«Die Fremdenfeindlichkeit hier ist nicht so gross»
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 26.01.2010 5 Kommentare
Leo Schelberts Aussagen sind wie Beruhigungstee. Sie wirken wohltuend, sie relativieren manches. Denn Leo Schelbert denkt in historischen Dimensionen und deutet die Gegenwart entsprechend. Kommt dazu: Er ist ein freundlicher, 81-jähriger Mann, der den Mitmenschen grundsätzlich mit Vertrauen gegenübertritt, der Verständnis zeigt für das Andere – und: getrieben ist von Neugierde und aufrechtem Interesse.
Jetzt sitzt er in der Cafeteria der Zürcher Zentralbibliothek. Hier forschte er, der seit über vierzig Jahren in den USA lebt, einst über auswandernde Schweizer. Heute ist Schelbert nur auf Stippvisite hier. Er trägt einen dunklen Anzug mit dezenter Krawatte, hat den Blick konzentriert auf die Tischplatte gerichtet, die Hände bleiben darunter verborgen. Und redet. Und referiert. Pausenlos. Ein feines Lächeln umsäuselt seinen Mund, er spricht mit ruhiger Stimme, artikuliert überklar, verwendet kaum ein Fremdwort.
Dabei könnte er auch anders. Der emeritierte Uni-Professor ist ein international anerkannter Experte im Bereich Ein- und Auswanderung. Vor vier Jahren erhielt er den Auslandschweizer-Preis, kürzlich erschien sein Buch über Schweizer Auswanderer im 18. und 19. Jahrhundert in die heutigen Vereinigten Staaten als Neuausgabe. Doch Leo Schelbert bleibt auf dem Boden. Er ist bescheiden – und hat nur einen grossen Wunsch: dass die Schweiz sich als Ein- und Auswanderungsland wahrnimmt und sich der Diskurs über Ausländer entsprechend entspannt. «Unsere Nation war immer auch ein Einwanderungsland», sagt er und geht im Geplapper der Kaffee trinkenden Studenten fast unter.
Immigration als Konstante
Die Schweiz besteht gemäss Leo Schelbert nicht nur aus ihrem Kernland mit den 26 Kantonen, sondern sie hat einen 27. Kanton: «Die Summe der über alle Weltteile verstreuten Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer», Fünfte Schweiz genannt. Als Sechste Schweiz bezeichnet der Geschichtsprofessor «Fremdgeborene, die in diesem Gebiet leben, das wir heute Schweiz nennen», also eingebürgerte Einwanderer oder in der Schweiz lebende Ausländer. Er sieht Aus-, Ein- und Binnenwanderungen als natürlichen Bestandteil der Schweizer Geschichte – und stört sich daran, dass dies im Schweizer Bildungssystem nur Randthema ist. «Dabei handelt es sich um ein zentrales Phänomen. Das Wissen darüber könnte helfen, den heutigen Einwandernden unaufgeregter und offener gegenüberzutreten. Immigration ist eine Konstante, kein ungewöhnliches Phänomen; 1920 hatten wir auch ein Fünftel Fremdgeborene im Land.»
Leo Schelberts 30-jährige Forschungs- und Lehrtätigkeit über die amerikanische Einwanderungsgeschichte, insbesondere über die Schweizer Immigranten, ermöglicht ihm eine distanzierte Sicht auf das Zeitgeschehen hierzulande. Die Annahme der Minarett-Initiative etwa hat bei ihm zuerst «Erstaunen und Schrecken» ausgelöst. Heute, mit einigen Wochen Abstand, sagt er: «Ich bin je länger, desto weniger beunruhigt über das Abstimmungsresultat. Denn eine Öffnung in der Schweiz kommt nie auf einen Schlag, das ist ein Prozess der Abgrenzung und des Auf-sich-Zugehens, das dauert.»
