Leben

Die Spassguerilla geht an die Urne

Zum Jahresende räsoniert der Psychoanalytiker Peter Schneider über das Verhalten des Stimmvolks, die Boulevardisierung der Medien und die falsche Sehnsucht nach der Vergangenheit.

Bild: Schaad

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Angenommen, Sie wären Ghadhafi: Würden Sie nach der Minarett-Abstimmung die Schweizer Geiseln überhaupt jemals freilassen?
Dass man auf eine solche Frage überhaupt kommen kann, hat man sich mit der Abstimmung selbst eingebrockt. Und zwar nicht erst mit deren Ergebnis, sondern mit der Abstimmung selber. Wenn Politik zur symbolischen Übersprungshandlung wird, wird politisch alles möglich. Ist die politische Vernunft erst ramponiert, agiert es sich ganz ungeniert. Für Ghadhafi galt das immer schon; nun hat die Schweiz ihrerseits einen bedeutsamen Schritt in diese Richtung gemacht. (Und wenn man die Leute in anderen Ländern Europas so liesse, wie sie wollten, würden sie noch so gerne mitschreiten.) Geiseln zu halten, um einen missratenen Sohn zu rächen, funktioniert strukturell nicht so viel anders, als den Neubau von Minaretten zu verbieten, um all den islamischen Übeln dieser Welt Einhalt zu gebieten. In einem Tagi-Interview vom 1. 12. über das «weibliche Unbehagen in Sachen Islam» hat Julia Onken z. B. gesagt, dass «die hohe Stimmbeteiligung und das Resultat zeigen, dass ein enormer Ärger bei den Leuten vorhanden war. In der anonymen Abstimmung drückten die Leute ihren Frust aus . . .» Das ist dasselbe Erklärungsmuster, mit dem nicht integrierte Schläger vom Balkan ihrem Sozialarbeiter verklickern, warum sie unbedingt ein paar Passanten zusammenschlagen mussten.

Also wären alle Ja-Stimmer irrational. Wie erklären Sie sich als Psychoanalytiker, dass so viele Leute kollektiv so handeln?
Irrational und rational sind keine absoluten Begriffe. Auch das Irrationale hat seine innere Logik. Solche Privat-Logiken aufzudecken und ihre Entstehung zu begreifen, ist tatsächlich das tägliche Brot eines Psychoanalytikers. Aber geht es hier tatsächlich um unbewusste Konflikte und verschobene Ängste? Vielleicht muss man die ganze Geschichte von einer ganz anderen Perspektive anschauen: Die Initiative wurde möglicherweise nicht angenommen, obwohl die Argumente dafür blöd und widersprüchlich waren, sondern gerade deshalb. Die 57 Prozent Ja-Stimmer wären somit gar keine Ansammlung von tief verängstigten Menschen, die man nun behutsam dort abholen muss, wo sie mit ihren Nöten und Sorgen stehen; sie bilden vielmehr so etwas wie einen Abstimmungs-Flashmob, eine heterogene Ad-hoc-Spassguerilla.

Das Abstimmungsresultat als Folge unserer verkommenen Mediengesellschaft? Wären damit nicht alle Ja-Sager verantwortungslose Brüder und Schwestern von jemandem wie Carl Hirschmann, der jede vernünftige Relation verloren hat?
Was ich von Carl Hirschmann weiss, weiss ich aus Zeitungsberichten, denen ich so viel traue wie den Alarm- Statistiken des Bundesamtes für Gesundheit. Wenn Sie das mit «verkommener Mediengesellschaft» meinen . . . Was ich meinerseits mit der Anti-Minarett-Spassguerilla meine, bezieht sich nicht bloss auf den Verlust vernünftiger Relationen, sondern auf die Tatsache, dass politischer Eskapismus offenkundig kein Privileg der üblichen Verdächtigen aus SVP und Auns bzw. kleiner Grüppchen linker Weltverbesserer ist, welche eine McDonald’s- Filiale abfackeln, um das Weltklima zu retten. Die Maxime «legal, illegal, scheissegal» (Hauptsache symbolisch!) hat erstmals eine (nicht nur) bürgerliche Mehrheit gefunden.

