Die Stars und der Tod

Von den Eagles of Death Metal bis Pearl Jam: Wie Künstler damit umgehen, wenn auf ihren Konzerten Menschen sterben.

In Erinnerung an die Tragödie in Dänemark: US-Sängerin Patti Smith wirft eine Rose in das Publikum des Roskilde-Festivals, zehn Jahre nach der Massenpanik im Juni 2000. (Archivbild: Keystone)

In Erinnerung an die Tragödie in Dänemark: US-Sängerin Patti Smith wirft eine Rose in das Publikum des Roskilde-Festivals, zehn Jahre nach der Massenpanik im Juni 2000. (Archivbild: Keystone)

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Auf den letzten Song folgten nicht Applaus und Jubel, sondern Panik. Die Show der US-amerikanischen Popsängerin Ariana Grande in Manchester war beinahe zu Ende, als im hinteren Teil der Konzerthalle eine Explosion 22 Menschen tötete und Dutzende verletzte. Viele der Konzertbesucher waren Teenager, Kinder in Begleitung ihrer Eltern. Denn die 23-jährige Ariana Grande, bekannt geworden durch eine Nickelodeon-Serie, ist ein Star der jungen Generation: 105 Millionen Follower auf Instagram, 46 Millionen auf Twitter, zwei Nummer-1-Alben in einem Jahr.

Als Nächstes hätte Grande, die schon seit 15 auf der Bühne steht, unter anderem in London, Antwerpen, Paris und Zürich auftreten sollen. Ob sie ihre Welttournee fortsetzt, ist jetzt allerdings fraglich. Ihr nächstes Konzert in London am Donnerstag hat Grande abgesagt. «Am Boden zerstört. Aus tiefstem Herzen – es tut mir so leid. Ich finde keine Worte», schrieb die Sängerin heute Morgen auf Twitter.

Wie gehen Musiker damit um, wenn Menschen auf ihren Konzerten sterben, wenn ihre Show von Attentätern als Plattform missbraucht wird? Vor eineinhalb Jahren musste die Rockband Eagles of Death Metal erleben, wie im Publikum plötzlich Schüsse fielen, sie selber konnten sich unverletzt durch den Bühnenausgang retten. In einem Interview wenige Wochen danach brach Sänger Jesse Hughes mehrmals in Tränen aus. Schlagzeuger Julian Dorio sagte: «Wir sind eine richtig laute Rockband, aber diese Schüsse übertönten alles. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich konnte Schiesspulver riechen.»

Die Eagles of Death Metal in ihrem ersten Interview nach dem Attentat von Paris in November 2015. (Video: Youtube/Vice)

Rasch kehrte die Band wieder auf die Bühne zurück, doch das Trauma war offensichtlich nicht überwunden. Sänger Jesse Hughes, schon früher mit Äusserungen zu Irakkrieg und Waffenbesitz aufgefallen, verirrte sich in Verschwörungstheorien, unterstellte dem Sicherheitspersonal des Bataclan Komplizenschaft mit den Attentätern und sagte, Muslime hätten auf den Strassen von Paris den Anschlag gefeiert.

Am ersten Jahrestag des Anschlags waren die Eagles of Death Metal wieder in der französischen Hauptstadt – allerdings nicht im Bataclan. Die Betreiber verweigerten ihnen den Zutritt, «es gibt Dinge, die vergisst man nicht», sagten sie.

Anders, nämlich mit dem vorübergehenden Rückzug, reagierten Pearl Jam. Im Jahr 2000 mussten sie auf einem Festival im dänischen Roskilde mitansehen, wie an ihrem Konzert neun Menschen zu Tode gedrückt wurden. Einige Festivalbesucher waren vorne auf dem nassen Untergrund ausgerutscht, während die Menge von hinten zum Bühnenrand drängte.

Einen Monat lang zog sich die Grungeband aus Seattle danach komplett zurück, erst als ein Polizeibericht ihnen die Hauptschuld am Drama gab, reagierten sie. Die Band habe die Fans in die Ekstase getrieben und so die Panik ausgelöst, hiess es.

Zwar revidierte die Polizei später ihre Ansicht – nun wurden Sicherheitspersonal, schlecht funktionierende Lautsprecher und alkoholisierte Festivalbesucher verantwortlich gemacht –, doch der Vorfall würde Pearl Jam nicht mehr loslassen. Frontmann Eddie Vedder verschwand für ein Jahr aus der Öffentlichkeit, Gitarrist Stone Gossard nahm Kontakt auf mit den Angehörigen der Opfer. Erst nach langem Zögern entschieden sie sich dazu, überhaupt wieder Konzerte zu geben.

Auf ihrem nächsten Album «Riot Act» machten sie den Vorfall in zwei Songs zum Thema. Zehn Jahre später erinnerte Eddie Vedder an einem Konzert in Berlin unter Tränen an Roskilde, «den schlimmsten Tag unseres Lebens».

Immer noch sprachlos: Pearl Jam in Berlin im Jahr 2010. (Video: Youtube/Fun Thom)

Auch die Rolling Stones erlebten ein traumatisches Konzert, 1969 in Kalifornien. Das Altamont Free Concert endete mit vier Toten: Ein afroamerikanischer Zuschauer verlor sein Leben bei einer Messerstecherei vor den Augen der Band, in dem Durcheinander rundherum ertrank ein weiterer Konzertbesucher in einem Fluss, zwei Menschen kamen bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben.

Stones-Sänger Mick Jagger soll später nur knapp einem Anschlag der Hells Angels entkommen sein. Die Motorradbande wollte damit rächen, dass die Stones sie nach dem Vorfall in Altamont nicht mehr als Sicherheitsleute engagierten. Es war ein Mitglied der Hells Angels gewesen, das den Zuschauer erstochen hatte, er berief sich später erfolgreich auf Notwehr.

Dieses Konzert endete in einem Desaster: Die Rolling Stones auf dem Altamont Speedway bei Livermore in Kalifornien. (6. Dezember 1969) (Bild: Keystone)

In einem Interview mit dem Musikmagazin «Rolling Stone» fast 20 Jahre später gestand Jagger, er habe sich nach dem Konzert «einfach nur schrecklich» gefühlt. «Du fühlst dich verantwortlich», sagte er, «wie konnte das alles so enden?»

Gleich das Ende bedeutete ein verstörender Vorfall 2004 für die Band Damageplan. Bei einem Konzert in Ohio stürmte ein psychisch kranker Amokläufer die Bühne, erschoss den Gitarristen aus nächster Nähe und feuerte danach wahllos um sich, bevor ein Polizist ihn tötete. Die erst vier Jahre zuvor gegründete Band löste sich auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 15:15 Uhr

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