Die Post-Privacy-Bewegung

Leistungsfähige Computer wissen manchmal mehr über uns als wir selber. Die Privatsphäre ist am Ende. Das mag beängstigend tönen, bringt aber grosse Freiheiten mit sich.

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Als Jeff Jarvis erfuhr, dass in seiner Prostata Krebszellen wucherten, hinderte ihn ein einziger Grund daran, die Nachricht sofort im Internet zu verbreiten: sein Sohn. Der war gerade in den Ferien und sollte persönlich von der Erkrankung erfahren. Nachdem Jarvis seine Familie aufgeklärt hatte, bloggte er: «Ich habe Krebs, Prostatakrebs.»

Jeff Jarvis ist Buchautor, Internet-Euphoriker und zählt zur Post-Privacy-Bewegung, einer losen Gruppe von Theoretikern und Programmieren, die das Ende der Privatsphäre ausrufen. Durch die NSA-Affäre sehen sie sich bestätigt. Spätestens seit Edward Snowden die breitflächige Überwachung des US-Geheimdienstes aufgedeckt hat, ist für die Post-Privacy-Denker klar: Die Privatsphäre ist tot, die NSA hat lediglich noch ihren Stempel daruntergesetzt.

Die unvorstellbare Menge an Daten, die alle Internetnutzer streuen, habe die Privatsphäre längst ausgehöhlt – auch wenn viele Menschen noch in der Illusion lebten, das Persönliche für sich behalten zu können.

Grosse Kleider bestellt: zu dick

Anekdoten stützen diese Behauptung: Informatiker haben einen Algorithmus entwickelt, der aus Internetprofilen die sexuelle Ausrichtung bestimmen kann. Das gelingt auch, wenn Schwule darauf achten, keine offensichtlichen Hinweise wie Fotos vom Christopher-Street-Day aufzuschalten.

Eine Amerikanerin erfuhr durch das Gratulations-E-Mail ihres Supermarktes, dass sie schwanger war. Aufgrund ihres veränderten Kaufverhaltens hatten Rechenmodelle dies vorausgesagt – bevor es die Frau selber merkte.

Kunden einer amerikanischen Krankenversicherung bekamen die Aufforderung, an einem obligatorischen Abnehmprogramm teilzunehmen. Sie hatten häufig übergrosse Kleider bestellt. Woraus die Versicherung schloss, dass diese Menschen zu dick waren.

Gleichzeitig unterspült es das Fundament

Dank gestiegener Rechenkapazitäten können Computer die riesigen Datensätze, welche unter anderem das Internet liefert, nach Regelmässigkeiten durchforsten. Die Maschine wendet solche Muster auf neue Situationen an und erstellt dadurch Prognosen. Viele menschliche Entscheide, so individuell sie sich anfühlen, können Maschinen voraussagen – wenn sie über genug Zahlen verfügen.

Als besonders effizient hat sich das Übereinanderlegen mehrerer Datensätze erwiesen. So gehen Geheimdienste vor: Wer ein Facebook-Profil, Handydaten, Kreditkartenrechnung, GPS-Koordinaten, Google-Suchanfragen, Internet-Cookies und Einkäufe in Supermärkten kurzschliesst, erhält ein intimes Abbild davon, wie ein Mensch lebt.

Das Datensammeln soll Staaten vor Terror schützen und Unternehmen erfolgreicher machen. Gleichzeitig unterspült es das Fundament, auf dem das westliche Verständnis vom freien Menschen fusst.

Schutz gegen Gruppendruck

Die Privatsphäre als Raum, in dem jeder unbeobachtet seiner Vorlieben und Macken frönen kann, ist eine Erfindung der liberalen politischen Theorie. Sie beruht auf einem Vertrag zwischen Bürger und Staat: Die Bürger halten sich an Gesetze und erfüllen ihre Pflichten. Dafür lässt sie der Staat bei der persönlichen Entfaltung in Ruhe.

Die Privatsphäre, so die Theorie, ist die Burg, welche den freien Menschen der «Tyrannei der Mehrheit» entzieht, ihn vor sozialen Druckversuchen bewahrt. Nur dank dieser Schutzzone kann der Bürger in Massendemokratien seine Unabhängigkeit erhalten. Dazu gehört, dass jeder selber bestimmen darf, wem er welche persönlichen Informationen verrät. Die Privatsphäre hört erst dort auf, wo sie als Tarnung missbraucht wird, um Gesetze zu brechen.