Apropos Hirschmann: Ich sehe, Sie versuchen uns hier zum Jahresende ein Pamphlet zum Elend der Qualitätspresse unterzujubeln . . .
Ach ja? Nun denn: Vor etwa zwanzig Jahren hat mir die Journalistin Corinne Schelbert etwas gesagt, was mir hängen geblieben ist. Immer wenn sie im «Spiegel» einen Artikel über etwas lese, wovon sie selber Ahnung habe, merke sie, welcher Schrott da verzapft werde. Mir geht es oft so beim Zeitunglesen: Ich sehe Artikel von himmelschreiender Irrelevanz, unrecherchierten Blödsinn, Argumente, die keine sind, an den Haaren herbeigeschriebene Skandale, zusammengestoppelte Meinungen und Umfragen . . . Und ich frage mich, warum ich manchen Zeitungen überhaupt irgendetwas glauben soll, wenn das, was ich aufgrund meiner Kenntnisse selber einigermassen beurteilen kann, derart unbrauchbar ist.

Betreiben die Medien eine professionelle Konsumentenverarschung?
Man fühlt sich beim Lesen tatsächlich oftmals wie der Kunde, der wegen eines Problems mit seinem Handy die Hotline seines Mobilfunkanbieters anruft und schon nach ein paar Sekunden merkt, dass der Mensch im Callcenter noch viel weniger weiss als man selber. Ich bin gewiss niemand, der eine Zeitung liest, um «Orientierung» zu erfahren. Die gabs in der «Prawda» und gibts im «Osservatore Romano». Sachkundige Information, die ich nicht mühsam zwischen irrelevantem und geradezu desinformierendem Mist zusammensuchen muss, würde mir reichen. Es gibt Zeitungen, die mit ihrer Aufmachung und der Zusammenstellung ihrer Meldungen zunächst einmal signalisieren: Hallo, Leute, wir finden wie ihr, dass Lesen langweilig ist, aber wir müssen schliesslich auch von was leben – bringen wirs also schnell hinter uns, und in der Onlineausgabe gibts zur Belohnung eine Fotostrecke mit Britney Spears ohne Höschen. Wie soll man Blätter ernst nehmen, deren Zielgruppe aus Illettristen zu bestehen scheint? Ich will die Krise der Zeitungen nicht allein darauf zurückführen – aber ein Teil dieser Krise ist durch solche Strategien, die man verharmlosend «Boulevardisierung» nennt, selbst verschuldet.

Da stellt sich natürlich fast unweigerlich die Frage: Weshalb halten Sie sich selbst so gerne in Zeitungen auf? Und gleich noch eine zweite Frage: Sind Phänomene wie die Boulevardisierung der Medien und der Abstimmungs-Flashmob vielleicht zwei miteinander verwandte Konsequenzen unserer Nuller-Jahre?
Zur ersten Frage: Weil ich so furchtbar gerne räsoniere – und das tut man am besten zuhanden eines Publikums. Aber wenn man es im Tram statt in der Zeitung macht, rücken die Leute von einem weg oder wechseln sogar den Wagen. Der Antwort auf die zweite Frage möchte ich, sozusagen als Präambel, zwei Sätze Michel Foucaults voranstellen: «Die Veränderungen, die unter unseren Augen stattfinden, und uns zuweilen auch entgehen, sollten uns nicht nostalgisch werden lassen. Es genügt, wenn wir sie ernst nehmen, das heisst, wenn wir erkennen, wohin wir gehen, und wir deutlich machen, was wir in der Zukunft nicht akzeptieren wollen.» Vergangenheitssehnsucht ist eine schlechte Basis für Kritik.

