Die Produktion von Angst

Christa Markwalder, Geri Müller, das Schweizer Fernsehen, Carlos – sie alle liefern perfekten Empörungsstoff.

Auf eine empörte Story folgen die Reaktionen von Lesern, Experten und Politikern. Starenschwarm in Israel. Foto: Oded Balilty (AP Photo)

Auf eine empörte Story folgen die Reaktionen von Lesern, Experten und Politikern. Starenschwarm in Israel. Foto: Oded Balilty (AP Photo)

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Es ist das erfolgreichste Genre im aktuellen Journalismus: die kleine empörte Geschichte.

Sie steigt immer dann, wenn jemand bei einer Unkorrektheit erwischt wird: Eine linke Nationalrätin raucht im Rauchverbot, ein rechter Nationalrat beschäftigt eine Asyl­bewerberin, ein Jugo-Raser brüstet sich mit aufgerüsteten Autos, eine ­Bundeshaussekretärin twittert Halbnacktbilder.

Das Verblüffende an den Empörungsgeschichten ist, dass sie so gut wie nie mit Empörung geschrieben sind. Sie sind nicht das Ergebnis der Emotion, sondern der Ökonomie. Journalismus läuft zunehmend schneller, mit weniger Personal, seine Ergebnisse sind messbar. Die ideale Geschichte ist also: a) schnell machbar, also schnell begreiflich für Autor wie Leser, b) fortsetzungsfähig, c) sorgt für möglichst viel Reaktion.

Das ist das Robotbild der Empörungsgeschichte: Leser schreiben armlange Kommentarspalten, zur Fortsetzung reagieren Politiker, Experten, Psychologen, dann der Angeschuldigte selbst, darauf wieder Politiker, Experten, Psychologen, dazwischen säuseln Journalisten Kommentare ein und Medienprofessoren Metakommentare.

Die Empörungsgeschichte ist das perfekte Perpetuum Mobile. Erstens, weil nach der Startgeschichte die Konkurrenz aufspringt und der Wettlauf beginnt. Zweitens, weil eine ganze Generation von Journalisten darauf trainiert wird: Die Kommentar­schlangen am Artikelende sind oft die einzige Reaktion, die sie bekommen. Kein Wunder, fragt der Chef an der morgendlichen Konferenz: «Wo haben wir heute den Aufreger?»

Ökonomisch tödlich

So ökonomisch diese Sorte Story ist, so tödlich ist sie auf lange Sicht. Erstens, weil sich Zeitungen ein Publikum der Verlierer heranzüchten. Denn verbitterte Leute sind immer Verlierer. Und sie sind immer illoyal: Sie werden sich bei der ersten Gelegenheit mit gleich grosser Wut auf den Lieferanten des Empörungsstoffs stürzen wie auf den Stoff selbst.

Zweitens, weil die Medien sich irrelevant machen: In der Schweiz war die grösste Politgeschichte 2014 die Geschichte eines Nationalrats, der privat Bilder seines Penis verschickt hatte – mit über 1400 Artikeln. In Deutschland diskutierte man nicht über die Ideen des griechischen Finanzministers zur Eurozone, sondern über seinen Zeigefinger. Und gegenwärtig erscheinen zehnmal mehr Artikel zur Gebührenreform der SRG als über die Erbschaftssteuer.

Drittens schaden die Medien damit ihrem Land objektiv. In der Affäre Carlos erschienen Hunderte Artikel zum Skandal, dass ein jugendlicher Messerstecher in der Therapie Thaiboxen durfte. Das Resultat: Im Aargau waren die Jugendarbeiter für Monate beschäftigt, in den Akten alter Fälle Begründungen nachzuliefern. Und in Fällen, wo sie früher sagen konnten: «Du hast einen Seich gemacht. Zwei Wochen auf die Alp mit dir!», müssen sie nun den Weg über den Staatsanwalt nehmen. Und die Dossiers jugendlicher Täter gehen über den Tisch des Regierungsrats.

Das politische Resultat von Empörungsjournalismus ist primär Angst: die Angst, einen Fehler zu machen. Und zu deren Abwehr mehr Bürokratie. Journalismus wird zu einer teuren Sache.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.05.2015, 23:02 Uhr)

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