«Die Kälber werden bereits am Tag der Geburt ihrer Mutter entrissen»

Der Skandal um Pferdefleisch ist nur einer von vielen. Für Renato Pichler, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus, ist Fleischkonsum nicht akzeptabel. Im Interview erklärt er, warum.

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Herr Pichler, glauben Sie, dass sich wegen des aktuellen Pferdefleischskandals mehr Menschen vegetarisch ernähren werden?
Es gibt nach jedem Skandal Personen, bei denen gerade dies der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Bei der Mehrheit der Bevölkerung wird es jedoch ihr Essverhalten nur kurzfristig beeinflussen, weil sie solche Ereignisse schnell wieder verdrängen werden – wie alle anderen Probleme des Fleischkonsums.

Welche denn?
Ich denke da zum Beispiel an die Antibiotika-Abgabe. Zwar sind seit dem 1. Januar 1999 Antibiotika als Leistungsförderer in der Schweizer Landwirtschaft verboten, doch die Realität sieht leider anders aus: Antibiotika werden nicht mehr offiziell als Leistungsförderer eingesetzt – sondern nur noch zur Behandlung von Krankheiten. Über 90 Prozent der Schweizer Kälber erhalten Antibiotika. 2012 wurden allein in der Schweiz 57 Tonnen Antibiotika an Tiere verabreicht. Diese Zahlen zeigen, dass die Haltungs- und Transportbedingungen so tierfeindlich sind, dass die Mastkälber die wenigen Lebensmonate ohne Antibiotika kaum überstehen würden. Ausserdem werden die Kälber in der Regel bereits am Tag der Geburt ihrer Mutter entrissen, da deren Milch ja für die Menschen gebraucht wird. Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist bei Kühen sehr stark. Es kommt deshalb oft vor, dass eine Mutterkuh noch tagelang nach ihrem Jungen ruft, und für die Kälber ist diese Trennung ein sehr grosser, krank machender Stress.

Sind denn auch Bio-Kälber davon betroffen?
Ja. Auch in der Bioproduktion werden die Kälber sofort von der Mutter getrennt, um eine noch stärkere Bindung zu verhindern. Auch Bio-Kälber werden ja nur zur Welt gebracht, um zu Fleisch verarbeitet zu werden. Und weil sie oft nur ein Nebenprodukt der Milchindustrie sind. Das Bio-Futter, das die Kälber während ihres kurzen Daseins erhalten, macht ihr Los kaum besser.

2010 erschien Jonathan Safran Foers Bestseller «Tiere essen». Darin beschreibt und kritisiert er die Massentierhaltung in den USA – wie sieht die Situation in der Schweiz aus?
Die Umstände sind nicht die gleichen. Jedoch muss man berücksichtigen, dass es auch in der Schweiz gravierende Missstände gibt und oft die Minimalanforderungen des Tierschutzgesetzes nicht eingehalten werden. Die Öffentlichkeit hat aber ein völlig falsches Bild von der Schweizer Tierhaltung – nicht zuletzt wegen der Massnahmen der subventionierten Branchenorganisation Proviande.

Wie sieht denn die Realität aus?
Nehmen wir mal die Schweinezucht: Unser Gesetz sieht vor, dass die Schweine, weil sie als intelligente Tiere gelten, eine Beschäftigung haben müssen. Stroheinstreu ist schon seit Jahren Pflicht, doch es wird als unnötiger zusätzlicher Arbeitsaufwand angesehen und deshalb nicht von allen Tierhaltern eingehalten, was verschiedenste Kantonstierärzte bestätigen können. Dies hat schwerwiegende Folgen: Die Schweine können durch die endlose Langeweile sehr aggressiv werden und sich sogar gegenseitig Schwänze oder Ohren abbeissen. Zudem müssen diese Schweine ihr Leben in ihrem eigenen Kot verbringen, was für die sehr sensiblen Tiere mit einem unglaublich feinen Geruchssinn eine lebenslange Qual darstellt. In der Freiheit würden sie immer Kotplatz von Liegeplatz und Fressplatz strikt trennen. In der heute üblichen Massentierhaltung ist dies aber nicht möglich. Rund 50 Prozent des in der Schweiz konsumierten Fleischs stammt übrigens vom Schwein. Und fast 100 Prozent davon wird in der Schweiz «produziert». Dennoch sieht man kaum Schweine in der Schweiz, weil diese fast alle in Tierfabriken vor sich hin vegetieren müssen.

