Die Genie-Fabriken

In den USA grassiert der Frühförderungsvirus. Bereits 2-jährige Kinder werden in Vorkindergartenkurse gesteckt, um ihnen auf diese Weise einen Platz in einer Hochbegabtenstätte zu sichern.

Kleinkinder spielen mit Holzklötzen: Wissenschafter sind der Meinung, dass diese Frühförderung genug sei.

Kleinkinder spielen mit Holzklötzen: Wissenschafter sind der Meinung, dass diese Frühförderung genug sei. Bild: Keystone

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«Der Mensch ist von Geburt an fähig zu lernen», heisst es auf der Webseite von Kumon. Kumon, das ist eine vor über fünfzig Jahren entwickelte japanische Mathematik-Lehrmethode, die an privaten Zentren in über 40 Ländern unterrichtet wird und derzeit in den USA einen regelrechten Boom erlebt. Seit die Zentren das Mindestalter für Kursteilnehmer auf zwei Jahre heruntergesetzt haben, sind die Anmeldezahlen in die Höhe geschossen.

Die Eltern hoffen, mit der gezielten Frühförderung ihre Kinder für die strengen Aufnahmetests von Eliteschulen vorzubereiten und ihnen somit einen Platz an einer Hochbegabtenschule wie etwa der renommierten Anderson School oder der Tag Young Scholars («Tag» steht für «talented & gifted») in Manhattan zu sichern. Die «New York Times» berichtete kürzlich über diesen Trend auf der Frontseite, das «Wall Street Journal» interviewte darauf die Starpsychologin Alison Gopnik, die so gut wie gar nichts von Frühförderungsprogrammen und dem Wettbewerbsdenken überehrgeiziger Eltern hält.

Anmeldungen verdreifacht

Unter diesen scheint in New York tatsächlich ein regelrechter Wettbewerb ausgebrochen zu sein: So konnte das japanische Franchising-Unternehmen Kumon letztes Jahr 30 Prozent zulegen, seit der Eröffnung des ersten Centers vor vier Jahren hat sich die Zahl der Anmeldungen verdreifacht. Zu den bereits bestehenden 36 Schulen, kommen dieses Jahr 14 neue dazu. So schnell schiessen nicht einmal Starbucks-Filialen aus dem Boden. Die Kleinkinderförderung hat sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt, das täglich wächst. «Je früher, desto besser», scheint die Devise zu heissen, die immer mehr Eltern dazu bringt, ihre Kinder bereits im Vorkindergartenalter pädagogischen Fachpersonen anzuvertrauen, um das Beste aus ihnen herauszuholen.

Spielerisch lernen

Doch es ginge auch einfacher: Professor Werner Wicki von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz hält Mathematikaufgaben für 2-Jährige für «nicht sinnvoll». Man könne die Kinder genauso gut spielen lassen, denn im Alter von «drei bis fünf Jahren inszenieren Kinder spontan mit Geschwistern und Gleichaltrigen ausgiebige Rollenspiele». Diese seien sehr wichtig für die Entwicklung eines Kindes, weil damit nicht nur die Interpretation von Rollen, sondern auch die Lösung von Konflikten gelernt würde. Diese Prozesse fördern das Kind genauso gut, «und zwar sowohl sozial-emotional als auch kognitiv und sprachlich». Ebenfalls effektiv sei das Erzählen von Geschichten oder das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern.

Diese These vertritt auch die Kinderpsychologin Alison Gopnik, die die kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindern wissenschaftlich untersucht hat. Sie warnt sogar vor zu viel Förderung: «Es gibt in den letzten Jahren einen ständigen Drang, die Kindergärten immer schulischer zu machen und somit das Ausprobieren zu bremsen. Das ist die falsche Richtung. Wir wissen jetzt, dass Spielen das Gebiet ist, auf dem das eigentliche Lernen stattfindet.»

Asiatischer Drill als Vorbild

Gänzlich entgegengesetzter Meinung ist die als «Tiger-Mutter» bekannt gewordene und sehr umstrittene Bestsellerautorin Amy Chua («Die Mutter des Erfolgs – wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte»). In ihrem Erziehungsratgeber beschwört die chinesischstämmige Universitätsprofessorin äusserst strenge Erziehungsmethoden und den asiatischen Drill, dem sie als Kind selber ausgesetzt war. Dank der typischen chinesischen Strenge ihrer Eltern habe es sie ganz nach oben geschafft – und der einzige Weg an die Spitze ist Disziplin.

Die dreifache Mutter und Sprachwissenschafterin Helen Doron liess sich, als sie vor 25 Jahren ein spezielles Englischlernprogramm für Kinder entwickelte, ebenfalls von einem asiatischen Pädagogen inspirieren. So basiert ihr «Helen Doron Early English» auf der «Suzuki-Methode», die durch wiederholtes Hören von Musik Kinder im Vorschulalter das Geigenspielen lehren soll. Doron übernahm die Methode, um Kindern die englische Sprache beizubringen, und hat inzwischen ein florierendes Franchising-Unternehmen aufgebaut, das in über dreissig Ländern vertreten ist.

Der Kleinkinderförderungsboom ist der erfolgreichen Englischlehrerin nicht entgangen, und so führt Helen Doron neuerdings den «Baby's Best Start»-Kurs im Angebot. Das Ziel sei, «das sprichwörtliche Eintauchen in die englische Sprache und nicht das Erlernen einzelner Wörter», heisst es im Kursbeschrieb. Dies scheint vernünftig, wenn man bedenkt, dass die Zielgruppe Babys «im Alter» von drei bis 22 Monaten sind.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.06.2011, 14:05 Uhr)

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