Diese Vorstellung begann sich vor etwa 300 Jahren durchzusetzen. Bis zum späten Mittelalter lebten die Europäer eingebettet in einem vertrauten Umfeld, das Beruf, Partner und Freunde bestimmte. Wer Eigensinn zeigte, verlor seinen Platz in der Gesellschaft. Häuser boten keine Rückzugsräume. Die meisten Menschen verbrachten all ihre Zeit inmitten anderer Menschen.

Arbeiter lebten zusammengepfercht

Erst freie Märkte und die Verstädterung ermöglichten, dass sich Privatsphäre im heutigen Sinn bildete. In den wachsenden Metropolen prallten Hunderttausende von Menschen auf engem Raum zusammen. Sie waren einander fremd und verdächtig. In den eigenen vier Wänden suchten sie Schutz vor den anonymen Massen.

Selbstdarstellung entwickelte sich zum Erfolgsfaktor. Um sich in einem unbekannten Umfeld wirtschaftlich durchzusetzen, mussten sich die Menschen voneinander abgrenzen und soziale Rollen annehmen. Nur zu Hause durften die Städter ihre Masken ablegen und sie selbst sein. Die boomende Romanproduktion bestärkte sie, ihr Innenleben zu pflegen. Und sich als authentische Personen zu erfinden.

Lange blieb das Private Luxus: Noch im 19. Jahrhundert konnte sich nur das Bürgertum Wohnungen mit abgetrennten Einzelzimmern leisten. Die Arbeiter lebten zusammengepfercht in Mietskasernen. Der Marxismus beurteilte die Idee skeptisch: Wer sich zu Hause verkrieche, der entziehe sich einer solidarischen Gemeinschaft.

Nazis sammelten Daten

Seit sich die Privatsphäre als Ideal etabliert hat, ist sie Angriffen ausgesetzt. Ende 19. Jahrhunderts fürchteten sich die Menschen vor den neuen Kodak-Kameras, die es erlaubten, den Alltag Fremder heimlich zu dokumentierten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs der Staat zur grössten Bedrohung. Als Schreckensbeispiel dienten die Nazis, welche die Judenvernichtung auch dank umfangreicher Bevölkerungsdaten so effizient durchführen konnten. Negative Utopien wie «1984» und «Brave New World» warnten vor Überwachungsstaaten, die alle Bürger durchleuchten und gleichschalten.

In den 60er-Jahren begannen Boulevardmedien, das Privatleben von Prominenten immer detaillierter zu entblössen. Vor 13 Jahren liessen sich erstmals Menschen für die Fernsehshow «Big Brother» in überwachte Container sperren. Indem die Bewohner ihre Privatsphäre opferten, erlangten sie Prestige und Geld. Im Jahr 2000 galt dieser Handel als Tabubruch. Die sozialen Medien haben ähnlichem Verhalten längst zu breiter Akzeptanz verholfen.

Befreiende «Coming-outs»

Derzeit wackelt die Privatsphäre gleich unter drei Aspekten. Firmen versuchen Kundenwünsche vorauszurechnen. Geheimdienste können so viele Datenquellen anzapfen wie noch nie. Und viele Menschen stellen freiwillig Intimes aus.

Die Post-Privacy-Bewegung hat das Ideal deshalb aufgegeben. Für sie ist klar: Die Mächtigen entwickeln immer wirksamere Methoden, um sich Daten zu beschaffen; Gesetze können kaum etwas dagegen ausrichten; autoritäre Staaten machen sowieso, was sie wollen; Liberale Länder statten ihre Geheimdienste mit weiten Befugnissen aus. «Und private Unternehmen eilen der Gesetzgebung voraus. Notfalls flüchten sie sich ins Ausland oder ins Kriminelle», schreibt Christian Heller in seinem Buch «Post-Privacy».

Auch Privateinstellungen auf Facebook oder anderen Diensten böten lediglich eine geborgte Privatsphäre. Nehme man diese an, gewähre man demjenigen Macht, der sie gewährt. Solche Residuen könnten jederzeit geknackt werden. Dieses Risiko gelte selbst für verschlüsseltes Surfen, zum Beispiel über das Tor-Netzwerk.