Aber waren der Medienschaffende und der Medienkonsument vor 2000 nicht noch ein bisschen ernsthafter und erwachsener als heute?
Wann? Als das Infotainment noch nicht aus breitgetretenem Hirschmann-Blowjob-Wigdorovits-Rufmord-Jetztspricht-Jasmins-Freundin-Quark, sondern aus strammer fremdenfeindlicher Hetze bestand? Und man nicht über die Anti-Minarett-, sondern über die Schwarzenbach-Initiative abzustimmen hatte? Ist das die Ernsthaftigkeit, zu der wir zurückwollen? Kritik funktioniert nur konkret und aktuell und im Detail und nicht, wenn sie aus einer historischen Raumschiff-Perspektive oder als Schwärmerei von alten Zeiten betrieben wird. Als Belohnung für die kritischen Bemühungen hat man immerhin gute Chancen, von Dr. Blocher zum Professor ernannt zu werden. Leichter war eine akademische Karriere noch nie zu haben.

Mit Peter Schneider mailte Simone Meier (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2009, 06:11 Uhr

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7 Kommentare

Jürg Bachofner

29.12.2009, 20:08 Uhr
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Ich meine, dass die Schweizer als der Souverän eines funktionierenden Rechtstaates in ihren Entscheidungen es mit jeder Regierung auf der Welt aufnehmen können. Wichtige Entscheide erwiesen sich meist als durchaus staatsmännisch und dem Lande dienlich. Ich empfinde es deshalb – selbst ein Gegner der Minarett-Initiative –, als unschweizerisch, „die anderen” als politisch unreif hinzustellen. Antworten


Celine Jundt

29.12.2009, 12:25 Uhr
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"Wie soll man Blätter ernst nehmen, deren Zielgruppe aus Illettristen zu bestehen scheint?" - Weltklasse! Nahezu noch schöner die empörten Reaktionen jener, die alles für bare Münze nehmen und sofort den Mahnfinger heben müssen, was denn nun alles falsch sei an Schneider's Aussagen. Zurücklehnen und über Anregungen nachdenken kann so viel entspannender sein als stets aus der Haut zu fahren... Antworten


ralph kocher

28.12.2009, 20:11 Uhr
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Zu diesem, des Volkes innerer Kern: Kollektive (auch einzelne) Sichtweisen können sich posthum wenden wie der Wind. Momentan wird, wie in meinem vorherigen Posting angesprochen, mal zuerst so richtig tüchtig eingeheizt. Genügend Zunder ist laut Kriminalitätsstatistik vorhanden. Das Ganze mobbt in eine Lage, die sich nur dann von selbst erlöst - wenn ihr der Boden genommen wird: Als Gang in die EU. Antworten


Artur Walser

28.12.2009, 18:17 Uhr
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Sie widersprechen sich ,Herr Schneider Anfangs sagen Sie.... um all den islamischen Uebeln dieser Welt Einhalt zu gebieten.....um dann später die 57% ja Sager zu veräppeln als Spassguerilla hinzustellen. Eine 35-jährige Perserin erlebte als 12 Jährige den Einzug des Khomeini-Regimes. Grauenhaft! Sie flüchteten. Achmedinejad war damals 16 jähriger Jungkiller mit Kalashinkow unterwegs. Antworten


Roger Riegel

28.12.2009, 12:55 Uhr
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Ziemlich überzeugend, was Peter Schneider ausführt. Antworten


majo naef

28.12.2009, 11:47 Uhr
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Komisch das Minarettverbot wird als irrational abgetan aber das ja zur Waffenausfuhr nicht einmal erwähnt. Peter Schneider ich kann sie nicht ernst nehmen. Antworten


fredi flückiger

28.12.2009, 11:23 Uhr
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Die Jasager sind keine lustigen Stimmguerillas, sondern trendiger und selbstbewusster Teil des Souveräns, der mit der Symbolik umzugehen weiss, bevor BR Leuenberger auch nur von einer Bahnlinie nach Kopenhagen wusste. Die "Verlierer" sollten endlich wieder Verstand und Relationen finden, die "Gewinner" nicht mehr zu beleidigen, schliesslich wurde nicht die Vielehe verboten. Antworten



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