hause.

Das lohnt sich, wie der englische Blogger Sam Cookney in einem viel beachteten Beitrag vorrechnet. Monatlich spart ein Flugzeugpendler 387 Euro, wenn er vier Tage die Woche von Barcelona mit Ryanair nach London jettet – statt dort zu wohnen. Das Beispiel vergleicht eine Londoner 2-Zimmer-Wohnung und eine mit drei Zimmern in Barcelona, beide in vornehmen Vierteln gelegen.

Cookneys Gedankenspiel erntete auch Häme: Wer zwängt sich täglich vier Stunden in ein enges Flugzeug? Der Einwand scheint relativ. Vor 100 Jahren hätten die Menschen gefragt: Wer zwängt sich täglich zwei Stunden in vollgestopfte Züge? Die Rechnung ist so eindrücklich, weil sie zwei mächtige Trends kreuzt. Das Leben in erfolgreichen Metropolen verteuert sich rasant. Die Ausgaben für Mobilität sind geschrumpft.

«Hot–Bunking»

Zwischen Juli 2012 und Juli 2013 kletterten die Londoner Hauspreise um 10 Prozent. Der Wert vieler Häuser hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Zeitungen berichten von Zuständen wie in Dickens-Romanen. Das «Hot-Bunking» (die Mehrfachbenutzung eines Betts) sei wieder aktuell. Mittelstandsfamilien wandern in Vororte ab, um sich für den Zins nicht «versklaven» zu müssen. Wegen permanenter Wirtschaftskrisen suchen Reiche aus der ganzen Welt sichere Wertanlagen. Solche bieten Londoner Backsteine. Die Stadt boomt, hat eine stabile Regierung und verlangt wenig Steuern. 2012 flossen 120 Milliarden Franken Bargeld in Londoner Immobilien. Die Häuser sind zur Währung geworden.

Flugpreise weisen in die umgekehrte Richtung: Tiefstlöhne, Billigkerosin und Minimalservice haben das Fliegen erschwinglicher gemacht als Zugfahren. Die Konsequenz heisst: Flugzeugpendeln. In den Kommentaren zu Cookneys Beitrag berichten Menschen, die in Berlin leben und in London arbeiten. Sie verbringen acht Wochenstunden über dem Boden.

Zürich ist wie London

Die Dynamik zwischen London und Barcelona funktioniert gleich wie die zwischen Zürich und Trüllikon. Auch Zürcher Häuser dienen als Wertanlagen für Pensionskassen und private Investoren, was die Preise nach oben drückt. Umgekehrt bleiben die Pendelausgaben bescheiden, weil der Bund Auto- und Zugfahrten subventioniert. Als Folge wächst der Schweizer Verkehr mehr als dreimal so schnell wie die Bevölkerung (TA vom 30. September). Die Pendlerkontroverse konzentrierte sich bisher auf die Mobilität. Sie müsse mehr kosten, fordern Verkehrsplaner und der Wirtschafts-Thinktank Avenir Suisse. Das Argument bleibt einseitig: Wenn Ryanair die Ticketpreise verdoppelte, könnten sich deshalb nicht mehr Menschen eine Wohnung in London leisten.

213'000 Pendler kommen täglich nach Zürich. Die teils ewigen Fahrten erdulden sie nicht nur, weil sie trotz Generalabonnement mit ihren Häusern in Randlagen Geld sparen. Viele tun es, weil Zürich keine zahlbare Wohnung bietet. Um den «Mobilitätswahnsinn» zu heilen, reicht es nicht, beim Verkehr aufzuschlagen. Es braucht mehr günstige Stadtwohnungen, die lange Arbeitswege über- flüssig machen. Um es mit Sam Cookney zu sagen: Überteuerte Zentrumsmieten lassen Städte veröden. Und machen die Umwelt rundherum kaputt. Bun (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.11.2013, 10:14 Uhr)

Artikel zum Thema

Wenn es in London Abend wird

Studentinnen und Studenten in Europas grösster Finanzmetropole erholen sich im Pub von den Lernstrapazen. Oder sie schauen sich Gratis-Kunst an, oder dann streifen sie durch verlassene Gebäude. Mehr...

Zu cool, um wahr zu sein

London gilt als Europas wichtigste Lifestyle- und Trendcity. Wirft man aber einen Blick hinter die schillernde Fassade der englischen Hauptstadt, stellt man bald fest, dass vieles mehr Schein als Sein ist. Mehr...

Der Pendler in Slow Motion

Es ist zwar nicht ganz «Baywatch», aber trotzdem lustig anzuschauen: So sehen rennende Pendler aus, die versuchen, ihren Zug zu erwischen – in Zeitlupe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Der Wüstenbesuch: Die britische Premierministerin Theresa May am zweiten Tag des Gulf-Cooperation-Council-Gipfels in Manama, Bahrain. Am diesjährigen Treffen werden regionale Themen, etwa die Situation in Jemen und Syrien, sowie auch die vermeintliche Bedrohung aus dem Iran besprochen. (7. Dezember 2016).
(Bild: Carl Court / Getty) Mehr...