Abstimmungsresultat eine Chance
Der Geschichtsprofessor glaubt, das Abstimmungsresultat sei gar eine Chance. «Mit etwas Einsatz kann die Schweiz diese Niederlage in Gold umwandeln», sagt er, und rührt in seinem Kaffee. Indem man sich zum Beispiel vermehrt frage, welche Weltanschauungsformen einen prägten – losgelöst von der Wahrheitsfrage. «Wenn wir uns damit auseinandersetzen, welche Denkstrukturen uns leiten, schaffen wir automatisch Verständnis für andere Denkstrukturen.»
Eine typische Schelbert-Aussage. Wie auch die: «Ist die Vergangenheit ein Gradmesser, dann wird die angespannte Debatte um das Zusammenleben in der Schweiz dazu führen, mehr Verständnis für das Andere aufzubringen.» Weisen die Debatten um Muslime oder Deutsche nicht auf eine zum Teil fremdenfeindliche Schweiz hin? «Wissen Sie, wenn man die Wanderungsgeschichte global betrachtet, ist die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz nicht so gross», relativiert Schelbert.
Pluralist und Patriot
Ursprünglich wollte Leo Schelbert Missionar werden. Heute bezeichnet er sich als Pluralist. Er möchte sich keiner Partei zuschreiben, sieht vielmehr das Zusammenspiel unterschiedlicher politischer Kräfte als Bereicherung. «Es braucht in jeder Hinsicht Vielfalt und Gegenspiel, damit es weder zu Dominanz noch Tyrannei kommt. Nur der ständige Ideologiekampf macht Qualität aus.» Als überzeugter Advokat der direkten Demokratie winkt er nicht ab, wenn man ihn einen Patrioten nennt.
Er, der mehr als die Hälfte seines Lebens in den USA verbracht hat und mit einer Amerikanerin verheiratet ist, wollte sich nie einbürgern lassen. «One country is trouble enough», witzelt er und ergänzt: «Ich fühle mich ‹däne› nicht wohl, bin ein Fremdling geblieben.» Das amerikanische Denken, die Grossräumigkeit, die politische Form seien ihm fremd geblieben. «Und das schnelle Du ist mir ein Gräuel. Ich schätze es, wenn man vom Sie zum Du die grosse zwischenmenschliche Entwicklung symbolisch machen kann.» Das heisst nicht, dass sich Leo Schelbert in seiner zweiten Heimat nicht integriert fühlt. Durch seine vier Kinder und die Enkelkinder hat er so etwas wie eine nationale Verwurzelung gefunden. Doch innerlich hat er sich nicht angepasst. Er sieht sich nicht als Auslandschweizer, sondern als Schweizer im Ausland. Und dieser sitzt noch fünf Jahre nach Abnahme der letzten Dissertation an der University of Illinois in Chicago Tag für Tag in der Bibliothek, jeweils acht Stunden. Er habe früh eingesehen, dass man sich einen Plan machen müsse im Leben, diszipliniert arbeiten, ob an der Hochschule oder in einem Handwerk.
Geboren als eines von elf Kindern und aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im Sanktgallischen und später im Bündnerland, kommt er seit seiner Auswanderung etwa alle drei Jahre in die Schweiz – meist aus beruflichen Gründen. Berufliche Gründe haben ihn einst auch in die Ferne getrieben: Er studierte in New York City und dissertierte dort über eingewanderte Schweizer Täufer. Dass er bleiben würde, war nicht vorgesehen. Dass er wieder in die Schweiz zieht, schliesst er aus. Doch seine Brücken zur Schweiz wird er nie abbrechen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2010, 06:39 Uhr
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5 Kommentare
Die Fremdenfeindlichkeit ist gar nicht so gross, aber sie wird von verantwortungslosen Kreisen produziert und laufend hochgekocht, nur mit dem Ziel, einer Partei, die eigentlich nichts Konstruktives beiträgt für unser Land sondern nur einigen Superreichen Ego und Pfründe sichert ,dauernd wieder Auftrieb zu verschaffen. Antworten
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