Was ist mit den Labels «Bodenhaltung» und «Freilandhaltung», kann man sich denn wenigstens an diesen orientieren?
Der Begriff «Freilandhaltung» ist nicht einmal gesetzlich definiert und schliesst auch keine Massentierhaltung aus. 18'000 Hühner dürfen in der Schweiz pro Betrieb gehalten werden. Die Hackordnung bei einer Hühnergruppe funktioniert jedoch nur bei bis zu etwa 90 Tieren. Das heisst: Die Hühner, egal ob Bodenhaltung oder Freilandhaltung, leben im Dauerstress, weil sich nie eine stabile Hackordnung entwickeln kann. Freilandhaltung bedeutet nur, dass die Hühner theoretisch Auslauf haben könnten. Jedoch wird dieser gerade bei Grossbetrieben kaum genutzt, da die Öffnungen der Ställe bei so vielen Tiere viel zu klein sind und im Auslauf Unterstände (Bäume, grosse Sträucher) als Schutz gegen Greifvögel und andere Tiere fehlen. Die Hühner getrauen sich dadurch oft nie ins Freie, werden aber dennoch als «Freilandhühner» verkauft.

Der Londoner Starkoch Yotam Ottolenghi, der zwar selber Fleisch isst, hat in England mit seinen vegetarischen Kochbüchern einen richtigen Vegetarier-Hype ausgelöst. Wie sieht die aktuelle Situation in der Schweiz aus, gibt es mehr Vegetarier als früher?
Attila Hildmann hat in Deutschland einen ähnlichen, kleineren Hype mit veganen Kochbüchern ausgelöst. Ich kenne auch viele, die wegen seines Buches «Vegan for Fit» einen 30-Tage-Selbstversuch gemacht haben und feststellen konnten, dass sie sich dadurch viel fitter und gesünder fühlten. Auch wenn nicht alle, die diesen Versuch gemacht haben, Veganer bleiben, weil dies nicht so einfach umsetzbar ist, so gibt es dadurch sicher viele neue Vegetarier, die nur noch wenig tierische Produkte konsumieren.

Als Gegenargument zum Vegetarismus wird oft erwähnt, dass Mangelerscheinungen auftreten können – worauf muss man achten, wenn man sich vegetarisch ernährt?
Diese These ist wissenschaftlich längst widerlegt. Doch die Schweiz hat eine sehr starke Fleisch- und Milchlobby, welche versucht, dieses Vorurteil ständig zu untermauern. Grundsätzlich müssen Vegetarier auf dieselben Dinge achten wie Fleischesser: viel Gemüse, viel Früchte, ein hoher Rohkostanteil. Es erstaunt mich immer wieder, dass ausgerechnet bei der vegetarischen Ernährung über mögliche Mangelerscheinungen diskutiert wird, obwohl bei Fleischessern dieses Problem durch die einseitige, auf tierischen Produkten basierende Ernährung viel grösser ist. Dass Vegetarier in medizinischen Studien immer wieder besser abschneiden als Fleischesser, hat nicht nur mit unserem gesünderen Lebensstil zu tun, sondern tatsächlich auch mit der Ernährung.

Welche Vorteile bringt eine vegetarische Ernährungsweise?
Tierische Produkte enthalten viele für den Menschen schädliche Substanzen, mal abgesehen von den illegalen Antibiotikarückständen. Viele tierische Fette sind für diverse «Zivilisationskrankheiten» mitverantwortlich. Das ist belegt. Es gibt aber auch ökologische Vorteile: Durch den Fleischkonsum werden mehr Treibhausgase freigesetzt als durch den gesamten weltweiten Verkehr. Ausserdem ist der Umweg der Nahrungsmittelproduktion über den Tiermagen extrem ressourcenverschwendend: Es braucht viel mehr Energie, Wasser und Land, um tierische Nahrung zu produzieren als pflanzliche. Nur schon die kleine Schweiz muss jährlich rund eine Million Tonnen Futtermittel importieren. Zum Beispiel Soja aus Brasilien, das wiederum für einen Teil der Regenwaldabrodung verantwortlich ist. Um Fleisch zu essen, muss immer zuerst ein Tier getötet werden. Da das Tier nur zum Schlachten gezüchtet wurde, ist das Tierwohl nie an erster Stelle, sondern der Profit des Tierbesitzers. Dies sieht man am einfachsten im Vergleich zwischen der «Nutztierhaltung» und der «Heimtierhaltung»: Würde jemand seinen Hund oder seine Katze so halten, wie bei uns Schweine gehalten werden, würde zu Recht ein Aufschrei durch die Massen gehen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.02.2013, 16:03 Uhr)

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