Und wenn sich alle Menschen einigelten

«Schonungslose Transparenz» soll die Privatsphäre ersetzen. Wer alles von sich aus der Öffentlichkeit preisgibt, bei dem haben die Geheimdienste nichts mehr zum Schnüffeln. Im Gegenzug gehörten die Geheimnisse der Macht erobert – durch Gesetze, Plattformen wie Wikileaks oder Hackerkollektive. Dank der Datenkonzentration seien Staaten und Unternehmen noch nie so leicht verletzbar gewesen wie heute.

Christian Heller und Jeff Jarvis sagen, dass persönliche «Coming-outs» befreiend wirkten. Oft verberge man zu viel von sich. Unverkrampfte Offenheit könne neue Formen des Miteinanders hervorbringen. Und wenn sich alle Menschen einigelten, lasse sich die Freiheit nur schlecht verteidigen. Das Internet biete neue Öffentlichkeiten, um sich demokratisch auszutauschen. Diese dürfe man nicht voreilig abklemmen.

Andere Post-Privacy-Vertreter glauben, dass sich eine Art Gleichgewicht des Schreckens einstellen wird. Wenn ich über den anderen genau so viel weiss, wie er über mich, wird er sich hüten, meine Daten zu missbrauchen.

Eine weltweite Kommune

Post-Privacy-Gegner sehen mit der Privatsphäre die Freiheit des Einzelnen untergehen. Wer bei jeder Handlung damit rechnet, dass ein anderer zuschaut, füge sich vorauseilend den Konventionen. Menschen, die ständig online kommunizieren, gewährten sich keinen Raum ausserhalb der gesellschaftlichen Erwartungen mehr. Und beschnitten so die eigene Unabhängigkeit.

Kritiker vergleichen das Post-Privacy-Ideal mit 68er-Kommunen in Berlin. Diese duldeten keine geschlossenen Zimmertüren und verpflichteten ihre Bewohner dazu, über alles in der Gruppe zu reden. Durch diese Lebensform hätten sich die Kommunenmitglieder ganz dem Gruppendruck unterworfen.

Datensammler, sagen Kritiker, verhielten sich niemals neutral. Firmen und Staaten nutzten die Angaben, um Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Verhaltens oder ihrer Gesundheit einzuordnen. Was dazu führe, dass viele Leute für ihre Lebensweise oder Veranlagung bestraft würden – indem sie etwa höhere Versicherungsprämien bezahlen müssen. Nur wer dem öffentlichen Ideal entspreche, könne sich Transparenz leisten. Alle anderen würden benachteiligt.

Internetabsenz wird zum Luxus

Die Verteidiger der Privatsphäre setzen auf strengere Datenschutzgesetze, wie sie die EU derzeit ausarbeitet. Bei Verstössen drohen hohe Bussen, welche die Unternehmen abschrecken und schwächen sollen. In der Schweiz wehrt sich die Piratenpartei gegen ein neues Überwachungsgesetz (Büpf), das die umfassende Überwachung von Computern und Handys erlauben soll. Andere Kritiker gehen noch weiter. Sie fordern, neue Technologien, welche die Privatsphäre stark bedrängen, von Beginn weg zu verbieten.

Oft beklagen Privacy-Verfechter, wie gleichgültig das Thema die meisten Bürger lasse. Da Massenüberwachung unsichtbar ablaufe, müsse man gezielt die Angst davor schüren. Nur so entwickelten die Menschen ein Gefühl für die tatsächliche Bedrohung.

Pessimisten sehen bereits eine neue Elite entstehen, die es wirtschaftlich nicht nötig hat, sich auf dem Internet zu vermarkten. Der grösste Luxus der Zukunft bestünde ironischerweise darin, online nicht zu existieren. Und sich von Hand Briefe zu schreiben, die kein Computer entziffern kann. Nur manövrierte man sich so in die politische Handlungsunfähigkeit.

Jeff Jarvis wird da nicht mitmachen. Den Prostatakrebs hat er überlebt – auch dank der vielen Tipps, die er über das Internet erhalten habe. Nach seiner Genesung trat er in der Radioshow von Howard Stern auf. Der Moderator fragte: «Kriegen Sie ihn denn noch hoch?» «Nein», antwortete der grauhaarige Professor. Und plauderte schonungslos offen über seine Impotenz.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.09.2013, 07:28 Uhr)

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